„Muss das sein? Das Berliner Schloss ist doch kein Kletter-Spielplatz!“

14.07.2021  –  B.Z. Berlin

Nette Fotos oder unglückliche PR-Aktion?

von Hildburg Bruhns

Diese Fotos sind schön, aber absolut ärgerlich. Auf ihnen verkommt das neue Berliner Schloss mit seiner Barockfassade zum Kletterspielplatz.

Erschienen sind die Aufnahmen ausgerechnet in einem offiziellen Magazin der Hausherrin des Schlosses – der Stiftung Humboldt Forum. Die kletternden Kinder sind keine zufälligen Besucher, sondern der Nachwuchs von Projektmitarbeitern.

Der Text dazu: NIMM PLATZ! Rambazamba statt Etepetete: Berlins schönster Platz wartet auf das Leben. Kinder zeigen, was auf dem Schlüterhof alles geht.

Wirklich? Klettern an den Sandsteinsäulen im bereits zugänglichen Schlüterhof ist also erwünscht?

„Unsere interne Umfrage vor Drucklegung hat gezeigt, dass Leser*innen die Symbolik des Bildes von einer realen Nutzung unterscheiden können“, so Stiftungssprecher Michael Mathis. Beim B.Z.-Check Dienstag war dort übrigens kein Sicherheitspersonal zu sehen

„Das ist eine unglückliche PR-Aktion“, schimpft Architekt York Stuhlemmer (54), der seinerzeit die Rekonstruktionsplanung der verschollenen Originalzeichnungen für den Förderverein übernommen hatte. „Würde man so was in den Florenzer Uffizien machen, kämen gleich die Carabinieri. Außerdem kann beim Rumklettern tatsächlich etwas abbrechen.“

Das Geld für die baraocke Fassade haben keine Steuerzahler, sondern 40.000 Spender aufgebracht. So wie sie jetzt mit Skulpturen bestückt ist, kostete sie 113 Millionen Euro. Dafür getrommelt hat seit der ersten Stunde Wilhelm von Boddien (79), der B.Z. schildert, dass er die Baustelle seit drei Jahren nur noch mit Security-Begleitung betreten darf. Bei der offiziellen Eröffnung in einer Woche steht er nicht einmal auf der Rednerliste, „nur Politiker im Wahlkampf“, wie er sagt.

Von Boddien: „Diese Fotos finde ich unverantwortlich. Die Würde des Gebäudes müssen auch Kinder akzeptieren. Die Fassade war eine Wahnsinnsarbeit von Bildhauern und hier wird sie zur Tobeburg. Für mich zeigt es auch die Respektlosigkeit und Lieblosigkeit der Stiftung vor dem historischen Wiederaufbau.“

Stiftungssprecher Mathis weist die Vorwürfe zurück: „Die Bildserie ist keine explizite Aufforderung, sondern sie zeigt symbolisch, dass das Humboldt Forum ein Ort für alle und insbesondere für Kinder und Familien ist. Bei vielen Menschen gibt es im Hinblick auf Kulturinstitutionen und Museen als ‚Tempel der Künste‘ nach wie vor Zurückhaltung für einen Besuch.“ Er versichert: „Es ist nicht zu Schäden und Verschmutzungen gekommen.“

Am kommenden Dienstag eröffnen im Haus zunächst sechs Ausstellungen – auch eine, in der Kinder klettern dürfen und sollen! Die ersten 100 Tage nach der Eröffnung sind gratis, Besucher brauchen aber Zeitfenster-Tickets.

Und das ist am Holocaust-Mahnmal los

Sie springen von Stele zu Stele, picknicken auf den niedrigen Beton-Quadern am Rand, posen mittendrin für Selfies. Das hat wohl jeder schon am Holocaust-Mahnmal südlich des Brandenburger Tores beobachtet.

Gleich nach der Eröffnung im Mai 2005 wurde das Feld mit 2711 Stelen als Spielplatz missbraucht. Das Mahnmal soll an die Ermordung von 6 Millionen Juden durch die Nazis erinnern. Schwarze Tafeln mussten an allen vier Ecken des Gedenkorts angebracht werden: die Besucherordnung. Sie ist offensichtlich notwendig, damit dieser Ort nicht unwürdig behandelt wird.

Was ausdrücklich verboten ist? Das Areal darf nur zu Fuß und langsam durchquert werden. Man darf nicht von Stele zu Stele springen, keine Hunde mitführen, Räder nicht abstellen. Es soll zudem nicht geraucht werden – Alkohol-Konsum ist auch nicht erlaubt.

Lea Rosh (84), Vorstand des Förderkreises des Denkmals für die ermordeten Juden Europas, zur B.Z.: „Das ist ein doofes Thema. Mich stört so ein Verhalten. Aber wir haben einfach zu wenig Geld, um dort Leute hinzuschicken. Ich mache das bei Führungen, spreche dann solche Besucher an.“

 

Quelle: B.Z. Berlin, 14.07.2021

 

 

4 Kommentare zu “„Muss das sein? Das Berliner Schloss ist doch kein Kletter-Spielplatz!“

  1. Rambazamba am Schloss und am anderen Ende der einstigen Prachtstraße! Sie können die Leute, ob jung oder alt, mit verspäteter Empörung nicht erziehen. Im Fall des Mahnmals war anfangs auch Herumklettern ausdrücklich erwünscht – wie offenbar jetzt auch am Schloss! Man lese nach, was damals gesagt wurde. Das Problem ist Fehlplanung an beiden Enden der Straße.

  2. Zum Holocaust-Mahnmal fällt mir noch etwas Anderes ein: Kurz nachdem es fertig war und man zwischen den Stelen herumlaufen konnte, haben sehr viele diese Stätte zum Verrichten ihrer Notdurft verwendet. Zeitenweise war das so heftig, dass man nicht mehr hineinkonnte wegen des bestialischen Gestanks. Ist damit jetzt Schluss oder müssen immer noch Angehörige der Stadtreinigung mit ihren Wasserwagen und Spülgeräten durchmarschieren? In einem Bericht wurde über diesen Missstand ausführlich berichtet

  3. Der Bau des Holocaust-Denkmals (so der Name auf Straßen-Schildern) war vom Bundestag mit namentlicher Abstimmung entschieden worden (beim Schloss ohne dem). Man kennt also die Namen der Verantwortlichen wie Schäuble, Thierse u.v.a. Diese Politiker sollte man zur Verantwortung ziehen – z.B. zur eigenhändigen Reinigung des Geländes. Demokratische Entscheidungen sind Mehrheitsentscheidungen – gefällt das Ergebnis hinterher nicht, will niemand dafür verantwortlich sein bzw. man schiebt die Verantwortung anderen zu. Das gigantische Stelen-Feld, das derzeitige Schloss-Umfeld und die kommende Einheits-Wippe sind alle das Ergebnis von Wettbewerben in politisierter Kunst gepaart mit demokratischem Zwang.

  4. Wenn man angesichts schwerwiegender geschichtlicher Ereignisse wie die Ermordung von sechs Millionen Juden und anderer Volks- und Glaubensgruppen ihrer gedenkt und am Ort des Zentrums, von dem aus die Verbrecher agierten, dort eine Gedenkstätte errichtet, was hat das bitte mit demokratischem Zwang zu tun? Und nur weil Wildpinkler die Stelen missbrauchen, sollen diejenigen, die für das Feld gestimmt haben, die Stelen sauber halten. Wie geht das? Wo ist die Vereinbarung? Was hat das Schloss, an dem Kinder herumklettern, mit den Stelen zu tun? Und welche Rolle spielt denn bitte schön die Einheitswippe? Fakt ist: Das Schloss ist heute das Humboldtforum. Die Stelen sind dort, wo die Gestapo-Zentrale war und die Einheitswippe erinnert eben daran, dass durch Deutschland dank einer Gemeinschaftsarbeit von Kaiser Wilhelm II, Wladimir Iljitsch Lenin, Jossif Wassirionowitsch Stalin und Adolf Hitler eine Sperrgrenze lief, die paradoxerweise als „Antifaschistischer Schutzwall“ bezeichnet wurde. Und dann sind diese Einrichtungen, die dem Genannten gedenken, das Machwerk demokratischer Zwänge? Sehre interessante Thesen!

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