„Verzichten wir auf das Kreuz“

04.06.2017   Berliner Morgenpost

Von Klaus Lederer

Schloss, ich höre immer „Schloss“ – und damit gehen das Missverständnis und das offensichtliche Missverstehen-wollen auch schon los. Das, was dort in der Mitte Berlins gebaut wird, ist das Humboldt Forum. Schön wäre es, wenn wir uns als erstes angewöhnten, das Humboldt Forum auch Humboldt Forum zu nennen, dann lichtet sich der Dschungel an Argumenten in der Kreuz-Debatte schon ein wenig. Der Berlin-Bewohnende wird in seiner Art eh rasch einen eigenen Namen dafür finden – HuF wäre zum Beispiel schön.

„Komm, wir jeh’n ins HuF“, so könnte es klingen. HuF ohne Kreuz auf dem Dach, weil es dort nichts zu suchen hat. Weil es eben kein Schloss ist – nicht Außen, wie einige Kreuz-Ritter behaupten. Und nicht Innen – wie beinahe alle bereit sind zuzugeben. Nähert man sich dem Gebäude in Fertigstellung von der Ostseite, gibt es nicht einmal eine auch nur im Entferntesten historisch anmutende Fassade.

Und selbst eine originalgetreue Schloss-Attrappe müsste ohne Kreuz auskommen, da dieses (plus Kapelle und goldener Kuppellaterne) erst 1844 geplant und sogar erst 1854 aufgepflanzt wurde (plus Kapelle und Kuppellaterne ohne Gold). Dazwischen – ach ja – lag 1848, die niederkartätschte Revolution. Das Kreuz dann als Machtdemonstration des Gottesgnadentums, als Symbol ihrer Niederlage. Bitte, in welche Tradition wollen wir uns begeben?

Und innen gibt es im HuF nichts, was an Preußens Glanz erinnert, außer dem, was musealer Weise hineingehört. Keine Gemächer von Anno Knips … Stattdessen ist der Sinn des Humboldt Forums, Lern-und Erfahrungsort für die kulturellen Traditionen der Menschheit zu sein. Klaus-Dieter Lehmann, Urheber des Konzepts des Humboldt Forums, drückt es 2007 in einem Interview so aus: „Die Gleichwertigkeit der Kulturen wird in der Mitte Berlins zum Programm. Die Museumsinsel als humanistische Bildungslandschaft verknüpft mit dem Namen Wilhelm von Humboldt verbindet sich zum Weltort für Kunst und Kultur durch das von Denken und Wirken von Alexander von Humboldt initiierte Vermitteln der außereuropäischen Kulturen.“ Perfekt getroffen und absolut richtig. Auf ein solches Gebäude nun ein Kreuz zu setzen wäre völlig anachronistisch.

Das Humboldt Forum beherbergt keinerlei sakrale Räumlichkeiten. Es ist ein mit öffentlichen Mitteln zu öffentlichen Zwecken erbauter staatlicher wie stattlicher Bau. Auf welchem Profanbau, der heutzutage neu errichtet wurde, steht ein Kreuz? Der Hinweis auf die private Kreuz-Spende würde nur meinen Widerspruch provozieren, ob jetzt private Großspender über die Erkennbarkeit und die Silhouette unserer Stadt bestimmen dürfen und sollten.

Das ist der Rahmen des Faktischen, an dem sich nun der Streit entzündet, der zunehmend ideologisch aufgeladen wird. Neuköllns Ex-Bürgermeister Buschkowsky sagt: „Menschenbild und Kreuz sind untrennbar“. Wer sich so äußert angesichts heutiger gesellschaftlicher Dialoge über Offenheit, Akzeptanz, Einwanderung und Vielfalt, der offenbart ein Menschenbild, das mächtig eindimensional ist. Und geschichtslos.

Auch die von mir sehr geschätzte Kollegin Monika Grütters spricht sich für das Kreuz aus – und vom „Wir“ und „unseren Wurzeln“. Wen schließt dieses „Wir“ ein? Aber mehr noch: Wen schließt es aus? Das Kreuz ist nun mal ein Kreuz, ist ein Kreuz … ist ein eindeutiges religiöses Zeichen. Der Interpretationsspielraum ist gering, die Inhalte sind klar definiert und nicht verhandelbar. Unsere Wurzeln hingegen sind mehrdeutig, vielfältig, verschlungener, als ein Kreuz es je zeigen könnte.

Mein „Wir“ und mein „Menschenbild“ umfasst alle Menschen, alle Herkünfte, alle Kulturen, alle Glaubens- und Nicht-Glaubensrichtungen, alle Lebensweisen … Eigentlich müsste ich mir nicht einmal die Mühe machen, alle Schubladen des Menschseins aufzuziehen, die ganze Palette an Farben- und Seins-Pracht zu bemühen, die uns ausmacht. Alle Menschen meint alle Menschen und nicht das eine Drittel der Weltbevölkerung, dem das Kreuz etwas sagt, nicht die 1,6 Milliarden unterm Halbmond. Das ist der Pfad von Humanismus und Aufklärung – die Gleichwertigkeit aller Menschen und Kulturen. So sahen es auch die Namenspaten des Humboldt Forums.

Ersparen wir uns doch diese Diskussion. Geben wir, ganz biblisch nach Matthäus 22, 21, „dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist!“ Ergo: Religiöse Symbole explizit auf religiösen Gebäuden. Nebenbei ist es da ein erfreuliches interreligiöses Moment, wenn sich der Vorsitzende des Zentralrates der Muslime, Ayman Mazyek, für das Kreuz ausspricht: Er störe sich nicht daran und den „geschichtlichen Zusammenhang mit christlicher Symbolik“ bräuchte man „nicht verschleiern“. Aber es geht nicht um das Sich-gestört-Fühlen oder eben doch. Und niemand, der das Kreuz ablehnt, spielt sich als „Zensor der Geschichte“ auf, wie ein anderer Vorwurf lautet.

Es geht um etwas anderes. Nennen wir es Reife. Emanzipieren wir uns von einer auferlegten Verengung der Sicht auf unsere Herkunft, unsere Wurzeln, unsere Kultur. Seien wir verständig genug, nicht auf vermeintlich Eigenem und Eigenheiten zu beharren. „Jehn wir ins HuF“, um über die Facetten unseres kulturellen Reichtums zu staunen, der Vielfalt unter Gottes Sonne – aber nicht unter Gottes Kreuz.

Seien wir selbstbewusst, souverän und mutig. Verzichten wir auf das Kreuz.

 

Quelle: Berliner Morgenpost, 04.06.2017

 

 

  • Praetorius, Arn

    Wenn „selbstbewusste,souveräne, mutige“, Toleranzritter sich einmal darauf festgelegt haben, die christliche Wertorientierung und ihre Symbole abzulehnen, ist es ihnen wohl unmöglich, sich von ihren eigenen ideologischen Fixierungen wieder frei zu machen. Ich freue mich (noch) für unsere skandinavischen und britischen Nachbarn, dass sie ihre kreuz-geschmückten Nationalfahnen nicht aufgrund politisch superkorrekter Geisteshaltungen ändern müssen, weil ihre zeitgeistige Tagespolitik nicht durch ein christliches Symbol belastet werden darf?.

    • hirnbatzl

      Nun, ein christlichen Symbol nur um der Symbolik wegen ist durchaus verzichtbar. Vor allem dann, wenn der Einzelne damit ohnehin im tagtäglichen Leben wenig verbindet. Oder wer „maßt“ sich heute tatsächlich an, sein Leben vollständig nach eben jenen christlichen Werten, zu denen vor allem Nächstenliebe und Barmherzigkeit gehören, auszurichten? Wohl die allerwenigsten werden genau diesem Anspruch auch gerecht, am allerwenigsten zudem diejenigen, die meinen, dieses christliche Wertesystem gleich noch gewaltsam zu verteidigen zu müssen.

      • Praetorius, Arn

        Nach Ihren unbarmherzig hohen pauschalen Unterstellungen müssten Sie alle Zeichen, Symbole und Regeln ablehnen, nicht nur das christliche Kreuz, sondern Fahnen, Hymnen, Gesetze, Verkehrszeichen, Satzungen, die Verfassung usw. Das ist die Haltung eines Anarchisten!

        • hirnbatzl

          Bitte nichts unterstellen… Machen Sie sich einfach die christlichen Werte zu eigen. Und schlägt dich einer auf die linke Wange… Als Christ hat man demütig sein Schicksal zu ertragen – und nicht auszuteilen. Niemand kommt im Übrigen ernsthaft auf die Idee, z. B. Verkehrszeichen mit christlichen Werten zu verbinden. Christliche Werte und Politik (CDU/CSU) verträgt sich auch nicht wirklich, wenn wir z. b. aktuell die Flüchtlingspolitik betrachten. Merken Sie was?

          • Ron

            Die ganze Diskussion ist letztlich eine ziemlich fadenscheinige. Auch der Beitrag von Klaus Lederer gehört dazu und zeigt leider auch das sich der Author mit der Bildsprache des HF überhaupt nicht auseinandergesetzt hat. Die gesamte Fassade strotzt nur so von Symbolen die zwar nett anzusehen sind, aber eben auch eine Bedeutung haben. Und nur weil kein gekröntes Haupt mehr hinter diesen Mauern sitzen wird, käme doch keiner auf die Idee diese Symbole (z.Bsp. Adler und Stierköpfe) nicht neu anzubringen. Es gehört eben zur Fassade dazu. Genauso wie das Kreuz. Ich kann die Dikussion darum überhaupt nicht nachvollziehen. Berlin hat wirklich dringendere Probleme.

            Und nebenbei bemerkt, auch auf der Wartburg prangt ein Kreuz. Größer und besser sichtbar als es auf dem HF jemals zu sehen sein wird. Daran hat sich bis heute niemand gestört. Und auch die Millionen ausländischen Touristen jedes Jahr stören sich nicht daran.

          • hirnbatzl

            Richtig, die Diskussion ist schon fadenscheinig. Vor allem dann, wenn inhaltsleere (christliche) Wertevorstellungen vorgeschoben werden.

            Man kann es drehen und wenden, wie man will: Auch die äußere Rekonstruktion ist keine vollständige Rekonstruktion. Es wird also Vieles rekonstruiert, aber eben nicht alles. Ob man nun das Kreuz ebenso rekonstruiert oder nicht, ist eine reine Geschmacksfrage, die Wiederherstellung trägt aber so gut wie nichts zu einer (gar nicht beabsichtigten) vollständigen Rekonstruktion des Äußeren bei.
            Und es handelt sich beim HF nunmal nicht um einen sakralen Bau (insoweit hat Herr Lederer recht) , der eines Kreuzes bedürfte. Gerade auch die Schlosskapelle gehört ja gerade zu den Bauteilen, die eben nicht rekonstruiert werden.

  • Tante Emilia

    Ich bin so sehr betrübt, wenn ich diesen furchtbaren Schlussatz lese. Ich kann jedem Teilnehmer dieser absurden Diskussion nur empfehlen, sich auf den Jakobsweg zu begeben und live gelebte Nächstenliebe zu erleben. Und auf dem Jacobsweg wandeln, alle 300 Meter ein Kreuz sehend, alle Konfessionen dieser Welt – und das problemlos. Die dort herrschende Freundlichkeit sowie der respektvolle Umfang haben aber nicht primär was mit der christlichen Religion zu tun, sondern mit einem gemeinsamen Wertekatalog über Menschlichkeit. Und daher hat ein Buddhist, Jude oder Muslim kein Problem, dort eine Kapelle zu besuchen und die dort angelegten Briefe der Pilger zu lesen und in sein Herz zu schließen.

    Sie halten unsere Wurzeln für eine Verengung? Das mag für Sie gerne gelten, aber viele Millionen Menschen in diesem Land, eh bereits verunsichert von den Auswirkungen der Globalisierung, Terrorismus und Trump, sehnen sich nach Wurzeln, einem Identitätsgefühl, was ihnen Halt und Zuversicht gibt. Der Primat der Politik hat schon lange aufgehört, hierfür zu taugen.

    Insgesamt geht es letztlich aber nicht um das singuläre Symbol – es geht darum, dieser fehlgeleiteten Diskussion Einhalt zu bieten und den Menschen dieses Landes nicht immer mehr das Gefühl zu geben, Ihre Identität für abstrakte linke utopische Lebensentwürfe hingeben zu müssen.

    Hören wir auf, es allen außer uns selber immer recht machen zu wollen.

  • Paul Horst Tribbels

    na ja der Herr Lederer!!!!selbstbewusst und mutig?Ich bin entsetzt,sojemand verantwortet in Berlin die Kultur?

    • Tante Emilia

      Ja, und genauso so sieht es in Berlin auch aus…

  • Alfred Tetzlaff

    Verzichten wir lieber mal auf so eine Pfeife von Kultursenator.

  • Horst_Koe

    Ich stimme mit Kultursenator Lederer in einem Punkt überein: die Abkürzung für das Humboldtforum könnte HUF heißen. Ansonsten wundere ich mich, dass er neben dem Kreuz die Königskronen in der Fassade nicht beanstandet, wir haben doch heute Demokratie. Und die Engel in den Fassaden könnten eventuell die Atheisten stören… . Wollen wir derartige „Rücksichtnahmen“ wirklich? Ich wünsche ihm mehr Mut ein Kreuz auf dem HUF zu akzeptieren, die deutschen Muslime waren sogar damit einverstanden, dies ist ein historisches Gebäude. Dies ist eine höchst überflüssige Debatte.