„Korrespondenzen zwischen den Kontinenten“

11.11.2017  Neues Deutschland

 

Das Bode-Museum verblüfft mit »Unvergleichlich: Kunst aus Afrika«

Von Volkmar Draeger

In einer Vitrine am Eingang zur Basilika stehen sie friedlich nebeneinander, zwei etwa gleich große Kleinplastiken. Die eine zeigt als Meisterwerk eine Bronze des Renaissance-Bildhauers Donatello: einen Putto, wie er sich zum eigenen Tamburinspiel in Torsion nach oben zu bewegen scheint, fort vom Erdboden, unterstützt von seinen Flügeln. Einst krönte er ein Taufbecken in Siena. Frontal zum Zuschauer ruht neben ihm die Statuette einer Göttin oder einer Prinzessin fest auf ihrem Metallblock, statisch, mit großen, parallel stehenden Füßen und erhobenen Armen, unter einer Perlenhaube, mit einem auf dem Oberkörper über Kreuz auslaufenden Halsschmuck. Vermutlich war sie Teil eines Erinnerungsaltars. Unvergleichlich, der luftige Knabe aus der Toskana und das erdverbunden machtvolle Mädchen aus dem Königreich Benin des 16. oder 17. Jahrhunderts.

Beide Kunstwerke wurden um 1900 für Berlin erworben. Zusammen mit rund 80 weiteren Exponaten bringt eine Ausstellung im Bode-Museum zusammen, was ansonsten kaum je zusammen gezeigt wird: mittelalterliche und afrikanische Kunst. Möglich wurde die Schau, weil die Sammlung des Ethnologischen Museums bereits ausgelagert ist und nun auf ihren Einzug ins Humboldt-Forum wartet.

Gewagt, da sind sich die drei Kuratoren des Experiments einig, ist jene Konfrontation der Einzelstücke schon. Gravierende Fragen wirft sie auf. Was einst rituellen Zwecken diente, wird jetzt zum Ausstellungsgegenstand, und das gilt für afrikanische Masken ebenso wie etwa für christliche Altartüren: Beide hatten die Vereinigung mit Ahnen respektive Gott zum Ziel, nicht profanes Entzücken an ihrem künstlerischen Wert. Zudem wurde die Kunst Afrikas zu lange als primitiv verkannt und entsprechend mindergeschätzt.

Fest steht, dass es gegenseitige Beeinflussung gab, so seit dem 15. Jahrhundert nach der Ankunft von Portugiesen und ihren Missionaren auf dem fremden Kontinent, was, wie auch in Südamerika, zu künstlerischen Mischformen führte. Anfängliche Neugier auf beiden Seiten wich nach der Versklavung dem Hass auf die Eroberer und deren Abfälligkeit gegenüber der afrikanischen Kunst. Zudem bleiben Vergleiche subjektiv und zeitbedingt.

Dennoch ist höchst anregend, was die Kuratoren an Kunst aus Afrika dezent in Beziehung gebracht haben mit Exponaten der Dauerausstellung christlicher Kunst. An mehr als 20 solcher Korrespondenzen kann man sein eigenes Urteilsvermögen schulen und wird dabei von kundigen Texten sanft auf die Spur gelenkt.

So treten die Gedenkfigur eines Königs des 19. Jahrhunderts aus dem heutigen Kamerun und eine steinerne Stifterinnenfigur von 1305 in Dialog; beide erinnernd an die jeweilige Person, indes nicht lebensnah. Unter echter Haarpracht, eventuell von ihr selbst, steht hölzern fest eine königliche Angolanerin, die Knie gebeugt, das Kinn stolz vorgewölbt. Falls im Hohlraum ihres Pendants Reliquien der Gottesmutter gelegen haben, würde auch die Dangolsheimer Madonna aus Straßburg einen konkreten Bezug zur dargestellten Person herstellen. Überhaupt zeigen sich gerade bei Reliquiaren Gemeinsamkeiten. So ist eine Figur mit breitem Gesicht aus geschlagenem und gebogenem Kupfer, Relikt aus dem Gabun des 19. Jahrhunderts, Teil eines Altars, der Ahnengebeine enthielt. Auch die lebensecht segnende Büste des belgischen Bischofs 350 Jahre früher birgt Rippensplitter und Schädelfragmente.

Vergleiche bieten sich beim Themenfeld Schutz an. Kraftfiguren wie jener bullig breitbeinige, nagelgespickte Held mit seinem stechenden Blick sollten Unheil abwehren, Kraft übertragen und gegen koloniale Gelüste stärken. Zarter fällt als Gegenstück die mutig vorwärts schreitende Madonna von 1480 aus, unter deren weitem Schutzmantel kniende Menschen Zuflucht gesucht haben. Eindringlich geben sich: das schmerzvolle Haupt des Täufer-Johannes aus Belgien um 1430 und der zeitlos perfekte bronzene Gedenkkopf eines Königs aus Benin 100 Jahre danach. Es gibt noch zahlreiche weitere Korrespondenzen um Themen wie Macht, Tod, Schönheit, Identität, die diese Ausstellung ganz einzigartig machen. So bietet der Raum unter der Basilika zusätzliche Gegenüberstellungen, die die tradierte Rezeption afrikanischer Kunst gründlich hinterfragen.

Bis auf Weiteres, Bode-Museum, Am Kupfergraben, Mitte; www.afrikaimbodemuseum.de

 

Quelle: Neues Deutschland, 11.11.2017