„Letzte Chance für einen Boxenstopp“

15.12.2018  Der Tagesspiegel

Sieben Jahre lang informierte die Humboldt-Box über die Geschichte des Schlosses und den Bau des Forums. Am Sonntag ist Schluss.

Von Lothar Heinke

„Wohlhabend ist, wenn man mit Geld, das man nicht hat, Dinge kauft, die man nicht braucht, um damit Leute zu beeindrucken, die man nicht mag.“ Alexander von Humboldts Erkenntnis und andere Bonmots des Weltreisenden stehen in großen Lettern im Lift, der uns zum Café auf der Humboldt-Box bringt. Nur bis zum Sonntag gibt es noch die Chance, die grandiose Aussicht auf das Zentrum der Stadt zu genießen. Dann ist Schluss. Nach sieben Jahren muss das futuristische, auf Stelzen stehende Gebäude dem Baufortschritt am Schloss weichen.

Der Platz wird dringend gebraucht: Für die Geothermie – mit der das Schloss erwärmt wird – finden Erkundungsbohrungen bis zu einer Tiefe von 100 Metern statt. Zuvor wird das Haus und damit der Kontrast zum benachbarten Barockschloss abgebaut. Da steht dann plötzlich nur noch ein stählernes Gerippe – und am Ende, im Frühjahr, gar nichts mehr. Höchste Zeit für einen Abschiedsbesuch.

Im Café im fünften Stock wird die letzte Party vorbereitet, ansonsten gibt es kein warmes Essen mehr, der Rest ist Selbstbedienung. Hicham Jakubeit zieht mit seiner Crew zur Mercedes-Benz-Arena, zurück bleibt eine Speisekarte, auf der „Des Kaisers Latte“ ein kulinarischer Renner war: vierfach geschichtete Spezialität mit Espresso, dunkler Schokosoße, Milch und Milchschaum. Nur einmal noch zieht der Kaffeeduft durch den Raum – Silvester zu einer endgültigen Abschiedsfeier.

Jeder, der sich noch hierher verirrt, erlebt aus 31 Metern Höhe Glanz und Elend im Herzen seiner Stadt: ein Blick bis zur Siegessäule, den protzig-preußischen Dom, die Museumsinsel, und dann diese Kuppeln und Dome, die grausame Verhüllung der Friedrichswerderschen Kirche, St. Hedwig, die Staatsoper und Friedrich, wie er unerschütterlich in seine Wohnung reitet. Das Schloss ist zum Greifen nah: Nie mehr wird man so auf Augenhöhe mit Göttern und Kriegern sein. Gold umkränzt die Kronen, im Schloss brennt Licht. Dereinst soll es auch unter Kreuz und Kuppel ein Café geben.

Herzstück der Box ist jene Etage, in der der Förderverein Berliner Schloss für den Wiederaufbau wirbt – der Raum scheint viel zu klein für das Vorzeigen des großen Bauwerks. Teile davon stehen als Muster in einer Ecke, man darf dem Adler die steinernen Flügel streicheln und Gesichtern des Fassadenschmucks an die Nase fassen. 80 ehrenamtliche Vereinsmitglieder, so enthusiastisch wie ihr Leiter Gunther Kämmerer, stehen Rede und Antwort, wenn die Neugierigen, die inzwischen zu Bewunderern geworden sind, ihre Fragen stellen.

Erst habe große Skepsis geherrscht, ob das Ganze überhaupt Sinn mache, weil wir doch gar keinen König haben, aber zu wenig Geld in der Kasse. Dann, als die ersten Geschosse aus der Baugrube kamen, wandelte sich die Skepsis in Zustimmung, und jetzt, wo das besondere Gebilde steht, sind selbst die größten Skeptiker versöhnt – durch die Einmaligkeit des historischen Baukörpers in einer von gesichtslosen Kästen nur so strotzenden Stadt.

Im Souvenirshop gibt es allerlei Schloss-Fragmente, aber auch Schlüsselanhänger, Figuren, Tassen mit Schloss und Geldscheine mit dem fertigen Bau, garantiert echtes Eurosouvenir im Wert von Null, kosten drei Euro – mit Autogramm von Wilhelm von Boddien, dem unermüdlichen Schlossbaumeister, muss man fünf Euro zahlen.

Das ist nur eine von tausend Ideen des Initiators, über den Günther Kämmerer sagt, er sei überhaupt der Motor, der Anschieber und Ideengeber, ohne ihn wäre das alles nicht möglich: Spiritus rector hoch drei. Im Gästebuch möchte Heinz Wagner aus Köpenick, dass Wilhelm von Boddien „bei nächster Gelegenheit“ zum Ehrenbürger von Berlin ernannt wird. Gästebuch, Förderverein und Ausstellung ziehen in ein Geschäft am Werderschen Markt.

Sonntag, ab 18 Uhr, wird auch die letzte Ausstellung abgebaut. In ihr sollte der Betrachter erzählen, zu welchem Ereignis er gern mit der Zeitmaschine reisen würde und warum. Die meisten möchten nicht zum Mond, sondern Königin sein oder – zum Alten Fritz. Anne (8) will mit ihm musizieren, er Querflöte, sie Geige.

Letzte Fahrt mit dem Lift. Was gibt uns der Herr Humboldt mit auf den Weg? „Die gefährlichsten aller Weltanschauungen ist die der Leute, welche die Welt nie angeschaut haben.“

Quelle: Der Tagesspiegel, 15.12.2018

 

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