„Berlin entdeckt die Lust an preußischer Lebensart“

11.04.2018  DIE WELT

Von Marcus Woeller

Wer denkt schon noch an blinden Gehorsam und Militärkult? Preußen weckt heute eher die Lust an friderizianisch-wilhelminischer Lebensart – und an Kunst und Design der Hohenzollern-Monarchie.

So manches deutsche Bundesland leidet unter einem Bindestrich. Von Nordrhein-Westfalen bis Baden-Württemberg machen Trennungszeichen deutlich, dass hier zwangsverheiratet wurde, was nicht unbedingt zusammengehört. Berlin und Brandenburg gehörten schon immer zusammen. Stadt und Land sollten nach einem 1995 geschlossenen Staatsvertrag eigentlich längst verschmelzen. Wäre dafür nicht ein Volksentscheid nötig gewesen und hätten die Brandenburger nicht Nein gesagt, dann gäbe es heute ein siebtes Bindestrichland – oder aber Preußen.

Jedenfalls wenn es nach dem Willen des damaligen brandenburgischen Ministers Alwin Ziel gegangen wäre. Der hatte im Jahr 2002 gesagt, er würde nicht davor zurückschrecken, wenn die mit der Hauptstadt fusionierte Mark statt Berlin-Brandenburg eben Preußen hieße. Verschreckt hat ihn die folgende Namensdebatte, an der sich in kürzester Zeit beteiligte, wer eine Meinung zu Preußen hatte, also gefühlt jeder.

Die Bundesländerehe ist seit mehr als 15 Jahren auf die lange Bank geschoben. Und über den Namen des ungeborenen Kindes wird schon lange nicht mehr diskutiert. Preußen ist mindestens so utopisch wie Berlin-Brandenburg. Dabei wird es da immer preußischer: Halb Potsdam wird renoviert, restauriert, rekonstruiert. Die Berliner Staatsoper lädt wieder zu Preußens Hofmusik.

Kunsthaus Lempertz in Berlin lädt zur Preußen-Auktion

Am Humboldt-Forum, das zum großen Teil mit Sammlungen der Stiftung Preußischer Kulturbesitz im wiederaufgebauten Stadtschloss bestückt wird und das als Chef einen Direktor der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten bekommt, kleben Steinmetze gerade die letzten Barockornamente an die Fassaden. Und jetzt hat das 1845 im seinerzeit dreißig Jahre preußischen Köln gegründete Kunsthaus Lempertz die traditionelle Berlin-Auktion auch noch in Preußen-Auktion umbenannt (am 21. April 2018 im Kunsthaus Lempertz in Berlin, Vorbesichtigung ab 13. April 2018).

Vor mehr als siebzig Jahren, am 25. Februar 1947, war Preußen von den Alliierten aufgelöst worden, auch wenn es nur noch ein Name war. Aber allein der ließ an blinden Gehorsam und Militärkult denken. „Dass Preußen von der politischen Landkarte Europas verschwand, war daher zumindest symbolisch eine Notwendigkeit“, schreibt Christopher Clark, der das Standardwerk zum Aufstieg und Niedergang des Staates verfasst hat.

Der Historiker hat zu einer Trendwende beigetragen. Borussen werden mittlerweile kaum noch als Gefahr wahrgenommen (nicht einmal die aus Dortmund). Wer heute preußisch denkt, will seltener die Pickelhaube aufsetzen, sondern schwört auf Toleranz und friderizianischen Fein- und Freigeist.

In diesem Sinne steht auch die Lempertz-Auktion, deren 361 Lose eine durchaus wohlwollende Kunst- und Kulturgeschichte des deutschen Schicksalsstaates erzählen. Von einem auf Elfenbein gemalten Bildnis des Großen Kurfürsten, dessen Sohn sich 1701 zum ersten preußischen König krönte, reichen die Objekte bis zu einer Deckeldose der Königlichen Porzellan-Manufaktur KPM, die 1956 dem Preußenhasser Konrad Adenauer gewidmet wurde.

Zu Beginn des 18. Jahrhunderts hatte König Friedrich I. in Preußen (und von eigenen Gnaden) erst einmal alle Hände voll zu tun, seine Monarchie auch präsentabel zu machen. Dazu gehörte beispielsweise ein Orden als höchste staatliche Auszeichnung. Der flugs vom roten brandenburgischen Adler in einen schwarzen preußischen umlackierte Wappenvogel sollte für die nächsten mehr als 200 Jahre auf Jacken gestickt und am Bande getragen werden.

Der König selbst speiste von einem Geschirr mit dem Schwarzen-Adler-Orden. Ein seltener, weiß und blau glasierter Fayenceteller (das Porzellan wurde erst ein paar Jahre später in Sachsen neu erfunden) aus diesem Tafelservice, das ab 1703 im Rittersaal des Schlosses aufgetischt wurde, kommt mit einigem Berieb, Abplatzungen und Sprüngen für 1000 bis 1500 Euro zum Aufruf.

Kunstsinnige und -unsinnige Monarchen im Wechsel

Den Umbau Berlins zur repräsentativen Residenzstadt unter Friedrich I. übernahm sein Hofbildhauer und Chefbaumeister Andreas Schlüter. Er entwarf Schloss Charlottenburg, das Zeughaus Unter den Linden und baute das Berliner Renaissanceschloss zum barocken Prachtbau aus. Eine vergoldete Weichholzkartusche mit auffliegendem Adler war um 1710 in Schlüters Werkstatt für den dortigen Teesalon angefertigt worden. Sie wird nun mit einem Schätzwert von 4000 bis 6000 Euro aufgerufen.

Auf den kunstsinnigen Friedrich I. folgte sein spröder Sohn Friedrich Wilhelm I., der in der Lempertz-Borussiana weniger als militärbegeisterter Soldatenkönig auftritt, denn als frommer Zuwanderungspolitiker. Eine sogenannte Schraubmedaille aus Silber zeugt davon (Schätzpreis 2000 bis 2400 Euro): Außen begrüßt der König österreichische Emigranten, die er 1732 eingeladen hatte, preußische Neubürger zu werden. In ihrem Inneren finden sich 17 runde, handkolorierte Kupferstiche mit Darstellungen des religiösen Lebens der protestantischen Minderheit im Salzburger Land. 1732 hatten sich 20.000 auf den Weg gemacht und sich vor allem in Ostpreußen niedergelassen.

Wie sieht der König aus?

Militärische Erfolge feierte dann der nächste kunstbegeisterte Friedrich, den man bald „den Großen“ nannte. Zum Beispiel bei der Schlacht von Mollwitz, wo die preußische Infanterie einen verlustreichen, aber letztlich glücklichen Sieg gegen die Habsburger einfuhr. Auf einer aquarellierten Rollzeichnung kann die Schlachtordnung studiert werden (8000 bis 12.000 Euro). Friedrichs II. Ruhm mehrte auch die Tatsache, dass man bald im ganzen Land wusste, wie er aussah.

Sein Hofmaler Antoine Pesne schuf die amtlichen Porträts des Königs mit Dreispitz, Adler-Orden und Hermelinkragen – und viele heute namenlose Maler kopierten sie. Ein um 1750 entstandenes Bildnis wurde aus einer norddeutschen Privatsammlung eingeliefert (8000 bis 10.000 Euro).

In die Amtszeit von Friedrich II. fallen auch die Gründungen der ersten Berliner Porzellanmanufakturen Wegely und die daraus hervorgegangene KPM. In die Auktion kommen eine frühe große Deckelvase mit aufgelegten plastischen Blüten und Rankwerk (Wegely, 10.000 bis 15.000 Euro) sowie viele Teller und Schüsseln mit Streublumendekor (KPM, ab 800 Euro). Sein Tafelservice gab Friedrich zunächst nicht bei der eigenen Manufaktur in Auftrag, sondern in Meißen (einzelne um 1760 entstandene Teile ab 600 Euro). Am 20. Juli 1786, zwei Monate vor seinem Tod, gab er KPM noch einmal eine große Order: das Service mit dem dunkelblauen Band. Die Beschreibung seines Wunschdesigns lieferte er höchstpersönlich. Ein Speiseteller aus dieser Charge ist auf 1000 bis 1500 Euro taxiert.

Preußen träumt vom alten Griechenland

Bekannt ist KPM auch für große, mit feinsten Landschaftsszenen und Stadtveduten bemalte Kratervasen mit wuchtigem Korpus und markant herauskragender Lippe. Neben den Manufakturen in Sèvres und Sankt Petersburg galt KPM sogar als einzige Porzellanbrennerei, der es gelang, solche mitunter mehr als einen halben Meter messende Stücke zu produzieren. Einige Vasen aus dem 19. Jahrhundert, die bei Lempertz zum Aufruf kommen, schwelgen in der Antikensehnsucht des klassizistischen Berlin-Brandenburg.

In den Jahrzehnten nach den Befreiungskriegen gegen Napoleon wurde Preußen zunehmend repressiver und die Hoffnungen auf mehr Demokratie und soziale Freiheit bald gedrosselt. Man zog sich ins biedermeierlich Private zurück oder träumte vom alten Griechenland.

Karl Friedrich Schinkel baute es in Berlin wieder auf. Sein Altes Museum prangt von einer Henkelvase aus den 1820er-Jahren (wegen einiger Schäden auf 3000 bis 3500 Euro taxiert). Ähnlich geformte, üppig vergoldete und mit Adlern geschmückte, gut erhaltene und mit Szenen des Potsdamer Havel-Elysiums oder mit Berlin-Panoramen à la Eduard Gaertner bemalte Vasen sind auf mindestens 35.000 Euro geschätzt.

Eine knapp siebzig Zentimeter hohe Prunkvase war 1868 als Geschenk an König Wilhelm I. gefertigt worden. Sie zeigt das Preußenschloss, wie es zurzeit nur teilweise wieder entsteht. In einer Ansicht von Südosten erkennt man die reproduzierten Schlüter-Fassaden, aber auch den Apothekenflügel aus der Renaissance, der in der architektonischen Neuinterpretation des Gebäudes fehlt und durch einen schmucklosen Riegel ersetzt wurde.

Die außerordentliche Fülle der Auktion mit Losen aus knapp 300 Jahren zeigt nicht ein Preußen, sondern wie sich die Selbstdarstellung, aber auch die subjektive Wahrnehmung von Preußen immer wieder veränderte: Von der politischen wie ästhetischen Erschaffung einer barocken Monarchie um 1700 über die frühromantische Luisenbegeisterung um 1800 (ein Porträt der Königin von Wilhelm Ternite ist auf 20.000 bis 24.000 Euro taxiert) steigt und fällt der Staat bis zum militanten Imponierimperium nach 1900.

Stramme Wilhelm-Zwo-Verehrer finden immerhin ein „royales Präsentations-Zigarettenetui“ (3000 bis 4000 Euro) und ein Terrakotta-Medaillon des letzten deutschen Kaisers (1000 bis 1200 Euro) im Angebot.

 

Quelle: DIE WELT, 11.04.2018

 

 

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