„Den Eingang der Museumsinsel bewacht jetzt ein Löwe“

22.05.2019 Berliner Morgenpost

August Gauls „Liegender Löwe“ ist in der James-Simon-Galerie angekommen und wird dort die Besucher begrüßen.

Von Utta Raifer
Der 19-jährige August Gaul war aus dem hessischen Hanau 1888 nach Berlin gekommen, um an der Kunstgewerbeschule das Modellieren zu studieren. Wie in einem modernen Märchen begann sein Aufstieg zum bekanntesten Tierskulpteur Deutschlands mit einer Lotterie, bei der er eine Jahreskarte für den Berliner Zoo gewann, die er von nun an tagein tagaus nutzte, um Tiere zu beobachten und zu zeichnen. Und mit einem Stipendium für einen Romaufenthalt, von dem er mit neuer Kunstauffassung und dem Bildnis „Römische Ziegen“ zurückkehrte, das ihn auch über die Grenzen Berlins hinaus berühmt machte.

Gauls Enten, Bären, Robben und Esel warn überall begehrt

Denn das Bildwerk wurde in Paris auf der Weltausstellung 1900 gezeigt, die damals 48 Millionen Besucher anzog. Schon bald wollte jeder in der Stadt eine Tierfigur von ihm, er modellierte Enten, Pinguine, Robben, Esel, Hirsche, Eisvögel, Reiher, Pelikane und auch Bären. Die Figuren standen in den Gärten der Dahlemer Villen, in den Vitrinen der Charlottenburger Salons, dienten als Briefbeschwerer oder schmückten Brunnen wie jenen mit den Schwanenküken am Kurfürstendamm.

Der Verleger und Kunstmäzen Rudolf Mosse wünschte sich um 1900 einen Löwen aus Stein für das Entree seines privaten Museums in einem Palais auf dem Leipziger Platz. Er sollte die Besucher begrüßen und gleichzeitig die Sammlung bewachen. Und er sollte von einer neuen Zeit künden, einer modernen Zeit.

Wie kann ein Augenblick gleichzeitig das große Ganze ausdrücken?

Denn der Löwe war nicht mehr im alten historistischen oder neobarocken Stil gefertigt, sondern schlicht und klar, ohne die ihm sonst eigene Herrscherpose. Er liegt einfach da, ausgestreckt wie in der Natur, wie ihn der Künstler im Zoo beobachtet hatte. Es ist ein junger Löwe, die Mähne ist noch nicht ganz ausgewachsen, nur angedeutet. Der junge Löwe aber trägt den alten schon in sich, diese Gleichzeitigkeit war ein Thema, das damals die Künstler interessierte.

Wie kann man Dinge, die eigentlich hintereinander passieren bildnerisch festhalten? Wie kann ein Augenblick gleichzeitig das große Ganze ausdrücken? Das waren Gedanken einer neuen Zeit und Kunst. Deshalb spricht die Kunstgeschichte bei Gaul immer von einem Künstler am Übergang zur Moderne.

August Gaul hat Hitlers Aufstieg nicht mehr erlebt

Den vormodernen August Gaul kann man im Berliner Tiergarten bewundern. Dort stehen vor dem Alfred-Brehm Haus zwei bronzene Löwen, die ursprünglich das Kaiser-Wilhelm-Denkmal vor dem Berliner Schloss schmückten, dort, wo das Denkmal der Einheit, die sogenannte Einheitswippe geplant ist. August Gaul ging dem Meister des Denkmals Reinhold Begas zur Hand und schuf die Tierskulpturen. Das Denkmal wurde 1946 abgetragen, nur die Löwen und der Sockel sind noch erhalten.

Rudolf Mosse und August Gaul haben den Aufstieg Hitlers nicht mehr erlebt, sie starben 1920 und 1921. Die Sammlung Mosse, aber, für Zeitgenossen eine der „großartigsten und reichhaltigsten deutschen Sammlungen“ wurde Mosses Erben von den Nazis entzogen und versteigert. Darunter viele bekannte Namen wie Max Liebermann, Adolph Menzel oder Hans Thoma, aber auch alte Meister und junge Künstler, die Mosse förderte, ägyptische und römische Kunstwerke, ostasiatische Objekte, wertvolle Bücher und Teppiche.

2016 wurde der Löwe für die Nationalgalerie zurückgekauft

Nur der Löwe blieb an seinem Platz vor dem Palais in der Leipziger Straße, wohl weil der Transport zu aufwendig war, und überstand dort sogar die Bomben des Zweiten Weltkrieges, während das Mosse-Palais komplett zerstört wurde. Nach dem Krieg nahm ihn die Nationalgalerie Ost (heute Alte Nationalgalerie) auf, wo er lange Zeit in der Kutschendurchfahrt die Besucher begrüßte. 2015 wurde das Werk der Erbengemeinschaft Lachmann-Mosse zurückgegeben und 2016 für die Nationalgalerie zurückgekauft und anschließend restauriert.

Am Mittwoch war es dann endlich soweit, der Löwe übersiedelte in den Eingangsbereich der James-Simon Galerie. Hier wird er das erste und einzige Kunstwerk sein, das die Besucher beim Eintreten sehen. Zwei Kräne hievten den über eine Tonne schweren Löwen an seinen neuen, dauerhaften Platz, wo ein Stück der Sammlung Mosse jetzt auf den Namensgeber der Galerie, James Simon, trifft, auch er jüdischer Kunstmäzen und großer Gönner der Berliner Museen. An zentraler und prominenter Stelle finden die Themen Provenienz und Restitution nun im Gaulschen Löwen ein gewichtiges Symbol, das mahnt, aber auch Hoffnung macht.

Nach dem Verbleib der Sammlung Mosse wird weiterhin geforscht. 2017 wurde die Mosse Art Research Initiative (MARI) gegründet. Die Erbengemeinschaft und deutsche Kulturinstitutionen suchen gemeinsam mit Wissenschaftlern der FU nach verstreuten Teilen der Sammlung. Neun Kunstwerke wurden von der Stiftung Preußischer Kulturbesitz bereits 2015 zurückgegeben, neben dem Löwen von Gaul auch die „Susanna“ von Reinhold Begas.

 

Quelle: Berliner Morgenpost, 22.05.2019

 

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