„Ein Centre Pompidou der Berliner Republik“

22.12.2017  Rheinische Post

 

Der Intendant des Humboldt-Forums hofft, dass das rekonstruierte Schloss als Mikrokosmos auch der Weltorientierung dienen wird.

Der Wiederaufbau des alten Berliner Stadtschlosses nimmt Konturen an. Nachdem vor zweieinhalb Jahren Richtfest gefeiert wurde, soll in gut zwei Jahren schon eine erste Eröffnung begangen werden – dann als ambitioniertes Humboldt-Forum. Untergebracht werden darin künftig die Zentral- und Landesbibliothek und die Sammlungen des Ethnologischen Museums zu den Kulturen Ozeaniens, Amerikas und Afrikas sowie die Sammlungen des Museums für Asiatische Kunst. Eine sogenannte Agora wird zudem als Veranstaltungsort dienen. Das riesige Bauprojekt im Herzen Berlins war nie unumstritten. Für den Kunsthistoriker Horst Bredekamp, neben Neil MacGregor und Hermann Parzinger einer der drei Gründungsintendanten, sind solche Debatten vor allem ein Zeichen von vitalem Interesse.

Wie groß ist Ihrer Ansicht nach die Wahrscheinlichkeit, dass das Schloss – wie geplant – 2019 eröffnet wird und die Kosten bei etwa 600 Millionen Euro bleiben werden?

Bredekamp Die Chancen, dass die Kosten im Rahmen bleiben, sind extrem hoch, was ein kleines Mirakel ist, weil jeder, der mit Bauten dieser Größenordnung zu tun hatte, weiß, dass die Kosten gar nicht anders können als permanent zu steigen. Auch der Zeitrahmen wird eingehalten, es gibt aber eine Eröffnung in Etappen. Die ziehen sich dann wohl über ein Jahr hin.

Eigentlich hätte man vor der Wiederrichtung des Schlosses zurückschrecken müssen, angesichts der vielen historischen Bedeutungen und Altlasten.

Bredekamp Ohne jede Frage, die Last ist groß. Und diese Last bestimmt einen Teil der Diskussionen bis heute. Das ist so. Mein eigener Zugang dazu ist aber keine Last, sondern eine Leichtigkeit. Das ist die Sammlungsgeschichte, die sich in diesem Schloss abgespielt hat – das heißt, die große Kunstkammer, mit der vom 16. bis 19. Jahrhundert versucht wurde, die ganze damals bekannte Welt als Mikrokosmos zusammenzubringen.

Damals wohl im Sinne eines Kuriositätenkabinetts.

Bredekamp Ja, aber schon ab 1800 doch systematisch. Es war also ein Weltmuseum im modernen Sinn. Vor allem Wilhelm von Humboldt hatte die Idee, dass die neugegründete Berliner Universität die naturwissenschaftlichen und medizinischen Sammlungen des Schlosses bekam. So gesehen ist die Universität eine Tochter des Schlosses. Die Sammlungsgeschichte der Stadt ist vom Schloss aus befeuert worden. Die intakt gebliebene Idee des Weltmuseums hat dann auch zur Gründung des neuen Museums 1855 geführt, das heute jeder kennt, weil sich dort die Nofretete befindet. Wenn man heute durch das Neue Museum geht, kann man die alte Sammlung des Schlosses nachempfinden. Die Tradition wollen wir ins Schloss zurückholen. Sammeln als Welterkenntnis – das ist eine wunderbare Tradition. Diese Idee ist nicht belastend, sondern elektrifizierend.

Ist das Museum auch eine Art Widerstand? Indem man auf anachronistische Art und mit großem Aufwand etwas ausstellt, was digital leicht gezeigt werden könnte?

Bredekamp Das ist eine schöne Beobachtung. Denn in dieser Paradoxie liegt ein großer Reiz. In einer Zeit, die von der Digitalisierung ausgefüllt ist, zu zeigen, dass dieses Gebilde Humboldt-Forum mit der Digitalisierung geht, zugleich aber das Haptische, das Körperliche und mit allen Sinnen Begreifbare als ein unverzichtbares Medium der Erkenntnis wie auch der Kommunikation einsetzt. Dass die Geschichte in der Rahmenstellung des Digitalen wiederkehrt, das ist die Avantgarde unserer Tage! In der bildenden Kunst macht gegenwärtig der Slogan von der post-digital-art die Runde. Wir setzen auf beide Komponenten, und deren Widersprüche und Befruchtungen.

Zuletzt wurden Forderungen an Museen mit ethnologischen Sammlungen laut, zu überprüfen, was den Herkunftsländern der gezeigten Objekte rechtmäßig oder auch moralisch zusteht. Wie stark wird davon das Humboldt-Forum betroffen sein?

Bredekamp Das ist eine Frage von Schuld und Nicht-Schuld – vor allem aus der Zeit der Kolonialmacht. Diese Kerbe hat die außereuropäische Sammlung in ein problematisches Licht geführt. Die Werkbiografien müssen intensiv erforscht werden, und dazu wurden neue Stellen geschaffen. Das ist eine Aufgabe, die niemals aufhören wird. Jetzt ist es ein besonderer Fall, dass mit der Übertragung der Sammlung von Dahlem nach Berlin die Sensibilität unvergleichlich gewachsen ist. Das großartige Erbe der universalistisch angelegten Sammlungstraditionen im Sinne von Leibniz und Herder ist in das Gesamtbild hineinzunehmen.

Hinzu kamen andere Debatten – wie um das Kreuz auf der Kuppel, das ja manche Kritiker wenigstens ergänzt haben wollten mit der Aufschrift „Zweifel“ auf der Fassade.

Bredekamp Das Kreuz auf der Kuppel ist doch ein historisches Dokument von etwas, was es nicht mehr gibt: das Bündnis von Altar und einem staatlichen Protestantismus. Das Kreuz gehört zur Architektur. Die Kuppel ist ohne das Kreuz kaum anzusehen. Man kann nicht – wie etwa zu DDR-Zeiten – jetzt nur Teile rekonstruieren, die aktuell politisch auch opportun sind.

Also wird Vergangenes neu errichtet?

Bredekamp Das ist das Paradox. Wir errichten etwas und dokumentieren damit das Fehlen dessen, was es eigentlich zeigt. Mich hat darum betrübt, dass die Bereitschaft, diese Dialektik wahrzunehmen, bei den Kritikern nicht besonders ausgeprägt war. Das Argument war: Das Kreuz ist das Kreuz und das Kreuz ist Religion, und die Religion ist vorbei. Gegenüber einer solchen Kurzschlüssigkeit sei gesagt: Wir sind kein Soft-Unternehmen. Wozu also ist das Humboldt-Forum denn da, als solche Debatten zu erzeugen?

Ist schon die Baustelle des Schlosses damit zur Agora geworden – zu einem Platz der vielen Meinungen und Dispute?

Bredekamp Das ist uns seit zwei Jahren zugewachsen – ohne jede Programmierbarkeit. Die Frage nach den religiösen Symbolen hat die Frage nach der Religion stark gemacht, nach ihrer Berechtigung und der Art und Weise, wie sie auftreten darf in einer Stadt, die weltweit die religionsabstinenteste ist. Dass dort solche Diskussionen geführt werden, ist schon ein Wert an sich.

Es kursieren auch die Vorwürfe, dass man sich zu lange nur um das Schloss, also die Form, und zu wenig um den Inhalt gekümmert hat.

Bredekamp Ich verstehe bis heute nicht, warum nur ein Mensch sagen kann, es gäbe keine Idee zum Humboldt-Forum! Es soll ein Mikrokosmos rekonstruiert werden für die Zukunft – als eine Weltorientierung, als ein Geschenk für die Öffentlichkeit. Ich bin ehrlich verwundert.

Wie konkret steht Ihnen beim Bau des Schlosses das Centre Pompidou in Paris vor Augen?

Bredekamp Sehr konkret. Es war im Gegensatz zum Humboldt Forum, das ja auch eine starke Befürwortung besitzt, ein pures Hassobjekt bis kurz vor der Eröffnung. Paris würde mit diesem Bau in seinem Charme zerstört, hieß es damals. Mit der Eröffnung aber herrschte nur noch Begeisterung. Einen Teil dieser Begeisterung nehmen wir für das Humboldt-Forum mit. Es wäre nicht das Schlechteste, wenn später geurteilt wird, dass so etwas wie das Centre Pompidou der Berliner Republik entstanden ist.

Lothar Schröder führte das Interview.

 

Quelle: Rheinische Post, 22.12.2017