„Stein gewordener Kompromiss“

21.07.2021  – Allgemeine Zeitung

Das gestern eröffnete Humboldt Forum weckt mit sechs Ausstellungen Interesse

Von Gregor Mayntz

Kaiser Wilhelm ist auch wieder da. Mit stolzem Blick und ordensgeschmückter Brust blickt er auf den Besucher. So gehört sich das wohl für den einstigen Hausherrn des Hohenzollern-Schlosses mitten in Berlin, wenn sein architektonisches Ausrufezeichen für den Anspruch auf Preußen, Europa und die Welt wiederaufgebaut ist und festlich eröffnet wird. Aber Wilhelm II. steht nicht etwa an einem der Eingangsportale.

Sein Bild hängt ziemlich versteckt in einer Nische der Ausstellung zur Berliner Stadtgeschichte in der ersten Etage des Schlosses. Es heißt nun Humboldt Forum. Und Seine Majestät ist darin ein ziemlich unwichtig gewordener Nebenaspekt des Themas „Mode“:

Die Stellung des Kaisers in seinem einstigen Preußen- Palast ist geringer als der Stellenwert, den Schau und Raum der Zwischennutzung des Areals als Erich Honeckers Palast der Republik einräumen. Lampen aus „Erichs Lampenladen“ finden sich an mehreren Stellen, in riesigen Panoramaformaten werden die 70er Jahre in Bars und Volkskammer lebendig, als der Palast der Republik eine moderne, weltoffene DDR präsentieren sollte. Insofern ist der Wiederaufbau des Stadtschlosses nicht die Entfernung der DDR aus der deutschen Geschichte und ihre Ersetzung durch die historische Preußenkulisse vor Krieg und Teilung. Es ist im Innern der Kompromiss, der auch das Äußere prägt. Nord-, Südund Westfassade bilden die Rekonstruktion des Barock-Schlosses einschließlich Kuppel und Kreuz, vom Osten ist es die Fassade eines modernen Zweckbaus.

Der italienische Architekt Franco Stella hat diesen Kompromiss Stein werden lassen. Vom Westen komplettiert die barocke Schlossarchitektur das Bild zwischen Museumsinsel, Berliner Dom und Marstall. Vom Osten könnte es ein grundsanierter Palast der Republik sein, der freilich die Etagen- Anmutung des barocken Vorgängers aufgreift.

Und wie sieht der Blick von innen aus?

Zwei ständig geöffnete Durchgänge nehmen die Besucher in die modernisierte Architekturgeschichte hinein, bieten ihnen im Schlüter-Hof ein wenig mediterranes Flair vor dem prächtigen Eosander- Portal und Raum zum Verweilen.

Im Süden fällt beim Rausgehen der Blick auf Rotes Rathaus, Hanns-Eichler-Hochschule, das ehemalige Staatsratsgebäude und das Auswärtige Amt. Im Norden sieht der Passant nach dem Forums-Besuch das Deutsche Historische Museum, das Alte Museum, den Berliner Dom und den Alexanderplatz. Eine West-Ost- und Alt-Neu-Anmutung also auch hier.

71 Jahre nach der Sprengung des Schlosses, 14 Jahre nach dem Baubeschluss und sieben Jahre nach dem ersten Spatenstich ist für 700 Millionen (davon über hundert aus Spenden) eine Schlossanmutung als neues kulturelles Zentrum entstanden. Kulturstaatsministerin Monika Grütters würdigt das Gebaute bei der Eröffnung als „größtes Kulturprojekt Deutschlands“, Generalintendant Hartmut Dorgerloh freut sich auf viele Besucher, mit denen er diesen Ort „zum lebendigen Forum machen“ will.

Vor allem wird das Forum als lebendiger Konflikt wahrgenommen werden, wenn im September die beiden Dauer- Ausstellungen des Ethnologischen Museums und des Museums für Asiatische Kunst im zweiten und dritten Obergeschoss eröffnen. Denn die Debatte um den Umgang mit jenen Objekten, die den Kolonialismus spiegeln, hat seit den ersten musealen Überlegungen an Schärfe rapide zugenommen. Die Staatlichen Museen zu Berlin bemühen sich bereits im Vorfeld, die fatale Vergangenheit in eine Gegenwart der Verständigung und Zukunft der Versöhnung zu drehen.

Wie es gelingen kann, die Befürchtung einer schnell verstaubten Stadtgeschichte zu verscheuchen, zeigt jedenfalls schon einmal die Berlin-Ausstellung im ersten Obergeschoss. Die Gestalter von „Berlin global“ haben die Provinzbrille abgelegt und sind dem Konzept gefolgt, wonach das Lokale vom Globalen bestimmt wird und das Globale nur durch das Lokale verständlich wird. Wie kaum eine andere Stadt ist Berlin von Nicht-Berlinern geprägt – und von den Verknüpfungen mit vielen Orten und Kulturen der Welt. Die Information und Aufklärung über den Charakter und das Erlebnis Berlin gilt vielen Sinnen – bis hin zum Geruch. Auch die Provokation gehört dazu, wie das Mieter-Grab aus Kreuzberg als eines von vielen Beispielen zeigt.

Eine andere von jetzt schon sechs Ausstellungen heißt „schrecklich schön“ und widmet sich dem Verhältnis von Mensch und Elefant. Die Bedeutung des Elfenbeins wird nicht nur für Diplomatie, Handel, Musik, Kunsthandwerk und Medizin anschaulich.

Schon wenige Stunden reichen, um mit vielen neuen Bildern, mehr Wissen und interessanten Ideen das Humboldt Forum zu verlassen. Zusammen sagen sie: mehr davon.

 

Quelle: Allgemeine Zeitung, 21.07.2021

 

.

 

 

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.