„Nein zum Kreuz auf dem Humboldt Forum! Ja zum Kinderfasten im Ramadan!“

13.06.2017  achgut.com

Von Eva Quistorp.

Ich gebe zu, ich habe nicht alle Texte zum Streit um das Kreuz auf der Kuppel des Humboldt Forums gelesen. Doch es wundert schon, wie nach dem fröhlichen Kirchentag in Berlin, der mehr Freundlichkeit und viele Debatten zum solidarischen Zusammenleben in einem weltoffenen Deutschland und Europa in die Stadt brachte, nun plötzlich das Kreuz wieder ein Zeichen des Bösen, ein Zeichen der Unterdrückung von Ketzern, Hexen, Frauen, Schwulen wird und zum Inbegriff von Militarismus.

Auch die Feuilletonisten der „taz“ zogen ins Gefecht gegen das Kreuz, als stünden wir kurz vor dem deutsch-französischen oder Ersten Weltkrieg oder wenigstens vor dem Verbot gleichgeschlechtlicher Partnerschaften. Noch irrer ist es, wenn Rote und Grüne das Kreuz in einer Stadt ablehnen, die sich gerne als multikulti versteht und ihre Vielfalt feiert, die von ihren Museen und Erinnerungen lebt. Soll jetzt das Kreuz aus dem kulturellen und sichtbaren Stadtgedächtnis gelöscht werden, damit mehr Platz da ist für Minarette, für Fußball, Werbung und Tattoo-Läden?

Wie provinziell und ignorant die Haltung der Linkspartei, der Grünen und eines Teils der Kulturelite dazu ist, zeigt, dass sie alle offenbar nicht wissen, dass das Kreuz ein globales Symbol der Christenheit ist und eine Geschichte hat, die älter ist als das Christentum und so jung wie christliche Gemeinden in Südafrika, die gegen die Apartheid gekämpft haben und heute Zumas korruptes System kritisieren oder den Rassismus in den USA.

Religionskritik ist okay

Mit ist nicht bekannt, dass Bischof Tutu das Kreuz abgelegt hätte bei den Beerdigungen von jungen Kämpfern gegen die Apartheid, auch nicht die philippinischen Bischöfe, als sie die Opfer des Kampfes gegen die Diktatur beerdigen mussten.

Als Frau und Feministin, die aus einer Hugenottenfamilie stammt, zu den Mitbegründerinnen des Netzwerkes feministische Theologie gehört und das Kreuz mit Demonstranten in der Antiatombewegung auch mal als Kampfmittel benutzt hat, habe ich nichts gegen Religionskritik. Es kommt nur darauf an, wie fundiert die Religionskritik ist, ob sie Doppelstandards gegenüber verschiedenen Religionen praktiziert und ob sie noch einen Rest von kulturgeschichtlichem Ethos hat.

Einige, wie der belesene Professor Richard Schröder und der ebenfalls kulturbewanderte Hinrich Claussen, haben die Geschichts- und Kulturvergessenheit, das Jakobinertum und den Waschzwang in der Kritik am historischen Kreuz über dem Humboldt Forum wiedererkannt. Ich möchte noch hinzufügen, dass es unerträglich absurde Doppelstandards in der Religionskritik und in der Symbolkritik gibt, wenn man etwa erlebt, mit welcher Verve die Linkspartei, die Grünen und leider auch Teile der SPD und der CDU für das Kopftuch eintreten, als sei es ein Symbol der Befreiung der Frau und als sei es von einem nicht vorhandenen islamischen Papst verordnet worden, den man respektieren muss.

Wie wenig man überhaupt Religionskritik gegenüber dem herrschenden konservativen Islam zulässt, die Kritik an der Religion des Islam schnell als Rassismus und „Islamophobie“ diffamiert und Kritiker wie Alice Schwarzer als rechts denunziert.

Einwände nur gegen das Christentum

Nun gäbe es eigentlich Anlass genug, wenn man nicht nur die Frauenrechte und Schwulenrechte ernst nimmt, öffentlich Kritik zu üben an dem, was in Berliner Moscheen seit Jahren gepredigt wird, was der islamische Religionsunterricht an Weltbildern vermittelt und wie die DITIB, die Saudis oder Katar Einfluss nehmen auf die Interpretation des Koran, auf die islamischen Vereine und das islamische Leben überhaupt. Da war und ist von denen, die gegen das Kreuz auf dem Humboldt Forum anschreien, kaum etwas zu hören.

Noch peinlicher wird es mit der angeblich so vehement vertretenen Religionskritik, die nur eine am Christentum ist, dem man jeden Wandel und jede Selbstkritik abspricht und seine Weltoffenheit und seine globale Dimension ignoriert, wenn man sich für Kinderrechte und Mädchenrechte in der Stadt einsetzt.

Ich gehe gern zu dem Musikfest, das einige liberale Muslime und Multikulti-Deutsche am Ende des Ramadan organisieren. Doch die Gratulationen des grünen Bundesvorstandes, die mir Claudia Roth, Cem Özdemir und Simone Peter zum Zuckerfest schicken, habe ich immer als seltsam empfunden, denn sie haben mir noch nie zum jüdischen Neujahrsfest oder zu Weihnachten gratuliert. Auch unser Bundespräsident will das Zuckerfest feiern, ohne die Predigten, die das Jahr über in den Moscheen gehalten werden, zu kennen – seine Referenten wohl auch nicht.

Diejenigen, die eine offene Gesellschaft als die säkulare Religion unserer Zeit leben wollen, meinen nun, das Zuckerfest sei doch ein guter Anlass, den Muslimen zu begegnen. Ja, aber gibt es denn ein Kollektiv der Muslime? Das müsste doch dem Konzept einer offenen Gesellschaft widersprechen, die weder ein Kollektiv der Christen noch der Juden, der Atheisten oder Freigeister unterstellt.

Das große Fasten und die Kinder

Wieso fragt denn niemand von den so weltoffenen und offenen Allesverstehern, wie in den Familien und den Moscheen der Ramadan, das große Fasten, begangen wird – in der modernen Weltstadt Berlin, in der auch einiges daneben geht und, wie man hört, die Salafisten zunehmen, der Drogen- und Waffenhandel gedeiht und gelegentlich auch Kinder entführt und ehrlose Ehefrauen erschlagen werden?

Ich wurde in Flüchtlingsheimen selbst Zeuge, wie rigide die Flüchtlinge zum strengen Fasten angehalten werden. Von ihren Familien und Clans, die sogar Kindern und schwangeren Frauen verbieten, Nahrung zu sich zu nehmen. Wie auf den Smartphones Bilder vom Schlachten der Opfertiere gezeigt werden, wie Bilder von verschleierten Frauen und Mädchen die Erziehung bestimmen und eben kein aufgeklärter, demokratie- und frauenfreundlicher Islam.

Mit den muslimischen Flüchtlingen haben wir uns immer mehr deren politische Debatten, Sitten und Bildungsstandards ins Haus geholt, Wer meint, da würden die bisherigen Kitas und Schulen reichen, um für ein gutes Zusammenleben zu sorgen, der irrt sich gewaltig. Merkel, Altmaier, die Grünen und die Linken vorneweg. Ohne eine Auseinandersetzung über den islamischen Religionsunterricht, über die Predigten, Sitten und Lehren, die in Moscheen und islamischen Internetkanälen verbreitet werden, wird es nicht gut gehen.

Schon vor Jahren sorgte sich in Marrokko der König – nachdem die Islamisten infolge des Irakkrieges und der Expansionstendenzen der Muslimbruderschaft dort stärker wurden -, dass das strenge Fasten das Funktionieren des Flugverkehrs, der Verwaltung und der Bildungssysteme gefährden könnte. Merkwürdig, dass man diese Gefahren in Berlin und ganz Deutschland nicht sehen will, weder die GEW, noch die Kultusminister. Und auch die sonst für soziale Ungerechtigkeiten hellwache Kulturszene schaut lieber weg als hin.

Lehrer hilflos bis verzweifelt

Wenn es um Gewalt gegen Kinder geht, ist dieses Land doch aufmerksamer und sensibler geworden, bis in die Gesetzgebung hinein und die vielen Beratungsstellen; der sexuelle Missbrauch von Kindern in katholischen Einrichtungen, im Sport, in der Odenwaldschule wurde öffentlich gemacht, inzwischen gibt es sogar einen Opferbeauftragten. Doch wieso will keiner sehen, dass auch Kinder in muslimischen Milieus Opfer werden können, in diesem Falle, von gesundheitsgefährdendem Fastenritualen und einer totalen Abschottung in der Zeit des Ramadan von anderen Schülern, die ja nicht fasten, also angeblich nicht fromm und ganz anders sind als die frommen Muslimkinder?

Viele Lehrer, viele Flüchtlingshelferinnen sind seit mehr als zwei Jahren hilflos bis verzweifelt, denn wer informiert in Deutschland über liberalen Islam und über menschen- und kinderfreundliche Formen des Fastens in einer modernen Stadt des Nordens wie Berlin? Die Bundeszentrale für politische Bildung weicht solchen Themen aus und für alle, die so gern Vielfalt und offene Gesellschaft predigen und dabei unter sich bleiben, ist das kein Thema.

Ist es denn rassistisch und islamophob, zu sagen, dass Kinder und Schulkinder von ihren Eltern, Imamen und Moscheegemeinden zu strengem Fasten gezwungen werden? Wenn man ihnen ein Mikrophon hinhält, werden sie natürlich sagen, dass sie es freiwillig und für Allah tun.

Ich erwarte von allen, die im Berliner Senat wie die Linkspartei und die Grünen gegen das Kreuz gestimmt haben, dass sie sich sofort kritisch zum strengen Fasten äußern und dagegen vorgehen, denn sonst sind nicht nur diese Kinder und Schulkinder gefährdet, sondern auch viele andere. Wie soll ich Altenpflegern, Krankenpflegern, Busfahrern Piloten, Verkehrspolizisten, Ingenieuren, Sanitätern trauen, wenn sie trotz ihrer Verantwortung für viele nichtmuslimische Mitbürger von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang nichts essen und trinken?

Wenn das Fasten länger dauert

Wo bleibt denn das Kindeswohl und das Allgemeinwohl, liebe, fromme Muslime und werte Imame, werte säkulare Linke, fromme und nichtfromme Grüne? Es gibt viele Gründe, das Christentum und den Missbrauch des Kreuzes zu kritisieren, doch mindestens ebenso viele Gründe, die Gewaltgeschichte des Islam und seine Art der Hexenverfolgung kritisch zu reflektieren, wie es einige wenige Reformer im Islam tun, wenn sie nicht durch Gewalt und Verfolgung zum Schweigen gebracht werden.

Fastenbrechen feiern mit Muslimen, die nicht rigide sind und weder sich noch ihren Kindern noch der Stadtgesellschaft damit eine Last auferlegen, die auch mal ein Bier oder einen Wein mit ihren Kollegen trinken und deren Frauen Sonne und Wind an sich heranlassen, das wäre nett. Aber Fastenbrechen mit denen, die ihren Kindern und Frauen Zwang antun, ist nicht meine Leidenschaft, es taugt auch nicht dazu, die offene Gesellschaft zu fördern.

Das strenge Fasten, das in Deutschland übrigens einige Stunden länger dauert als in den Wüstenländern, woher der Brauch aus dem siebten Jahrhundert kommt, entfernt die Kinder von ihren Klassenkameraden und Kitafreunden in extremer Weise, schädigt ihre Gesundheit und Lernentwicklung. Also Freunde, befreit die Kinder endlich von rigiden muslimischen Fastenzwängen und habt denselben Mut zur Religionskritik gegenüber den verschiedenen Formen des Islam wie gegenüber dem Christentum. Sonst herrschen weiter Doppelstandards, Scheinheiligkeit und Unwissen. Und das im Namen der offenen Gesellschaft.

Eva Quistorp, evangelische Theologin und Politologin, gehörte zu den Gründern und Gründerinnen der Grünen, ist noch immer in der Frauen-, Friedens- und Umweltbewegung aktiv und versucht, die Fehler der frühen Jahre zu korrigieren.

 

Quelle: achgut.com, 13.06.2017