Zum geplanten Einheitsdenkmal am Humboldt Forum: der falsche Ort, der noch falschere Entwurf

Die Diskussion reißt nicht ab

Heftig umstritten: das Einheits- und Freiheitsdenkmal vor dem Berliner Schloss – Humboldt Forum (Foto: © Von Milla&Partner – Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=50634610)

Zum Ort des Einheits- und Freiheitsdenkmals

Die deutsche Einheit wurde 1989/90 innerhalb eines weltpolitischen Prozesses verwirklicht, der die Spaltung des Globus in zwei gegnerische Blöcke überwand. Vor 1989 durchschnitt diese globale Teilung auch den Kontinent Europa, das Land Deutschland und die Stadt Berlin.

Auf der Grenzlinie mitten durch Berlin – und nur dort – überlagerten sich die globale, die kontinentale, die nationale und die urbane Spaltung. Hier wurde die tödliche Bedrohung durch die Teilung der Welt so schonungslos sichtbar wie an keinem anderen Ort der Erde. Deshalb gehört das deutsche Denkmal der Einheit exakt auf diese geschichtsgesättigte Linie der Teilung. An einem Ort auf der ehemaligen Grenze kann das Einheitsdenkmal die überwundene Grenzlinie zugleich zeigen und aufheben.

Die avisierte Denkmalposition vor dem Stadtschloss/Humboldtforum ist also völlig ungeeignet. Dieser Ort liegt deutlich von der Grenzlinie entfernt im Zentrum von Berlin-Mitte. Dort aber kann ein Denkmal der Einigung nicht im Entferntesten die symbolische Kraft gewinnen wie auf einem Grenzort.

Welche Stelle auf dem ehemaligen Grenzverlauf die geeignetste ist, muss man abwägen: Am Checkpoint Charlie ist das memorative Gedränge schon jetzt sehr groß. Es bietet sich wohl eher der Spreebogen an: Diese Flussschleife, im Umfeld von Bundestag und Kanzleramt, ist ebenfalls ein besonderer Ort, der die Teilung und die tödlichen Folgen der Versuche, sie zu überwinden, immer noch spürbar werden lässt. Hier die gespaltene Vergangenheit zeigen und sie gleichzeitig in freiem Schwung überbrücken – das wärs.

Zur Einheitswaage als ‚sozialer Skulptur‘

Abgesehen vom falschen Ort hat das Konzept der Waage-Skulptur zur Vergegenwärtigung des Themas ‚Deutsche Einheit‘ nicht mehr zu sagen als ein Schaukelpferd oder eine Pendeluhr – nämlich nichts. Einer Waage, die sich mit ihrer symmetrischen, geschlossenen Form auf- und abbewegt, ist es beim besten Willen nicht gegeben, Trennung bzw. Vereinigung zu symbolisieren. Kann die Waage, die als ‚soziale Skulptur‘ gemeint ist, wenigstens die Freiheitsbewegung von 1989 ins Bewusstsein rufen?

Das geplante Mobile soll folgendermaßen funktionieren: Wenn eine bestimmte Personenzahl mehr auf der einen Seite der Waage steht als auf der anderen, senkt sich das Gebilde dort nach unten, wo sich die größere Masse befindet. Der unbefangene Betrachter, der nicht vorher eine Gebrauchsanweisung zum Denkmal gelesen hat, wird also wahrnehmen, wie einige Leute auf der leichteren Seite in größerer Höhe und mit freierem Ausblick stehen und wie auf der anderen Seite eine größere Anzahl von Menschen nach unten sinkt auf die Ebene der Froschperspektive: Er/Sie wird also auf der einen Seite die ‚happy few‘ sehen und auf der anderen Waagschale ‚die da drunten‘.

So würde es sich dem Auge darbieten, aber so ist es nicht gemeint. Wenn man die Konzeption gelesen hat, weiß man, dass die größere Menschenzahl auf der unteren Waagschale die bürgerrechtlich aktivierten Demonstranten des Herbstes 1989 darstellen soll. Diese in Bewegung gekommenen Demonstranten bewirken etwas: Sie heben gewissermaßen den DDR- Staatsapparat aus den Angeln und in die Höhe. Wenn man dieses Bild zu Ende denkt, dann müsste die kleinere Menschenzahl auf der oberen, leichteren Waagschale nolens volens die DDR-Bonzen verkörpern. Was passiert aber, wenn die größere Menge in der unteren Waagschale sich wieder in Bewegung setzt und auf die andere Seite der ‚sozialen Skulptur‘ wechselt? Sind das dann Überläufer? Symbolisiert das eine Konterrevolution?

Wie man die Waage auch hebt und senkt: als untaugliches Symbol für die friedliche Revolution liefert sie nichts als schiefe Bilder.

Neben der 1989-Revolution soll die Waage ja auch das Zustandekommen demokratischer Machtverteilung verkörpern, bei der die Mehrheit herrscht. Das Bild für diese demokratische Mehrheitsmacht ist natürlich die Menschenmasse in der schwereren unteren Waagschale. Nun wissen wir auch ohne Waage, dass in einer Demokratie die jeweilige Mehrheit regiert.

Zur Demokratie gehört aber neben der Mehrheitsherrschaft genauso wesentlich ein schützender Umgang mit Minderheiten, die weltanschaulich, politisch, ethnisch, sexuell oder sonst abweichende Positionen einnehmen und trotzdem die gleichen Individualrechte wie die Anhänger der regierenden Mehrheit genießen.

In der geplanten ‚sozialen Waage-Plastik‘ kommt der Minderheit allerdings nur die eine Rolle zu, von der Mehrheit in die Luft gehoben zu werden und dort oben solange hängen zu bleiben, bis sie ihre Position aufgibt. Minderheiten sind nach diesem Konzept nur dazu da, majorisiert zu werden: ‚gewogen und zu leicht befunden‘.

Das für den Berliner Schlossplatz geplante Nationaldenkmal in Gestalt der Waage zeigt, wenn man genauer hinsieht, nichts von Einheit, nichts von Freiheitsbewegung, nichts von Demokratie. Es zeigt nur das uralte Lied von Macht und Ohnmacht: Halte dich zur Masse, zum Schwergewicht, dann bist du auf der einflussreichen Seite. Die Nazis formulierten das so: „Du bist nichts, dein Volk ist alles“. Die Kommunisten schwärmten von den werktätigen Massen und der Diktatur des Proletariats. Minderheiten, abweichende Positionen hatten hier wie dort keine andere Bedeutung als die, Objekte der Willkür der größeren Masse, der größeren Gravitation, der größeren Macht zu sein.

Dieses Massen-Machtprinzip drückt die geplante ‚soziale Skulptur’ ganz hervorragend aus. Darum wäre die Waage in Pjöngjang weit besser aufgehoben als in Berlin. In der deutschen Hauptstadt würde die Realisierung dieser ‚sozialen Plastik‘ noch in Jahrzehnten verkünden, dass die Entscheidungsträger der Bundesrepublik Deutschland im zweiten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts unfähig waren, aus dem Projekt eines deutschen Einheits- und Freiheitsdenkmals mehr zu machen, als den Gebrüdern Humboldt ein monströs geistloses Spielplatzgerät vor die Nase zu setzen.

von Peter Conrades, Schwerin

Unser Kommentar dazu:

Die doppelte, von den Begriffen her eher „alles oder nichts“ suggerierende Namensgebung „Einheits- und Freiheitsdenkmal“ ließ erst die Fehlinterpretationen der Denkmalswaage zu, die nun widersprüchlich diese Begriffe symbolisieren soll. Das zeugt davon, dass das gestellte Thema nicht zu Ende gedacht wurde. Der Begriff „Einheitsdenkmal“ stellte sich dabei als der führende heraus und so kam es zu der weiter anhaltenden Ortsdiskussion.

Wolfgang Thierse spricht allerdings vom Denkmal der Waage nur als Ausdruck für die Freiheitsbewegung, „Bürger in Bewegung“, und verlangte folglich den Sockel des Nationaldenkmals als nächstgelegenen Ort für seine Aufstellung, da die Volkskammer mit dem Palast der Republik abgerissen wurde. Dort entschied dieses aus der Freiheitsbewegung hervorgegangene, erste frei gewählte Parlament der DDR deren Beitritt zur Bundesrepublik Deutschland. Die Ortsdiskussion des Beitrags von Peter Conrades überzeugt nicht wirklich: Wenn das Denkmal auf der Grenzlinie stehen soll, ist es eben doch eher der Teilung als der Vereinigung verbunden. Besonders deutlich der Checkpoint Charlie: Da ist schon zu viel Rummel. Das ist doch nun ein reiner Teilungs-Point, der mit der Einheit nur dies zu tun hat, dass in Anwesenheit der sechs Außenminister das Wachhäuschen der Amerikaner von einem Kran weggeräumt wurde.
Ganz weggelassen wird bei der Diskussion um den Ort, dass nur die Volkskammer, also die DDR-Seite, die Einheit als Beitritt beschließen konnte und dass das auf dem Gelände des heutigen Schlosses geschah. Die Bundesrepublik hingegen hatte dies von Anfang an im Grundgesetz festgelegt, aber über 40 Jahre keinen Weg gefunden, die Einheit zu vollenden. Bedeutende Politiker sprachen noch 1989 von der Einheit als der Lebenslüge der Deutschen. Die friedliche Revolution in der DDR brachte die Bundesrepublik sozusagen in Zugzwang. Merkwürdig, dass das immer wieder übersehen wird.

Die jüngste Entscheidung von Kulturstaatsministerin Monika Grütters zugunsten des bisherigen Entwurfs am vorgesehenen Ort, stieß nun öffentlich auf heftigste und spöttische Kritik in fast allen Medien und in den meisten Leserbriefen an diese. So wurden der Förderverein und auch ich von zahlreichen Bürgern immer wieder aufgefordert, klar Stellung zu beziehen und das Denkmal am vorgesehen Ort zu verhindern.

Damit bin ich in meinem Demokratieverständnis und meinem Verhältnis zur von mir befürworteten repräsentativen Demokratie jedoch überfordert:
Der Deutsche Bundestag entschied 2002 gegen heftigsten öffentlichen und medialen Widerstand den Wiederaufbau des Berliner Schlosses. Nur dadurch kehrte nun das Berliner Schloss in die Stadt zurück, inzwischen von einer großen Mehrheit der Berliner akzeptiert. Nun kann ich doch nicht endgültige Bundestagsbeschlüsse akzeptieren, wie den zum Schloss, und gleichzeitig mir unangenehme, öffentlich umstrittene bekämpfen.

Hier ist für mich erneut und ausschließlich der Deutsche Bundestag als der eigentliche Souverän gefragt, das breite negative Echo aufzuarbeiten und einen Weg aus dem Dilemma zu finden, vielleicht unter Beibehaltung des Orts für das Denkmal, aber möglicherweise in einer neuen, weniger missverständlichen Form seiner Darstellung.
Das ist nun Aufgabe der Politik, der Ball liegt in ihrem Feld!

Wilhelm von Boddien

Ebenso umstritten: Die Kolonnade würde ohne die kaiserlichen Attribute dem leeren Denkmalsockel zumindest wieder einen Rahmen geben, wenn der Bundestag einen anderen Denkmalort wählen sollte.

  • Praetorius, Arn

    Manche Selbstverständlichkeiten müssen wohl oftmals wiederholt werden, bis sich im
    öffentlichen Bewusstsein Berlins eine ideologiefreie Überzeugungs-Mehrheit im Gesamtinteresse durchsetzt.

    1. Aus städtebaulicher und ästhetischer Sicht gehören Begas-Brunnen und Rossebändiger an ihre ursprünglichen Standorte zurück. Dort haben sie, eingebettet in das Umfeld, die schönsten, repräsentativsten und historisch legitimierten Plätze.

    2. Falls die Oranierfürsten neu gegossen werden können, gehören sie an die angestammten Plätze der Lustgartenseite. Sie repräsentieren bedeutsame, positive Phasen der preußisch-niederländischen Geschichte.

    3. Das erhaltene denkmalgeschützte Gewölbe mit Mosaik gewinnt seine ästhetische und historische Bedeutung nur, wenn es um die zum Umfeld passenden Kolonnaden ergänzt wird. Das zerstörte Nationaldenkmal erinnerte schließlich an die deutsche Einigung von 1871.

    4. Ein Denkmal der gewaltfreien Revolution der DDR-Bevölkerung von 1989 ist sehr zu wünschen, aber nicht in Form der überdimensionierten Wippe, die mit umstrittener Symbolik dem Fundament des Nationaldenkmals übergestülpt wird, sondern anders, an anderer Stelle.

    • Marco P.

      Richtig!

    • Paul Horst Tribbels

      Jawohl,sehr richtig

  • Marco P.

    Es muss nicht zwingend auf der ehem. Grenzlinie sein, aber an einem dafür geeigneten symbolischen Ort. Aufm Alex (Demos) oder vor dem Reichstagsgebäude. Ansonsten ist Herrn Conrades‘ Ausführungen nichts mehr hinzuzufügen.

  • Magnus Åhs

    Das Einheitsdenkmal, was es jetzt wird und geplant auf dem leeren sockel vor dem Berliner Schloss, muss natürlich an einer geeigneten Stelle placiert werden. Entlang der alten Grenze Ost/West sind die beste Optionen. Stattdessen kann das Historische Nationaldenkmal an seinem ursprünglichen Ort wiedererichtet werden, ob man nicht sollte der Sockel lleer lassen, während stehen. Das Bundestag hat ja Geld an die Kollonaden gewährt. als man die Meistens die Kosten das Schlossbau hat. Das zerstörte Nationaldenkmal erinnert auch an die erste Einigung 1871 des heutige Deutschlands.

  • kofiallstar

    Der Ort auf der Schlossfreiheit ist absolut unsinnig und eine Waage ein falsches Symbol der Einheit. Wir sind das Volk. Und wir dürfen uns so etwas nicht bieten lassen. Wenn überhaupt, dann gehört ein solches Denkmal vor den Bundestag, nicht auf die Schlossfreiheit gequetscht.

  • Paul Horst Tribbels

    Wippe,Waage oder was immer es bedeuten soll,neu durchdacht vor den Reichstag.N.Brunnen,Rossebändiger und Oranierfürsten vor das Schloss.Wir haben durch undemokratische Beschlüsse so viel verloren,lasst uns doch einiges wiederherstellen,ohne den ganzen ideologischen Quatsch.

  • Michael Metze

    Bitte nicht eine solche Wippe dort aufstellen! Welche Personen wollen denn unbedingt diesen historischen Ort verschandeln. Ich bin für den originalen Aufbau des Platzes. Andere Stellen halte ich für geeigneter.

  • Praetorius, Arn

    Noch etwas wird in der Diskussion dauernd vergessen: ebenso selbstverständlich wie die Rossebändiger und der Neptunbrunnen von ihren kriegsbedingten, wenig passenden Interimsstandorten geholt und wieder an ihre ursprünglichen Standorte zurückversetzt gehören, ebenso gehört auch ein Standbild zurück an das Schloss gerückt: das
    Reiterstandbild des Großen Kurfürsten. Auch dieses Standbild ist nur kriegsbedingt an die Wilmersdorfer Peripherie in den Schlosshof des Charlottenburger Schlosses geraten. Dort steht es (noch?) deplatziert inmitten des Ehrenhofes des drei-flügeligen Schlosses.