„Berlin leuchtet – auch im Nebel“

12.12.2017   Oberbayerisches Volksblatt

 

Gute Nachrichten für Kulturreisende: Die Hauptstadt ist durch die neue ICE-Verbindung München auf die Pelle gerückt

Von Sabine Dultz

„Oh, dies Berlin. Eine furchtbarere Stadt ist nicht denkbar. Es ist nichts drin zu sehn, und es geschieht nichts drin.“ Nein, damit hat Wilhelm von Humboldt wirklich nicht Recht. Zu seiner Entschuldigung: Das harte Urteil stammt von 1808. Nur 73 Jahre später konstatiert Theodor Fontane: „Berlin hat sich ganz außerordentlich verändert und ist jetzt eine vornehme und schöne Stadt. Alles ist Leben, Frische, Wohlgekleidetheit. Ich freue mich, diese vernobelte Zeit, an die ich kaum geglaubt, noch erlebt zu haben.“

Na also. Und jetzt? Wenn auch die Stadt derzeit naturgemäß nicht ihr allerorten vielbewundertes, grünes Blätterkleid trägt, ist sie dennoch ab sofort mehr noch als sonst eine Reise wert. Denn Deutschlands Metropole ist – der Bahn sei Dank – München auf die Pelle gerückt. In nur drei Stunden und 55 Minuten von Hauptbahnhof zu Hauptbahnhof. Früh hin und abends zurück. Besser noch, man hängt einen zweiten oder dritten Tag ran. Denn am Abend locken die Schauspiel-, Opern- und Konzerthäuser, die Revuen und Kabaretts, die Clubs und sonstige angesagte Locations. Was für ein Gewinn.

Obligatorisch ist ein Besuch der Museumsinsel, mitten im alten Zentrum. In direkter Nähe: Hackescher Markt mit seinen berühmten Höfen, Berliner Dom, Staatsoper, Maxim-Gorki-Theater, Deutsches Historisches Museum und das bald zu eröffnende Humboldt-Forum, das im wieder errichteten, nachgebauten Hohenzollernschloss beheimatet sein wird. Das ist, wie der eingeborene Spree-Athener sagt, „allet janz dichte bi“, dennoch muss der Berlin-Besucher gut zu Fuß sein, die Straßen nämlich sind breit, die Plätze groß, die Baustellen zahlreich. Es ist viel zu laufen.

Absoluter Star unter den Insel-Museen ist das Pergamonmuseum. Zwar ist der berühmte Altar derzeit nicht zu besichtigen, aufwendige Grunderneuerungsarbeiten schränken das Angebot ein. Doch das Markttor von Milet, das Ischtar-Tor, die Prozessionsstraße von Babylon sind spektakulär genug, um nach wie vor Besucher aus der ganzen Welt anzulocken. Gleich nebenan geht es weiter mit dem Neuen Museum, das die schöne Nofretete beherbergt, dem Alten Museum, der Alten Nationalgalerie und dem Bode-Museum. Lässt sich eine schönere Insel denken?

Keine schönere, aber doch eine, wenn auch anders geartet, genauso schöne. Der Weg führt von der Stadtmitte raus gen Westen, 35 Minuten mit der S-Bahn nach Wannsee und von dort mit Bus oder Schiff zur Fähre, die einen auf die Pfaueninsel bringt. Ein Stück Urwüchsigkeit, von Preußens Königen einst als naturbelassene Sommerfrische fürs sogenannte einfache und bäuerliche Familienleben genutzt. Heute ist sie ein Kleinod für alle; literarisch übrigens grandios verewigt in dem Roman „Pfaueninsel“ von Thomas Hettche.

Einmal am S-Bahnhof Wannsee, sollte nicht versäumt werden, der Grabstätte Heinrich von Kleists einen Besuch abzustatten. Er hatte sich und seine Sterbensgefährtin Henriette Vogel am 21. November 1811 hier am Kleinen Wannsee erschossen.

Von besonderer Attraktivität ist die am Großen Wannsee gelegene Villa Max Liebermanns, die eine herausragende Sammlung von Bildern des einstigen Hausherrn präsentiert. Ein Schmuckstück ist zudem der wieder original hergestellte Garten, der zu jeder Jahreszeit einlädt zum Verweilen. Wenige Schritte weiter: das Haus der Wannsee-Konferenz. Besser und ergreifender lässt sich Geschichte nicht darstellen als an diesem historischen Ort mit der Ausstellung „Die Wannsee-Konferenz und der Völkermord an den europäischen Juden“.

Potsdam ist zwar eine ganz andere Stadt, beginnt aber, falls man nicht die Weiterfahrt von Wannsee mit der S-Bahn bevorzugt, sondern von der Pfaueninsel kommend zu Fuß wandert, unmittelbar hinter der Glienicker Brücke, die nach aufregendem Agentenaustausch zwischen Ost und West zu Zeiten des Kalten Krieges Berühmtheit erlangt hat. Die Schlösser Sanssouci, Neues Palais, Cecilienhof, das wieder errichtete Stadtschloss, das Museum Barberini, die Nicolaikirche, das Holländische Viertel, übrigens auch die Schule, die einst Kleist besucht hat – der Sehenswürdigkeiten sind kein Ende. Sie liegen praktisch gleich um die Ecke von Berlin.

Am Abend geht’s per Bahn wieder zurück in Berlins Stadtmitte. Es muss nicht immer die Philharmonie sein. Auch nicht zwingend das Konzerthaus zwischen Deutschem und Französischen Dom am schönen Gendarmenmarkt. Ja, Berlin hat einen neuen Konzertsaal, der sowohl vom Programm her als auch von baulicher Seite zum Staunen einlädt. Es ist der hinter der Staatsoper Unter den Linden und der Hedwigs-Kathedrale gelegene Pierre-Boulez-Saal in der von Frank Gehry errichteten Barenboim-Said-Akademie (Französische Straße 33d).

Wen es mehr in die Theater zieht: Die Komische Oper unter ihrem Intendanten Barrie Kosky ist zu Recht mit einem besonderen Nimbus umgeben. Zwischen „Zauberflöte“, „Eugen Onegin“ und der jüngsten Produktion „Anatevka“ entfaltet sie mit so lustvoller wie ernsthafter Tiefe das große Menschen-Panorama unserer Zeit. Die Staatsoper Unter den Linden wurde nach langer Restaurierung gerade wiedereröffnet. Den Neugierigen sei ein Besuch empfohlen, zumal hier Daniel Barenboim herrscht und die großen Sänger zuhause sind. Das sind sie gleichfalls an der Deutschen Oper in der Bismarckstraße 35 in Charlottenburg, dem einstigen Stammhaus Dietrich Fischer-Dieskaus. Für die Verehrer großer Schauspielkunst seien nur drei Namen genannt: Nina Hoss ist an der Schaubühne, Ulrich Matthes am Deutschen Theater und Stefanie Reinsperger, der junge Stern am Schauspielerinnen-Himmel, im Berliner Ensemble zu sehen.

Ist das Wetter schön, empfiehlt sich im Zentrum ein Besuch auf den berühmtesten Friedhöfen der Stadt. Das sind der Dorotheenstädtische Friedhof an der Chausseestraße 126, wo sich die Gräber von Hegel, Schinkel, Brecht, Johannes Rau, Heiner Müller, George Tabori und anderer Prominenz befinden, sowie der Jüdische Friedhof an der Schönhauser Allee 23-25, auf dem die großen Juden Berlins ihre letzte Ruhe fanden.

Noch zwei Extratipps zum Thema Ausstellungen: Das in der Leipziger Straße 16 zentral gelegene Museum für Kommunikation – wunderschön, hoch spannend, spielerisch und erlebnisreich, das unter all seinen großartigen Exponaten auch die Blaue Mauritius beherbergt. Und die in einem originalen ehemaligen Atombunker eingerichtete Erlebnisausstellung „The Story of Berlin“ am Kurfürstendamm 207-208. Beide auch für Jugendliche bestens geeignet.

Ebenso wie in anderen Metropolen sind viele Fremde unterwegs, und nicht jeder ist nur Besucher. Doch die Stadt nimmt sie alle auf. Immerhin waren schon im 17. Jahrhundert ein Drittel ihrer Einwohner Flüchtlinge; genauer gesagt: Im Jahr 1630 war jeder dritte Bürger ein Franzose. Damit kam und kommt man an der Spree ganz gut zurecht, denn laut Theodor Fontane ist man hier der Ansicht: „Vor Gott sind eigentlich alle Menschen Berliner.“

 

Quelle: Oberbayerisches Volksblatt, 12.12.2017

 

 

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