„Nur Unschuldsengel sagen sich von ihrer Geschichte los“

07.02.2022 – Neue Zürcher Zeitung

Humboldt-Forum: Nur Unschuldsengel sagen sich von ihrer Geschichte los

Von Richard Schröder

Mit allerlei Verbiegungen hält sich das Humboldt-Forum in Berlin die Last von Kreuz und Inschrift seiner Kuppel auf Distanz. Ist interkultureller Dialog nur mit kruder Weltsicht möglich?

Das wiedererrichtete Berliner Stadtschloss, das als Humboldt-Forum nun die ethnologischen Sammlungen aus Dahlem ins Zentrum geholt hat, sorgt weiterhin für Kontroversen. Eine davon betrifft das Kreuz auf der Schlosskuppel und die Umschrift der Kuppel mit Bibelzitaten, die da lautet: «Es ist in keinem andern Heil (. . .) denn in dem Namen Jesu, zur Ehre Gottes des Vaters. Dass in dem Namen Jesu sich beugen sollen aller derer Knie, die im Himmel und auf Erden und unter der Erde sind.»

Diese Inschrift beabsichtigt das Humboldt-Forum auf einer Bronzetafel vor der Kuppel zu kommentieren. Es ist zu hoffen, dass der vorgesehene Text so nicht in Bronze gegossen wird. Unter anderem soll es dort heissen: «Alle Institutionen im Humboldt-Forum distanzieren sich ausdrücklich von dem Alleingültigkeits- und Herrschaftsanspruch des Christentums, den die Inschrift zum Ausdruck bringt. Sie verstehen die Kuppel als bauhistorisches Zitat im Rahmen der Schlossrekonstruktion.»

Dazu muss man wissen, dass die Kuppel bei ihrer Errichtung (1844–1853) mit Kreuz und Inschrift versehen wurde, weil es sich um einen Sakralbau handelte. Friedrich Wilhelm IV. hatte dort eine neue Schlosskapelle errichten lassen. Kuppelkreuz und Bibelinschrift passen aber nicht zur heutigen Aufgabe des Humboldt-Forums, die da lautet: Dialog der Kulturen. Was allerdings für das gesamte feudal-absolutistische Bildprogramm der Schlossfassade zutrifft. Dieses Problem tritt immer auf, wenn herrschaftliche Schlösser zu bürgerlichen Kultureinrichtungen umgewidmet werden, wie es überall in Europa unzählige Male lautlos geschehen ist.

Thron und Altar?

Das Berliner Schloss hatte – wie wohl alle Burgen und Schlösser Europas – eine Schlosskapelle als private Hauskirche für die Familie des Schlossherrn. Mit der Verbindung von Thron und Altar hatte das nichts zu tun. Denn die Bezugskirche des Königs als obersten Bischofs seiner evangelischen Landeskirchen war der Berliner Dom, nicht die Schlosskapelle.

Die Verantwortlichen des Humboldt-Forums sind indes mit so einfachen Erklärungen nicht zufrieden, sondern kommentieren: «Die Funktion der neuen Kuppel als Schlosskapelle war eine Botschaft. In diesen Jahren forderte die Bevölkerung Preussens immer lauter eine Verfassung, die die Rolle des Königs im Staat definieren und seine Macht begrenzen sollte. Friedrich Wilhelm IV. hingegen beharrte auf der hergebrachten Legitimation seiner Macht durch Gott.»

Nun hat Friedrich Wilhelm IV. zwar den Parlamentsentwurf der Verfassung vom 26. Juli 1848 abgelehnt. Es stimmt aber nicht, dass er mit Berufung auf das Gottesgnadentum jede Verfassung abgelehnt hätte. Es ist eine Missdeutung, einen prinzipiellen Gegensatz zwischen der konstitutionellen Monarchie (Monarchie mit Verfassung) und dem Gottesgnadentum zu konstruieren. Die britische und die dänische Königin führen bis heute den Titel Dei gratiâ, sind aber unstrittig Staatsoberhäupter funktionierender Demokratien.

Kniefall aus Respekt

Laut Angaben des Humboldt-Forums machten Kuppel und Kreuz «den christlichen Charakter der Monarchie deutlich», siehe die eingangs erwähnte Inschrift, die der König selbst aus mehreren Bibeltexten zusammengestellt hatte. Aber stimmt das so? Der erste Text gibt das Bekenntnis des Petrus wieder, der nach seiner Verhaftung auf das Verbot, weiter von Jesus zu predigen, antwortet, man müsse Gott mehr gehorchen als den Menschen.

Der zweite Text stammt aus einem von Paulus zitierten Hymnus, in dem es heisst, Jesus Christus habe sich erniedrigt bis zum Tode am Kreuz und sei deshalb von Gott erhöht worden. Im griechischen Text steht da aber «sich beugen mögen», nicht: «sich beugen müssen». Ein Sieger kann den Besiegten in die Knie zwingen. Es gibt aber auch den freiwilligen Kniefall aus Respekt und Anerkennung. So muss es hier gemeint sein, denn es folgt ja ein Bekenntnis.

Die Gebote Gottes

Im apostolischen Glaubensbekenntnis wird das ausgerückt mit den Worten «sitzend zur Rechten Gottes». Diese Dialektik von Erniedrigung und Erhöhung macht tatsächlich den Kern der urchristlichen Botschaft aus. Das heisst: Auch der König beugt vor Jesus seine Knie. Er ist Gott rechenschaftspflichtig. Hätte Friedrich Wilhelm IV. mit der Inschrift an der Kuppel liberaldemokratische Ansprüche zurückweisen wollen, hätten sich andere Bibeltexte besser empfohlen.

Aber beim Humboldt-Forum vertritt man die Meinung, dass der König «sich nur den Geboten Gottes verpflichtet fühlte, niemals aber einem von einem Parlament verabschiedeten Schriftstück». Es ist völlig abwegig, zu unterstellen, dass ein König, der sich den Geboten Gottes verpflichtet weiss, deshalb eine Verfassung oder andere Verträge und Verpflichtungen ablehnt.

Was den «Alleingültigkeits- und Herrschaftsanspruch des Christentums» anbelangt, den die Institutionen im Humboldt-Forum in der Inschrift erkennen wollen und von dem sie sich distanzieren: Er wird in dieser Erklärung wohl deshalb zurückgewiesen, weil er als Diskriminierung der anderen Religionen angesehen wird. Dagegen müsse gelten: Alle Religionen sind gleichwertig und gleich wertvoll. Das ist sicher gut gemeint, aber nicht durchdacht und schlecht beobachtet.

Ein engagierter Religionsangehöriger kann nicht alle Religionen als gleichrangig behandeln. Wenn er sich zu seiner Religion bekennt, bekennt er sich zwangsläufig zur anderen nicht. Man kann bemüht sein, allen Religionen und ihren Vertretern denselben Respekt entgegenzubringen. Man kann aber nicht die Wahrheitsansprüche verschiedener Religionen vereint anerkennen, da sie sich nicht vereinigen lassen.

Apropos Religionsfreiheit

Cicero sagt einmal: «Jedes Volk (civitas) hat seine Religion, wir die unsere.» Diese Deutung ist monotheistischen Religionen verschlossen. Sie können Fremdreligionen als Teufelsverehrung («Götzendienst») verurteilen oder als Verblendung entschuldigen oder wie Graf Ludwig von Zinzendorf (allerdings auf christliche Konfessionen bezogen) feststellen: «Doch denken wir in Wahrheit nicht, Gott sei bei uns alleine. Wir sehen, wie so manches Licht auch andrer Orten scheine.» In Europa ist das Trennende im Feld der Religion durch die Reformation in den Konfessionskriegen auf furchtbare Weise entfesselt worden. Die Lösung, die man schliesslich fand, war nicht der Sieg der «wahren Religion», sondern die Religionsfreiheit.

Das hiess für den Staat: Verzicht auf eine Entscheidung über die wahre Religion und Gleichbehandlung aller Religionen und Weltanschauungen nach geltendem Recht. Für alle hiess es: Verzicht auf Gewaltanwendung und Diskriminierung in Religionsfragen. Und für die Bürger: Toleranz, also ertragen, dass andere die eigenen Grundüberzeugungen nicht teilen. Das ist unangenehm. Zustimmung zu erzwingen, ist deshalb eine fortwährende Versuchung auch in der Demokratie. Um die Toleranz ist es schlecht bestellt, wenn nicht einmal der Anblick eines hundertfünfzig Jahre alten Textes ertragen wird, dem doch niemand zustimmen muss.

Die traurige Geschichte der Gewalt im Christentum rechtfertigt nicht, diesem einen wesenseigenen Herrschaftsanspruch zu unterstellen. Das Neue Testament kennt keine Weltherrschaftsermächtigung für Christen und auch keine Aufforderung zur Unterwerfung Ungläubiger. Es kennt lediglich einen Missionsbefehl (Matthäus 28, 19), nämlich unter allen Völkern das Evangelium zu verkünden. Jesu Botschaft ist herrschaftskritisch und lehnt Gewalt ab, wie besonders die Bergpredigt dokumentiert (Matthäus 5 f.). Der Versuch Papst Gregors VII., im Investiturstreit eine christliche Theokratie zu errichten, ist gescheitert. Ein christliches Kalifat, das Kaiser und Papst in einem Amt vereinigt hätte, ist nie angestrebt worden. «Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist» (Markus 12, 17 par.).

Mit Kolonialismus hat das nichts zu tun

Die Distanzierung des Humboldt-Forums vom Alleingültigkeits- und Herrschaftsanspruch des Christentums ist wohl gemeint als Distanzierung vom Kolonialismus «christlicher» Völker und von dessen Verbindung mit christlicher Mission. Mit der Kuppelinschrift und den Intentionen Friedrich Wilhelms IV. hat beides allerdings direkt nichts zu tun.

Von den 2,3 Milliarden Christen heute sind die meisten keine «Weissen», sondern «Persons of Colour». Allein in Nigeria leben doppelt so viele Christen wie in Deutschland. Wenn einige ins Humboldt-Forum kommen, werden sie erstaunt sein darüber, dass ihnen als Christen ein übergriffiger Herrschaftsanspruch unterstellt wird. Für viele steht das in krassem Gegensatz zu ihren Erfahrungen. Christen werden weltweit am häufigsten unter allen Religionsangehörigen ihres Glaubens wegen verfolgt.

Die Kuppelinschrift, heisst es in Berlin, behindere den interkulturellen Dialog. Aber wie wollen wir, die Gastgeber solcher Dialoge, denn auftreten? So, wie wir sind, mitsamt unserer auch belastenden Geschichte? Oder als Unschuldsengel und unbeschriebene Blätter, die sich von ihrer Geschichte losgesagt haben?

Alle, die zu uns kommen, wissen, dass sie in eine postchristliche und beispielsweise nicht in eine postmuslimische Gesellschaft kommen. Sie sind von Kirchen und Kreuzen im öffentlichen Raum nicht schockiert. Eher erstaunt es sie, wenn wir unsere Geschichte verleugnen, die wir nachträglich nicht ändern können.

Richard Schröder, Philosoph und evangelischer Theologe, ist emeritierter Professor an der Humboldt-Universität zu Berlin. Er war in der letzten, frei gewählten DDR-Volkskammer Fraktionsvorsitzender der SPD, von 2003 bis 2018 Vorstandsvorsitzender der Deutschen Nationalstiftung und ist Vorsitzender des Fördervereins Berliner Schloss.

Quelle: Neue Zürcher Zeitung, 07.02.2022

Foto: Förderverein Berliner Schloss e.V.

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