„Highlights für das Humboldt Forum – Tonnenschwere Zeitzeugin“

01.05.2019  Der Tagesspiegel

Markus Sailer von der Stiftung Humboldt Forum erklärt, warum die Stahltür des Clubs „Tresor“ ins Humboldt Forum gehört

Von Markus Sailer, Mirko Nowak und Silke Zorn

Fast 100 Jahre Berlin-Geschichte lassen sich anhand dieser Tresortür erzählen, hat sie doch als „Zeitzeugin“ alle Umbrüche an einem zentralen Ort überdauert. Eingrenzung und Ausgrenzung, der Verlust und die Eroberung von Freiräumen, aber auch Leid und Vergnügen überlagern sich in der Geschichte Berlins wie die Rost- und Farbschichten auf ihrer Oberfläche. Davon erzählt die Tresortür, und deswegen wird sie in der Berlin-Ausstellung im Humboldt Forumzwischen den Bereichen „Freiräume“ und „Grenzen“ zu sehen sein.

Ursprünglich sicherte die Stahltür seit den 1920er Jahren den Tresorraum einer Bank im „Wertheim“ in der Leipziger Straße, einem der prunkvollsten Warenhäuser seiner Zeit. Zwischen 1897 und 1927 wuchs das Haus mit Erweiterungsbauten von der Leipziger Straße, Ecke Wilhelmsstraße bis zum Leipziger Platz. Mit einer Nutzfläche von über 100 000 Quadratmetern war es eines der größten Warenhäuser seiner Zeit.

Nachdem die Nationalsozialisten die Macht erlangt hatten, zwangen sie die jüdische Inhaberfamilie zur Aufgabe des Unternehmens. Der Wertheim-Konzern wurde „arisiert“. Am 1. Januar 1937 notierte der Haupteigner Georg Wertheim in sein Tagebuch: „Austritt aus dem Geschäft. Firma für deutsch erklärt.“ Ein Teil der Familie ging ins Exil, drei Mitglieder wurden in Auschwitz ermordet. Erst 70 Jahre später erhielten die Erben nach einem langwierigen Prozess eine angemessene Entschädigung für das riesige Grundstück im Herzen Berlins.

Nach dem Mauerbau lag die Ruine im Dornröschenschlaf

Das „Wertheim“ wurde im Zweiten Weltkrieg durch einen Bombentreffer stark beschädigt. 1955 wurde der nun im Sowjetischen Sektor gelegene Komplex abgerissen. Einzig der unterirdische Tresorraum mit seiner Stahlkammer und den Schließfächern verblieb. Nach dem Bau der Mauer fristete die Ruine einen Dornröschenschlaf im brachliegenden Gebiet auf deren Ostseite.

Das änderte sich erst kurz nach der Wende, als Kulturschaffende auf der Suche nach neuen Spielstätten eine Baracke in der Leipziger Straße erkundeten. Hinter einem Regal befand sich eine Tür, und hinter der Tür eine Treppe, die in ein Gewirr aus unterirdischen Gängen führte. Am Ende eines dieser Gänge stießen sie auf die Stahlkammer. „Mit einem Feuerzeug in der Hand. Als würde man eine Pyramide öffnen“, wie der spätere Club-Betreiber Dimitri Hegemann den Moment beschreibt.

Ursprünglich wollten Hegemann und seine Gefährten nur eine einzige Party veranstalten. Wechselnde Orte, Experimente, improvisierte Events waren das Gebot der Stunde. Doch was dann folgte, wurde legendär. 1990 wurde die Stahlkammer mitsamt ihren Schließfächern zum „Tresor“-Club umfunktioniert, dem Geburtsort der Techno-Bewegung, die von dort aus um die Welt ging.

Junge Menschen aus aller kamen im „Tresor“ zusammen

Die Nachricht von einem Club in unterirdischen Tresorräumen sprach sich herum wie ein Lauffeuer. Die fehlende Sperrstunde in Berlin, die euphorische Stimmung kurz nach der Vereinigung, der symbolische Standort und die absolut neuartige Musik sorgten für magische Momente.

Junge Menschen aus Ost- und Westberlin, aus Deutschland und der ganzen Welt kamen im „Tresor“ zusammen. Im Lauf der Jahre durchschritten Hunderttausende die einstige Tresortür, traten ein in eine Welt aus harten Beats, Stroboskoplicht und schwitzenden Körpern. Der „Tresor“ wurde zum Ort der Entgrenzung – doch von begrenzter Dauer.

2005 musste der Club den Plänen für eine Neubebauung des Areals am Leipziger Platz weichen. Er zog in das Heizkraftwerk Mitte um. An der Stelle des „Wertheim“ steht heute eine Shopping Mall, am Standort des „Tresor“ befindet sich ein Bürohaus. Die tonnenschwere Tür kommt nun ins Humboldt Forum. Für die Berlin Ausstellung hat Dimitri Hegemann sie an das Stadtmuseum Berlin verliehen. Dort wird sie mitsamt einigen der originalen Schließfächer des Tresorraums zu sehen sein. Sie erinnert an die Aufbruchsstimmung der 1990er Jahre und an die Freiräume, die sich zu Experimentierfeldern für die Kunst- und Kulturszene entwickelten. Sie erzählt allerdings auch vom Schwinden der Freiräume für kulturelle Experimente, die Berlin mit zu der Metropole mit explodierenden Grundstückspreisen machten, die sie heute ist.

„Wenn ich das Licht sehe, denke ich an Feuer ”
Thomas Rump, Leiter Produktmanagement bei Hartmann Tresore:

Der Tresor ist groß und schwer, die Wandung bestimmt 20 Zentimeter dick. Man erkennt gut das verrostete Metall. Damals dachte man: Viel Stahl hilft viel. Der Griff wurde abmontiert. Auf der Türrückseite würde das Riegelwerk liegen: lange Bolzen, die beim Verriegeln nach außen fahren. Heute brauchen Banken so große Tresore nicht mehr, weil viel weniger Bargeld im Umlauf ist.

Wenn ich das Licht sehe, das durch die Tür fällt, denke ich an Feuer. Nicht feuerfeste Tresore erhitzen sich – und ihr Inhalt ebenfalls, denn Metall leitet hervorragend. Ein feuerfester Tresor ist immer auch wasserfest, damit das Löschwasser den Inhalt nicht beschädigt.

Tresore haben verschiedene Sicherheitsstufen. Sie richten sich danach, wie lange ein Profi braucht, um sie zu öffnen. Dabei werden die gängigen Werkzeuge zugrunde gelegt: Stemmeisen, Kuhfuß, Flex, Vorschlaghammer.

Wir beobachten, dass eine wachsende Zahl von Privatleuten Tresore kauft. Das sind etwa Sammler teurer Uhren, aber auch Menschen, die den Banken nicht mehr vertrauen. Wertschutzschränke – so der Fachausdruck – sind komplex.

Da werden nicht bloß ein paar Stahlplatten zusammengeschweißt. Dazwischen steckt Beton, der teils noch Metallgitter oder andere Elemente enthält, die eine Flex stumpf machen. Knacken mit dem Stethoskop wie im Wilden Westen, das geht bei elektronischen Kastenschlössern ohnehin nicht mehr. Die Topliga sind dann biometrische Schlösser, die man per Fingerabdruck öffnet.

Protokoll: Silke Zorn

„Ich tauche ein in eine warme Welle von Glück”
Mirko Nowak, Clubgänger und Leiter Kommunikation Kultur & Digitales bei der Humboldt Forum Kultur GmbH:

Mitte der 1990er Jahre, samstagmorgens um 2 Uhr schlängele ich mich an schwitzenden Menschen vorbei, die schmale Treppe hinab, tiefe Bässe und harte Beats, immer lauter, mein Herz schlägt schneller, jemand redet auf mich ein, ich verstehe kein Wort, mich zieht es weiter zur Stahltür, dahinter weiße Lichtblitze, ekstatisch Tanzende in einem niedrigen, verwinkelten Keller, Stahlbetonwände voller rostiger Schließfächer. Jetzt lasse ich mich treiben, erst langsam, noch vorsichtig, treiben von den sich wiederholenden Sounds, ohne Anfang oder Ende. Dann macht’s klick, ich tauche in der Masse wogender Körper ab, tauche ein in eine warme Welle von Glück, tauche weit unter der Zeit hinweg. Wie krass!

Der Tresor markiert für mich einen Wendepunkt in Bezug auf Musik und Ausgehen. Immer wieder neu. Härter, rauer, extremer, authentischer – kurz nach der Wende im Niemandsland an der Leipziger Straße wurde das Format Club als Ort des permanenten Ausnahmezustandes und der absoluten Freiheit neu definiert. Danach haben sich alle Clubs am „Tresor“ orientiert – bis heute.

GESPRÄCH IM CLUB TRESOR

Türen – Schlösser – Tresore, 9. Mai, 19.30 Uhr
Wer ist willkommen, wer bleibt draußen – in Clubs und einst im Berliner Schloss? Welches Publikum wünscht sich das Humboldt Forum? Sechs Expertinnen und Experten sprechen über unterschiedliche Zugangsberechtigungen.

Mehr unter humboldtforum.com/highlights

 

Quelle: Der Tagesspiegel, 01.05.2019

 

 

 

 

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