„Er ebnete den Weg für das Berliner Schloss“

27.02.2022  –  FAZ

Von Andreas Kilb

Sein Fassaden-Coup in Berlin ließ die öffentliche Meinung zugunsten der Rekonstruktion des Hohenzollernschlosses kippen. Heute wird Wilhelm von Boddien achtzig Jahre alt.

er historische Augenblick des Wilhelm von Boddien kam im Juni 1993. Damals wuchs in kurzer Bauzeit aus sechshundert Tonnen Stahlgerüsten und neuntausend Quadratmetern bemalten Kunststoffplanen das Ab­bild der einstigen Hohenzollernresidenz auf dem Berliner Schlossplatz in die Höhe.

Fünfzehn Monate lang, bis zu ihrem Abbau im September des Folgejahres, war die Fassadensimulation in Berlin Stadtgespräch – und mit ihm der Name Boddiens, der erst kurz zuvor den Förderverein Berliner Schloss mitgegründet hatte und seitdem als dessen Vorsitzender amtierte.

Der durch Spenden finanzierte Fassaden-Coup drehte die öffentliche Diskussion um die Neugestaltung der Berliner Mitte zugunsten der Schlossrekonstruktion, die von 2002 an unter dem Namen Humboldt-Forum Gestalt annahm.

Auch bei deren Realisierung spielte Boddien eine wesentliche Rolle. Denn als der Bund und das Land Berlin sich 2007 auf einen Neubau aus Bundesmitteln einigten, schoben sie dem Schlossverein die Aufgabe zu, die veranschlagten achtzig Millionen Euro für Fassade und Kuppel wiederum aus Spenden aufzubringen. In den folgenden Jahren wuchs diese Summe auf 105 Millionen Euro an. Dennoch gelang es Boddien und dem Verein, sie vollständig einzuwerben.

Die Kuppel ist Aktivisten ein Dorn im Auge

Dabei hat der umtriebige Boddien, wie sich letztes Jahr herausstellte, auch Geld von politisch weit rechts stehenden Spendern angenommen. Dass die meisten Bundespolitiker es offensichtlich vermeiden, sich bei offiziellen Termin im Humboldt-Forum mit ihm zu zeigen und seine Rolle bei der Entstehung des Gebäudes zu würdigen, hat freilich einen anderen Grund.

Seit der Grundsteinlegung vor neun Jahren haben postkoloniale Aktivisten zunehmend die Deutungshoheit über das Forum übernommen. Die Fassade mit der Kuppel, die von einer christlichen Inschrift und einem goldenen Kreuz gekrönt wird, ist ihnen dabei ein besonderer Dorn im Auge.

Wilhelm von Boddien aber hat immer beides verteidigt, das barocke Äußere des Schlossbaus und den modernen Inhalt. Seinem historischen Augenblick bleibt er treu.

Am Sonntag wird der Hamburger Kaufmann, der einem alten mecklenburgischen Adelsgeschlecht mit politisch und künstlerisch aktiven Mitgliedern entstammt – einer seiner Vorfahren saß im Paulskirchenparlament, eine weitere Verwandte gehörte als Abgeordnete der Deutschnationalen Volkspartei dem Reichstag an -, achtzig Jahre alt.

 

Quelle: FAZ, 27.02.2022

 

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