„Der Schlossherr bitte zum Empfang“

18.07.2021  – B.Z. Berlin

Am Dienstag eröffnet endlich das Humboldt Forum, seit Wochen strömen die Berliner zum wieder aufgebauten Prunkbau. In der B.Z. zieht der erleichterte Generalintendant Hartmut Dorgerloh Bilanz.

Seit Monaten drücken sich die Berliner an den Fenstern die Nasen platt. Sie wollen endlich ins neu errichtete Stadtschloss! Nun eröffnet der Prachtbau am Dienstag unter dem Namen Humboldt Forum. Generalintendant Hartmut Dorgerloh (59) lädt in die ersten Etagen mit sechs Ausstellungen.

Der Mann hat seit seinem Amtsantritt 2018 einiges erlebt: Immer wieder geplatzte Eröffnungen, erst wegen defekter Klimatechnik, dann wegen Corona. Öffentliche Kritik hagelte auch ständig aufs Haus, von der umstrittenen historischen Kuppel bis zu den in der Kolonialzeit geraubten Benin-Bronzen aus Afrika, die dort gezeigt werden sollen. Der Schlossherr wirkt dennoch entspannt.

B.Z.: Herr Dorgerloh, ums Humboldt Forum tobt eine Kolonialismusdebatte. Hat Sie die Wucht überrascht?

Hartmut Dorgerloh: Nein! Wir haben schon vor drei Jahren, als ich hier angefangen habe, gesagt, dass es in unserer Programmarbeit um drei Kernthemen gehen muss. Neben den Brüdern Humboldt und der Geschichte des Ortes, ist das die Auseinandersetzung mit Kolonialismus und Kolonialität. Letzteres im Sinne von weiter existierenden Ungerechtigkeiten und Ungleichgewichten in der Welt. Diese Debatte gibt es in der Ethnologie schon seit 20 oder 25 Jahren.

Warum drang davon nichts nach außen?

Wie so häufig bei Fachdebatten braucht es einen Moment oder eine Situation, in der sie in die breite Öffentlichkeit treten. Das ist auch dem Humboldt Forum – und natürlich auch der Debatte um dieses – zu verdanken: Dass es schon vor der Eröffnung dazu beigetragen hat, dass die Auseinandersetzung mit dem Erbe des Kolonialismus ein Thema ist, von dem alle wissen: Es ist wichtig und das wird es bleiben.

Es gab viel Kritik um die Präsentation des Luf-Boots aus Ozeanien. Finden Sie, dass die damit verbundene Kolonialgeschichte angemessen dargestellt wird?

Ich bin gespannt darauf, wie die Kolleginnen und Kollegen von den Staatlichen Museen diesen Hintergrund präsentieren werden. Objektgeschichten und politische Zusammenhänge spielen als Kontexte dieser Sammlungen eine bedeutende Rolle. Ich denke, dass die Dauerausstellungen diesen Aspekten Raum geben und beweglich bleiben müssen. Das gilt auch für die Präsentation der Benin-Bronzen, die in absehbarer Zeit vielleicht als Leihgaben oder Kopien an das über lange Zeit verdrängte Unrecht ihrer Inbesitznahme erinnern. Es wird zusätzliche Erläuterungen geben, Aktivitäten mit Vertretenden der Herkunftsgesellschaften. Da unterstützen wir die Staatlichen Museen sehr stark.

Macht Ihnen die ständige Kritik am Humboldt Forum schlaflose Nächte?

Wenn ich nicht vorher gedacht hätte, dass man das aushalten kann, und dass man das auch gestalten kann, dann hätte ich den Job nicht machen dürfen. Schon als ich hier angefangen habe, war das Humboldt Forum immer wieder aus vielen Gründen in der Diskussion. Die hat sich lange Jahre auf das Gebäude bezogen. Ich finde es gut, dass die Debatten sich zunehmend ins Haus verlagern, hin zu den Themen und Programminhalten und damit wichtige Impulse geben.

Wie geht es Ihnen dieser Tage im Endspurt zur Eröffnung?

Ich fahre jeden Tag mit dem Rad hierher, eine halbe Stunde hin, eine halbe Stunde zurück, das hilft schon mal, den Kopf freizubekommen. In dieser Zeit kann man nicht telefonieren oder Mails schreiben. Ansonsten bin ich sehr froh, dass Sport wieder möglich ist- Letzte Woche war ich das erste Mal wieder in der Tanzschule, das mache ich seit vielen Jahren, Standard und Latein. Es hilft, dass man sich auch mal mit anderen Sachen beschäftigt und nicht immer nur an die Aufgaben im Humboldt Forum denkt.

Wären Sie gern mal Kandidat bei der RTL-Sendung „Let’s Dance“?

Ich glaube, das ist bei mir eher etwas für das private Vergnügen und nicht für die große Öffentlichkeit. Aber Tanz wird auch im Humboldt Forum eine große Rolle spielen.

Inwiefern?

Wir haben eine sehr europäische Fokussierung auf das Museum und die Gegenstände darin. Aber wenn wir mit Menschen aus anderen Teilen der Welt zusammenarbeiten, sagen manche auch: Seid doch nicht so materialistisch! Es geht doch viel mehr um das immaterielle Erbe und welche Geschichten sich erzählen lassen. Tanz zum Beispiel, oder Musik. Wir bereiten zum Beispiel mit der Berliner Tanzszene ein Projekt vor, das heißt „Moving the Forum“, wo viele Menschen aus unterschiedlichen Zusammenhängen das Humboldt Forum ertanzen werden. Auch aus einer kritischen Perspektive übrigens.

Worauf freuen Sie sich besonders und worauf sind Sie stolz?

Stolz bin ich mehr nach innen. Auf unser Team, das immer gesagt hat: Komm, wir machen das, auch bei jedem neuen Eröffnungstermin in Zeiten der Corona-Regularien. Es freuen sich alle unglaublich auf die Besucherinnen und Besucher. Im August oder September öffnet dann auch die Dachterrasse, vielleicht geht man dann nur mal nach oben und macht ein Selfie mit der Stadt oder man trinkt einen Kaffee im Bistro auf dem Hof. Wir sehen bereits, dass die Angebote in den Höfen und in der Passage gern angenommen werden und auch die Außenbereiche zu einem Treffpunkt für viele werden.

Wie beobachten Sie das?

Wir haben inzwischen Stammgäste, die gerne mit einem Wegbier auf die Spreeterrassen kommen oder die sagen, ich mach hier mal einen Kringel, es ist schön, mal vorbeizufahren. Das bestärkt uns darin, dass wir die Chance haben, ein richtig neues Stadtquartier zu werden.

Was machen Sie selbst am Ende des 20. Juli?

Vielleicht setze ich mich mit einem Bier in den Schlüterhof und sehe hoffentlich glückliche und nach dem Rundgang vielleicht auch erschöpfte Besucherinnen und Besucher, die gern wiederkommen. Und die uns weiterempfehlen wollen!

 

Quelle: B.Z. Berlin, 18.07.2021

 

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