„Erst belächelt, jetzt bewundert: Der Retter des Berliner Schlosses verrät sein Geheimnis“

03.10.2018  Ruhr Nachrichten

Ausgelacht haben sie ihn, als Wilhelm von Boddien ein Jahr nach der Deutschen Einheit von seinem großen Plan sprach. Auch Heinz-Georg Mors aus Selm lachte. Das hat sich längst geändert.

Das Hochzeitspaar weint. Er im schwarzen Anzug, sie im weißen Kleid mit Schleier, beide mit geröteten Augen. Die haben auch die beiden älteren Paare etwas weiter. Wilhelm von Boddien, damals gerade 19 Jahre alt, lässt seinen Blick hin und her wandern zwischen den Jungen und den Alten. Dabei trifft er immer wieder auf den Uniformierten mit der Kalaschnikow, der zwischen ihnen steht. Dessen Gesichtsausdruck ist es, der sich in sein Gedächtnis brennt. „Irgendetwas zwischen Zorn und Angst.“ Nicht vor dem Brautpaar und dessen Eltern, die die gerade gebaute Berliner Mauer trennt. Sondern vor den Vorgesetzten im nahen Wachturm, die genau beobachten, dass er, der Grenzsoldat in der geteilten Stadt, sich nicht zu einer Geste der Menschlichkeit hinreißen lässt und zusammenbringt, was die Politik getrennt hat.

57 Jahre ist es her, dass Wilhelm von Boddien die Szene beobachtet hat, die sein Leben verändert hat. „Ich hatte mich damals als Schülerzeitungsredakteur in die Stadt Berlin verliebt“, sagt der Hamburger: in eine verwundete Stadt, die nicht nur an der massiven Zerstörung im Zweiten Weltkrieg litt, sondern ebenso an den Wunden, die ihr später geschlagen wurden. Von Boddien, der am Montagabend zu Gast ist beim Lions-Club Freiherr vom Stein Selm, zeigt Fotos: von dem mächtigen Barockschloss der Hohenzollern in den 1920er-Jahren, von dem, was nach seiner Bombardierung 1945 davon übrig geblieben ist und von dem, was er als Abiturient 1961 davon sah: nämlich gar nichts. 1950 hatte Walter Ulbricht, der erste SED-Generalsekretär, die Reste des Schlosses sprengen lassen. „Ich bemerkte bei meinem ersten Berlin-Besuch nur die große leere Fläche neben der Staatsoper Unter den Linden“ – eine Leerstelle, die von Boddien fortan keine Ruhe ließ.

Als Schlossgespenst verhöhnt

„Ich kann mich noch genau an unsere erste Begegnung erinnern“, sagt Heinz-Georg Mors, der Selmer Lions-Club-Präsident. 1991 sei das gewesen, auf einer Tagung von Landmaschinen-Händlern. Mors ist Geschäftsführer der Agravis Technik Münsterland-Ems GmbH mit Sitz in Olfen, von Boddien hat bis zur Insolvenz 2004 die von seinem Vater gegründete Boddien Land- und Kommunaltechnik GmbH geführt. „Damals deutete ein Kollege auf Herrn von Boddien und sagte: ,Stell dir vor, der will in Berlin das Schloss wieder aufbauen.‘ Wir haben alle nur den Kopf geschüttelt und gelacht.“ Wie so viele. Das weiß der 76-Jährige. „Sie haben mich Schlossgespenst genannt und Witznummer.“ Er grinst. Dass ein Landmaschinenhändler aus Hamburg sagt, er wolle Berlin sein Wahrzeichen zurückgeben, sei ja auch etwas verrückt. Aber wer zuletzt lacht, lacht am besten.

2019 feiert das Humboldt-Forum Eröffnung

Staunend und fast ungläubig schauen sich die Lions aus Selm die nächsten Fotos an, die ihnen der Mann mit dem Silberhaar und den vor Begeisterung strahlenden Augen zeigt: der Schlossplatz, der sich 2012 in eine gigantische Baustelle verwandelt; Szenen, wie 100.000 Kubikmeter Beton und 20.000 Tonnen Stahl verbaut werden; ein 35 Meter hoher, 184 Meter langer und 117 Meter breiter Betonklotz, der nach und nach eine barocke Fassade erhält: Kuppel, Löwen, Götterfiguren inklusive. Von Boddien strahlt. „Im nächsten Jahr werden wir eröffnen“: von außen das wieder erstandene Schloss, von innen das neue Humboldt-Forum, das Kulturen verbinden und Wissen verbreiten will. Auf einen Schlag werde nicht alles fertig sein. Kein Problem, wie von Boddien meint: „Dann gibt es eben viele kleine Eröffnungen“ – und unterm Strich noch größere Aufmerksamkeit.

Lions spenden 1800 Euro

600 Millionen Euro kostet das Projekt. Von Boddien, der Motor und Vorsitzende des Fördervereins, hatte angekündigt, 105 Millionen Euro zu sammeln als Spenden für die Schloss-Fassade. „Eine fantastische Summe“, er lacht. Aber: 85 Millionen seien schon beisammen. Seit Montagabend 1800 Euro mehr. So viel haben die Selmer Lions dem Förderverein Berliner Schloss gespendet.

Der Gast aus Schleswig-Holstein wollte eine halbe Stunde sprechen. Daraus sind am Montag im Haus Kreutzkamp fast zwei Stunden geworden. „Ich finde es großartig, wie sie sich einsetzen und andere von ihrem Projekt begeistern können“ sagt Christoph Kappenberg, einer der Zuhörer beim Hinausgehen. Das sei etwas, das er gerne seinen eigenen Kindern weitergeben wolle. Von Boddien, selbst Vater von fünf Kindern, nickt. „Sagen sie ihren Kindern ,Ich glaube an dich‘“, das bestärke sie, ihren Weg zu gehen – trotz aller Widerstände. Er selbst habe sich stets eine „kindliche Seele bewahrt voller Neugierde, Fantasie und Selbstgewissheit“ – und ohne Angst, verspottet zu werden.

 

Quelle: Ruhr Nachrichten, 03.10.2018

 

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