Der große Wunsch eines Preußenkönigs – eine Weihnachtsgeschichte

 

 

Der große Wunsch eines Preußenkönigs

Eine Weihnachtsgeschichte für Erwachsene und deren Kinder

 

Wie oft er schon bei seinen Erdumrundungen diesen Ort angesehen hatte, konnte er schon lange nicht mehr sagen. Ja, da unten ist es, sein Schloss. Er, FRIEDRICH I, hatte es gebaut. Nun ja, nicht ganz alleine, zugegeben, aber immerhin. Jetzt war er endlich König in Preußen, hatte er es dem Hohen Herren in Wien nicht schön gezeigt, oder?

Seitdem waren viele Jahrzehnte für ihn dort oben im Himmel mit ungezählten königlichen Erdumrundungen vergangen. Generationen kamen und gingen, sein Haus aber stand unverrückbar fest am selben Ort, jahrein, jahraus. Doch eines Tages geschahen ungeheuerliche Dinge. Sein Schloss wurde zerstört und war bald darauf restlos verschwunden, der so vertraute Platz öde und leer. Nicht ein Krümchen war übriggeblieben. Er traute seinen Augen nicht, das konnte nicht wahr sein. Und wenig später setzte massenhaftes Treiben mit großen Ansammlungen ein. Auf einem Podest drängelten sich oben viele Leute und unten liefen vor denen Kolonnen anderer Menschen winkend und gestikulierend vorbei. Dabei trugen sie Bilder älterer Männer und Plakate, mit Sprüchen versehen. Es vergingen weitere Jahre und es entstand ebendort eine Art gläserner Kasten, der auch eines Tages wieder seinen Platz räumte. Als Resultat erneut eine kahle Einöde, dem König schauderte jedes Mal aufs Neue. Er konnte diesen Anblick nicht länger ertragen und nahm in Zukunft einen anderen Weg.

Eines schönen Tages stürmte jedoch ein Himmelsbote auf ihn zu, und rief schon von Weitem atemlos, er solle unbedingt dringend und: „Ja – äh -unverzüglich, also sofort“ noch einmal seinen alten Weg fliegen, „und fasst Euch, mein König“, rief er noch hinterher. Der tat es und rieb sich bald ungläubig immer wieder die Augen. Ja, was war das denn, da stand es wieder, sein Schloss. Genau wie einst, am gewohnten Platz, so als ob es nie fort war, exakt wie in allen Zeiten davor. Er starrte auf den Reichtum der Fassaden, erkannte die prächtigen Portale, unzählige Figuren, Wappen und erkannte auch jede Götterstatue. Manches war neu, das bemerkte er wohl. Doch der glanzvolle Anblick seines Schlüterhofs überstrahlte für ihn alles. Er sah den Meister inmitten seiner Bauleute förmlich werkeln und grummeln und wünschte sich etwas von dessen Freundschaft zurück, wenn es denn nur noch ginge.

Wochenlang blickte er bei seinen Umrundungen jedes Mal gebannt hinab und genoss die kurzen Momente der Aussicht. Auf dem Schlosshof musste es wohl gerade Weihnachten sein, denn viele kleine Hütten waren aufgebaut, bunte Lichter erstrahlten und eine Menschenmenge schob sich fröhlich von Stand zu Stand. Ein unbändiger Wunsch erwachte in ihm: Einmal noch dort zu sein, einmal sein Volk noch hautnah erleben. Früher musste er sich so etwas stets versagen, aber jetzt? Als König erhielt er, schon seines Alters wegen, für diesen Wunsch eine Sofort-Reisegenehmigung, lieh sich einen alten Mantel und eine schiefe Mütze, gab seine Krone an der Himmelsgarderobe ab und bezog darauf unerkannt wenig später sein Schloss in der 2. Etage, gleich links. Beinahe wie früher, murmelte er versonnen und spähte verstohlen aus dem Fenster hinab unten auf das Treiben im Hof.

In der Tasche ein paar Goldmünzen, die er aus seiner alten Schatulle immer noch besaß, und mit einer kleinen Tüte voll goldenen Engelsstaubes schlurfte er unauffällig hinunter und mischte sich endlich unter sein Volk. Er begann leicht zu frieren, denn in der Eile hatte er nur sein Engelskleid an und der Mantel war auch recht dünn. Ein Becher Glühwein erwärmte Hände und Gemüt und er bezahlte ihn wie gewohnt mit etwas Engelsstaub. Die Verkäuferin starrte auf die funkelnden Kristalle: „Ey, sach mal, wo haste denn die her, Alterchen?“ fragte sie. Der König wollte auffahren und schroff majestätisch antworten, besann sich aber gerade noch rechtzeitig und murmelte etwas Unverständliches wie „von oben“ oder so. Daraufhin wurde ihm sofort ein weiterer Becher überreicht

Ein Kind rief laut hinter ihm: „Mama, schau mal, da ist er ja wirklich, der Weihnachtsmann.“ Er drehte langsam sich um, kramte aus der Manteltasche einen Apfel, der von seinem Reiseproviant noch übrig war, und streckte ihn dem Mädchen hin. Die Kleine strahlte, nahm vorsichtig den Apfel und floh sofort in Muttis Mantel. Der König lächelte plötzlich, ihm fielen die Goldmünzen in seiner Tasche ein. Er streckte der Mutter eine Münze entgegen, die sie, fragend in die Menge blickend, zögerlich entgegennahm. Die neugierigen Zuschauer bildeten inzwischen längst einen dichten Halbkreis um diese seltsame Szene und tuschelten miteinander. Da kam ihm plötzlich eine Idee. Er bahnte sich einen Weg zur nächsten Bude, denn von dort her wehte der Geruch gebrannter Mandeln und Zuckerwatte, sah kandierte Äpfel und dieses alles erinnerte ihn an lange zurückliegende Zeiten. Laut rief er: “Alle Kinder kommen jetzt mal zu mir“ und noch einmal „Na los doch, alle zu mir hier rüber.“ Und umringt von einer nun lärmenden Schar, warf er ein paar Münzen auf den Tresen, verteilte alle Süßigkeiten an die Umstehenden und die Erwachsenen erfreuten sich dabei unversehens auch noch an mehreren Runden Glühwein. Die Stimmung stieg, sogar Hochrufe erklangen und einige waren ganz sicher, in diesem Moment wirklich den Weihnachtsmann zu sehen. Kalt war ihm schon lange nicht mehr, doch er fühlte mit jedem Moment schmerzhafter sein Alter den Rücken heraufkriechen und die lange Reise tat dazu noch ihr Übriges.

So bahnte er ich unerkannt Schritt für Schritt einen Weg durch Alt und Jung und musste rechts und links jedem hoch und heilig versprechen, morgen wiederzukommen, was er auch gewissenhaft tat. Endlich erreichte er ein kleines Tor, dahinter die verborgene unbekannte Tür und erklomm schließlich hundemüde aber glücklich sein rettendes Bett. Noch einmal warf er einen letzten Blick aus dem Fenster hinunter auf seinen Hof mit allen Buden, den vielen Lichtern und blinkenden Sternen und dem Geschiebe zahlloser Besucher. Dann fielen ihm die Augen zu und er lächelte noch glücklich im Schlaf.

Ja, und wer nun über den Schlüterhof schlendert, der sollte genau darauf achten. War er das nicht gerade eben dort drüben oder haben wir ihn vorhin nicht schon einmal gesehen?

 

Von Ulrich Kirschbaum – gewidmet dem Weihnachtsessen des Fördervereins am 20.12.2023

 

 

 

 

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