„Stadtschloss: Der Stiftungschef zieht Zwischenbilanz“

05.02.2018   Berliner Morgenpost

Stiftungschef Johannes Wien spricht im Interview über den Endspurt beim Berliner Stadtschloss und Ärger wegen der neuen U-Bahn U5.

Von Isabell Jürgens; Gabriela Walde

Das ambitionierteste Kulturvorhaben in Deutschland seit der Wiedervereinigung geht in den Endspurt. Seit 2009 wird am Humboldt Forum im rekon­struierten Berliner Schloss gebaut, in einem Jahr soll das insgesamt 615 Millionen Euro teure Gebäude fertig sein und Ende 2019 eröffnen.

Mit der näher rückenden Eröffnung gerät nun das Ausstellungskonzept in den Fokus des öffentlichen Interesses. Die Berliner Morgenpost sprach mit Johannes Wien, Chef der Stiftung Humboldt Forum im Berliner Schloss, über die Herausforderung, die unterschiedlichen Nutzer auf ein gemeinsames Konzept zu verpflichten.

Es gibt kaum eine Woche, in der das Humboldt Forum nicht in der Kritik steht. Ein Problem scheint zu sein, dass es zu viele Zuständigkeiten, zu viele unterschiedliche Interessen gibt. Wie sehen Sie das?

Johannes Wien: Als man vor mehr als 15 Jahren das Konzept zum Humboldt Forum entwickelte, entschied man sich für einen neuen Typus eines Weltmuseums. Mittlerweile ist klar geworden, dass dieses Neue das Gewohnte verlässt. Das ist nicht einfach, weil verschiedene Partner eingebunden sind, die Humboldt Universität, das Land Berlin, die Dahlemer Sammlungen der Staatlichen Museen zu Berlin. Zugleich wusste man, das kann nicht alles sein, das Humboldt Forum soll auch ein lebendiger Veranstaltungs- und Diskussionsort werden.

Jetzt in der Phase der Feinsteuerung und der zeitlichen Nähe zur Eröffnung merkt man, dass sich besondere Aufgaben stellen. Die Dahlemer Sammlungen ziehen nicht nur um, sondern müssen sich in der Ausstellungspräsentation, ihrem Gegenwartsbezug und auch in der Relevanz völlig neu aufstellen. Die Berlin-Ausstellung gab es ursprünglich auch nicht, und die Humboldt Universität muss sich klar darüber werden, wie sie sich präsentieren will. Jetzt möchte sie sich nicht nur allein als Universität darstellen, sondern auch die Berliner Wissenschaftslandschaft miteinbeziehen.

Sie arbeiten derzeit an Kooperationsverträgen zwischen den einzelnen Partnern, weil es Autonomiebestrebungen insbesondere vom Land Berlin gibt. Wird der künftige Generalintendant eine Richtlinienkompetenz haben? Sonst wird wohl kaum jemand den Job antreten.

Staatsministerin Monika Grütters führt mit allen Beteiligten Gespräche. Ich denke bis Sommer werden die Verträge abgeschlossen sein. Die Stiftung Humboldt Forum im Berliner Schloss verantwortet den technischen und kulturellen Gesamtbetrieb. Die Einrichtungen, wie die Berlin-Ausstellung, brauchen ihre Souveränität. Wir diskutieren nun darüber, wie man sich in den Geleitzug des Humboldt Forums, in der eine künftige Intendanz den Rahmen vorgibt, selbstbewusst und trotzdem einordnend arrangiert. Ähnliche Herausforderungen müssen übrigens auch große Forschungsverbünde lösen.

Der Intendant oder Intendantin hat dann nur die Funktion eines Moderators?

Es sollte eine starke Persönlichkeit sein mit Richtlinienkompetenz.

Das Museum für Asiatische Kunst und das Ethnologisches Museum werden fusioniert. Ines de Castro soll die neue Leiterin werden, diese Personalie wurde bislang allerdings halbherzig kommuniziert.

Das Berliner Schloss steht an einem der zentralsten Orte Berlins. Dass so ein Projekt wie ein Brennglas, gewissermaßen auch umkämpft ist, ist klar. Hier wird vieles gleich zum Politikum. Deshalb sind viele Themen, die an anderen Häusern in Berlin oder Deutschland viel weniger diskutiert werden, hier gleich eine Nachricht, eben weil das Humboldt Forum das größte und derzeit spannendste Kulturprojekt Deutschlands ist. Ich halte es in diesem Falle für ärgerlich und ungünstig, dass hier eine Personalie diskutiert wurde, ehe die Verträge unterschrieben sind.

Klingt, als braucht man gute Nerven.

Man braucht Nerven und den Willen, es miteinander zu machen. Ich bin sicher, wenn das Humboldt Forum erst einmal eröffnet ist, werden sich manche Diskussionen von heute nicht mehr stellen, wir werden darüber lachen. Wir brauchen das Publikum, das entscheidet mit, was geht oder nicht. Vom Humboldt Forum haben alle etwas – oder wir haben alle ein Problem. Das Publikum ist das wichtigste, und da bin ich Berlin und Paul Spies sehr dankbar, die darauf hingewiesen haben, dass es auch um normales Berliner Publikum geht. Es soll hier Angebote finden.

Wird der Eintritt für zunächst drei Jahre frei sein?

Ja, der Eintritt in die Dauerausstellung und zur „Geschichte des Ortes“ ist für drei Jahre kostenlos. Es gibt eine Vereinbarung zwischen der Kulturstaatsministerin und dem Finanzminister. Man muss sehen, ob die Koalitionsverhandlungen das bestätigen. Ich würde es sehr gut finden, wenn wir eine etwas längere Frist von fünf Jahren hätten. Sinn macht nur, wenn man die Auswirkungen nach dem ersten Ansturm sauber evaluiert.

Wir haben Untersuchungen gemacht, demnach wird es nicht dazu führen, dass die benachbarten Häuser benachteiligt sind. Weil sich die Entscheidung für einen Besuch meistens nicht nach dem Ticketpreis richtet, sondern nach dem Angebot. Die großen Anziehungspunkte für Touristen – unsere Gedenkstätten wie die Topographie des Terrors, die Mauergedenkstätte – sind ohne Eintritt. Und trotzdem können die anderen Institutionen leben.

Muss man für die Berlin-Ausstellung im ersten Stock zahlen?

Darüber muss Berlin entscheiden, denn es handelt sich um Berliner Geld.

Wie viel Besucher dürfen gleichzeitig ins Humboldt Forum?

Wir rechnen mit rund 10.000 Besuchern pro Tag. Es wird auch Tage mit 20.000 oder sogar 30.000 Besuchern geben, aber wir gehen nicht davon aus, dass wir dann aus Sicherheitsgründen den Zugang begrenzen müssen. Unser Haus ist vielfältig, wir haben immerhin sechs Eingänge und den Schlüterhof und zudem eine durchgängige Passage vom Lustgarten zum Schloßplatz. Viele werden vielleicht gar nicht in die Ausstellungen gehen, sondern das Schloss beim Kaffeetrinken erleben, im Shop oder einfach nur schauen.

Wenn wir eine Baustellenbegehung machen, dauert das jedes Mal anderthalb bis zwei Stunden, dann aber hat man quasi noch nicht einmal ein Objekt oder eine Beschriftung angesehen. Das Humboldt Forum ist niemals mit nur einer Besichtigung zu absolvieren. Man kann mit Reiseführer sicher in anderthalb Stunden die Highlights anschauen, alles andere geht nicht. Deshalb muss man immer wiederkommen.

Sind Sie denn für den großen Besucheransturm gewappnet?

Wir sind gut vorbereitet. Die Besucherstromanalyse hat gezeigt, dass das Haus auch funktioniert, wenn es statt der geschätzten drei Millionen Besucher im Jahr doch eher vier oder sogar sechs Millionen werden. Die Eröffnung der Hamburger Elbphilharmonie hat gezeigt, dass man beim Gebäudemanagement manchmal noch mal nachsteuern muss, wenn dann tatsächlich gerade zu Anfang die Besucher in Scharen hereinströmen. Das gehört dazu.

In Hamburg gibt es immer noch Klagen über zu wenige Toiletten und Garderoben.

Wir haben berechnet, dass jeder Gast während seines Besuches einmal die Toi­lette benutzt, das sollte also funktionieren. Und bei Großveranstaltungen im Foyer können wir mit mobilen Garderobenständern schnell die Kapazitäten erhöhen.

Kommen wir vom Inneren zum Äußeren. Sind Sie eigentlich mit der Außengestaltung am Humboldt Forum zufrieden?

Damit kann man schwerlich zufrieden sein, sehr vieles ist noch nicht fertig und wird es bis zur Eröffnung leider auch nicht sein. Unser Gebäude wird Ende dieses Jahres fertiggestellt, dann ziehen die Nutzer ein, die Eröffnung ist für Ende 2019 vorgesehen. Die privat finanzierte Humboldt Box aber schließt erst Mitte 2019, dann muss sie auch noch abgebaut werden.

Dadurch ist es auch erst dann möglich, Geothermie-Bohrungen vorzunehmen, die wir aber unbedingt brauchen, schließlich soll das Humboldt Forum ein energieeffizientes Gebäude sein. Politisch noch nicht geklärt ist zudem ja leider auch noch, ob der Neptunbrunnen auf den Schloßplatz umziehen kann, was wir sehr begrüßen würden, und ob das Einheitsdenkmal auf die Seite der Schloßfreiheit nun wirklich kommt.

Gibt es noch weitere Probleme im näheren Umfeld?

Noch ärgerlicher sind die Auswirkungen der U5-Baustelle.

Wieso?

Durch die Verzögerungen beim Bau der neuen U-Bahnlinie werden uns die Flächen direkt an der Schloßbrücke, also dort, wo auch der Zugang zum neuen U-Bahnhof Museumsinsel sein wird, erst 2021 zur Verfügung stehen. Also können wir hier, an der wohl prominentesten Stelle im Außenbereich, ebenfalls erst weit nach der Eröffnung einen befriedigenden Zustand herstellen.

Das hat ja auch Auswirkungen auf die Erreichbarkeit Ihres Hauses, oder?

Allerdings, zumal die Verkehrsprognose für unser Haus davon ausgeht, dass die große Mehrheit mit der U-Bahn zu uns kommen soll. Entsprechend wenige, oder besser gesagt, gar keine Parkplätze sind ja auch geplant.

Wie, es gibt keine Parkplätze, auch nicht für die Reisebusse?

Nein, es wird nur Parkplätze für Menschen mit Behinderungen geben. Das sind tatsächlich noch offene Fragen, die der Berliner Senat klären muss, das aktuelle Verkehrskonzept entspricht noch nicht unseren Vorstellungen.

Wir hoffen, dass der Senat an dem Plan für eine verkehrsberuhigte Straße Unter den Linden festhält. Das wäre auch wichtig, damit die Besucher der Museumsinsel die Straße zwischen dem Lustgarten und dem Humboldt Forum sicher queren können. Bislang gibt es dort nur zwei Fußgängerampeln, die eine davon ist zudem nur provisorisch und man muss als Fußgänger sehr lange auf Grün warten. Wir Akteure auf der Museumsinsel machen da inzwischen auch gemeinsam Druck.

 

Quelle: Berliner Morgenpost, 05.02.2018