„Einheitsdenkmal – Ist unserem Land die Erinnerung nicht 15 Millionen wert?“

17.03.2017    Berliner Zeitung

 

Von Nikolus Bernau

Wolfgang Thierse war von 1998 bis 2005 Präsident des Deutschen Bundestags. Er ficht seit Jahren für ein Denkmal, das an die Revolution von 1989 in der DDR erinnert, das nun als „Freiheits- und Einheitsdenkmal“ auf dem Berliner Schlossplatz entstehen soll. Der Entwurf ist heftig umstritten.

Wie kam es zu der Idee, ein solches Denkmal zu machen?

Wolfgang Thierse: Die Idee ist vor etwa 20 Jahren entstanden. Einige Bürger waren der Meinung, das außerordentliche Ereignis der friedlichen Revolution von 1989 verdient einen besonderen Ort, eine besondere Würdigung. Dieses Denkmal hat also eine lange Geschichte. Deswegen ärgert es mich, wenn behauptet wird, dass hier Politiker holterdiepolter etwas plötzlich entscheiden.

Warum hat man dann nicht ein Denkmal nur für die Revolution in der DDR gemacht?

In den Polemiken wird das immer Einheitsdenkmal genannt. Das ist schon ein Teil der Abwehr. Wir wollen aber ein Denkmal, das an die friedliche Revolution erinnert, die die Einheit erst möglich gemacht hat. So wie ich es richtig und wichtig finde, dass wir Deutschen uns im Zentrum unserer Hauptstadt an die schlimmste Tat unserer Geschichte erinnern, an den Holocaust, so halte ich es auch für richtig und vernünftig, dass wir uns hier an das glücklichste Ereignis unseres 20. Jahrhunderts erinnern. Beides ist konstitutiv für die demokratische Kultur unserer Gesellschaft. Deswegen kämpfe ich so sehr für dieses Denkmal.

Wäre es dann nicht angemessener, wenn ein solches Denkmal in der direkten Umgebung des Holocaust-Denkmals und des Reichstags stehen würde, um diese Parallelität deutlich zu machen?

In der Umgebung des Reichstags gibt es ganz viele Denkmäler, und auch für Denkmäler gilt: Inflation entwertet. Wichtiger aber ist die geschichtspolitische Pointe des Ortes: Hier stand einmal das Nationaldenkmal für Kaiser Wilhelm I., also für eine deutsche Einigung von oben, für eine Einheit ohne Freiheit und Demokratie. Wir wollen jetzt eine Denkmal für die deutsche Einheit von unten, ermöglicht durch die friedliche Revolution, mit Freiheit und Demokratie. Diese geschichtspolitische Pointe hat mich von diesem Ort überzeugt. Sozusagen eine Brecht’sche Umfunktionierung.

Welche Kriterien haben eigentlich dazu geführt, dass dieser Entwurf ausgewählt wurde – es waren ja zuletzt noch drei im Rennen?

Es gab einen ersten Wettbewerb, der ist gescheitert. Dann einen zweiten. In den intensiven Jurydebatten zeigte sich, dass es nicht den einen, absolut perfekten Wettbewerbsentwurf gibt. Das bewies noch einmal die Schwierigkeit dieser ganz neuen Denkmalsaufgabe. Wir haben Denkmalstraditionen für Sieger, für Helden, für große Geister, für Opfer, für Trauer, aber keine für die Feier von Freiheit und Einheit. Das war die eigentliche Herausforderung. In die engere Auswahl wurden dann drei prinzipiell unterschiedliche Lösungsmöglichkeiten genommen: erstens eine Figur, ein großer Kniender. Zweitens eine Rauminstallation, in der mit den Worten „Wir sind das Volk“ ein Raum geformt wurde. Und dann am Schluss der Entwurf von Milla und Waltz. Wir waren uns einig, dass dies der relativ beste ist.

Was zeichnet die Idee von „Bürger in Bewegung“ aus Ihrer Sicht aus?

Wenn Menschen sich einigen, dann können sie etwas bewegen. Das stellt einen unmittelbaren, ideellen Zusammenhang zu den geschichtlichen Ereignissen von 1989 her: Erst als genügend Bürger sich zusammentaten und Mut fassten, wurde die Überwindung des alten Systems möglich.

Bei der Vorstellung des Entwurfs wurde von der Jury vor allem betont, dass es sich bei der durch die Bewegung von Menschen in der Schale ausgelösten „Wippen“ um ein Sinnbild für die Demokratie handele.

Das habe ich damals nicht so empfunden, das halte ich auch für problematisch. Das wäre ja geradezu kindisch, eine Darstellung des Mehrheitsprinzips. Wir wollten etwas anderes: dieses Momentum einer Revolution. In der DDR lebend hatte man über Jahrzehnte nie das Gefühl, wir könnten etwas ändern. Erst 1989 haben wir das erlebt, dieses Gefühl, wir können etwas erreichen, wenn wir uns einig sind.

Warum braucht es dazu die Schalenform?

Dieser Entwurf ermöglicht genau das: Menschen müssen miteinander reden und sich dann bewegen. Die Bewegung der Schale dauert dann ihrerseits eine Minute. Und es ist auch nicht so, dass sie so hoch geht, dass sie die Ansicht des Berliner Schlosses behindert.

Das ist auf den Zeichnungen sehr deutlich zu sehen.

Das ist alles genau, auch experimentell geprüft worden, die Baugenehmigung liegt vor, Behinderte können auf die Schale – alle diese Fragen sind beantwortet. Und auch ästhetisch spricht einiges für dieses Denkmal: Dieser Standort ist umringt von großen, wuchtigen Fassaden, vom Schloss/Humboldtforum, dem Zeughaus, dem Dom, hoffentlich bald der Schinkelschen Bauakademie. Große, wuchtige Geschichte. Da ist es ein mir sehr gefallender ästhetischer Kontrapunkt, etwas Leichtes, Spielerisches, Interaktives, Modernes dorthin zu setzen. Das verletzt auch die Würde des Standorts oder des Umfelds nicht.

Von der Schlossbrücke aus sieht das Denkmal relativ leicht aus, aber die Rückseite, die zum Schloss gewandte, ist geprägt von Treppenanlagen, Rampen für die Rollstühle, Zugängen, Sperrgittern.

Wenn Sie jetzt schon so ästhetisch argumentieren: Das Denkmal kann keine Winzigkeit sein, das muss in den Proportionen dem Umfeld entsprechen. Aber es hat nicht die steinerne Wucht wie die Gebäude ringsherum. Es ist übrigens auch nicht aus Beton, wie immer wieder behauptet wird. Und die Geländer gehören eben dazu, aus Sicherheitsgründen, aber sie werden sehr filigran sein und am Ende gar nicht wahrgenommen werden.

Was sehen Sie in der Farbe Gold?

Sie fragen mich, als wäre ich der Künstler. Aber wenn Sie das wissen wollen: Ein wenig Strahlen kann nicht schaden.

Sind Parlamentarier die richtigen Leute, um über Ästhetik zu entscheiden?

Nicht Politiker, sondern eine unabhängige Jury hat den Entwurf ausgewählt. Man muss den nicht gut finden, aber das Verfahren war absolut korrekt. Unkorrekt hat sich erst der Haushaltsausschuss verhalten, als er das Denkmal urplötzlich mit dem vorgeschobenen Argument der Kostensteigerung kippte – und dann kurz danach 18 Millionen Euro für den Wiederaufbau Wilhelminischer Kolonnaden, die keiner gefordert hatte, freigegeben hat. Von wegen Kostenexplosion.

Die geschätzten Baukosten liegen jetzt schon bei 15 Millionen Euro statt der bewilligten 10 Millionen. Das sind 50 Prozent mehr.

Das Denkmal kostet elf Millionen, die vier Millionen, die dem Haushaltsausschuss vorgerechnet wurden, sind Verfahrenskosten, Fledermäuse, Denkmalpflege, Öffentlichkeitsarbeit.

Solche Gelder gehören doch zu den Gesamtkosten. Außerdem, wer garantiert uns, dass es bei 15 Millionen bleibt?

Man kann im Kostenrahmen bauen. Das Holocaust-Denkmal, dessen Bauherr ich war, ist ein gutes Beispiel dafür. Im Übrigen: Ist unserem Land die Erinnerung an das glückliche Ereignis 1989/90 nicht 15 Millionen wert?

Was geschieht, wenn die Menschen das Denkmal als Spielzeug begreifen, Schulklassen rennend versuchen, es ins Schwingen zu bringen?

Das Denkmal bewegt sich dafür viel zu langsam. Eine Minute! Außerdem: Genau diese Bedenken sind auch gegen das Holocaust-Denkmal vorgebracht worden. Und wenn gespielt wird, ist das doch nicht schlimm – wer dagegen ist, will ein Anbetungsdenkmal. Unser Denkmalentwurf eignet sich allerdings nicht zur Anbetung. Und ich denke, dass die Sätze „Wir sind das Volk, wir sind ein Volk“, diese Aufforderung zur Solidarität, sich nicht erledigt haben.

Das Holocaust-Denkmal funktioniert auch so gut, weil es den Ort der Information gibt.

Darüber haben wir debattiert. Aber es wäre ein erheblicher Aufwand, das in das Gewölbe des Kaiserdenkmals hinein zu bringen. Und der Ort der Information ist ja bereits da, nämlich das Deutsche Historische Museum wenige Meter entfernt im Zeughaus. Aber nötig ist sicher eine Erläuterung zum Denkmal, vielleicht im „Museum des Ortes“ im Humboldt-Forum.

Freudige Ereignisse werden meist mit Ritualen gefeiert. Woher kommt ihre Überzeugung, dass dieses Denkmal nicht nur eine große goldene Schüssel in der Stadt bleibt, sondern als Denkmal verstanden wird?

Es wird Teil eines historischen Parcours sein – vom Berliner Schloss zu Brandenburger Tor, Holocaust-Denkmal, Reichstagsgebäude. Und diese Geschichte wird in jedem Reiseführer stehen. Ich hoffe auch, dass die Sätze „Wir sind das Volk, wir sind ein Volk“, eine Aufforderung zur Erinnerung und Gespräch sein werden.

Ist das Brandenburger Tor nicht längst unser Nationaldenkmal?

Das Tor erinnert insgesamt an die preußische Geschichte, an die deutsche Geschichte, an die Teilung, auch an die wiedergewonnene Einheit. Aber ein Denkmal für die friedliche Revolution von 1989, ist es eben nicht! Ein Gutteil der Diskussion um unser Denkmal empfinde ich deswegen als eine Missachtung der ostdeutschen Revolution, ohne die es die deutsche Einheit nicht gegeben hätte.

Das Gespräch führte Nikolaus Bernau.

 

Quelle: Berliner Zeitung, 17.03.2017

 

 

 

  • Praetorius, Arn

    Sehr geehrter Herr Thierse,

    vieles, was Sie zum Denkmal der deutschen Einheit sagen, unterstütze ich:
    die wichtige friedliche Revolution, die Symbolik der Bewegung durch Viele, auch die
    Gestaltung hat einen Reiz. Aber der Standort ist falsch. Die Deutsche Einigung von 1870/71 war nicht nur eine willkürliche Einigung von oben, nicht durch preußische Könige inszeniert und auch nicht nur durch Bismarck aggressiv durchgesetzt. Sie hatte Vorläufer und folgte einer starken deutschen Volksbewegung nach Napoleon und gegen die folgende restaurative Bundespolitik (z.B. Wartburgfest 1817, Hambacher Fest 1832, Märzrevolution 1848/49, Frankfurter Nationalversammlung 1849). Auch Wilhelm II folgte mit dem Bau des Kaiser W.-Nationaldenkmals nur einer breiten nationalen Grundstimmung. Wenn wir die Kaiser-Heroisierung und die überladene, romantisierende Gestaltung des Nationaldenkmals heute kritisch sehen, sollten wir im Blick auf die spannungsvolle deutsche Geschichte die Denkmäler dieser Zeit doch respektieren und nicht verunglimpfen, abreißen und mit neuer Deutung überbauen. Müssen wir nicht sonst damit rechnen, dass spätere Generationen aufgrund neuer Ideologien auch die „Thierse-Wippe“ lächerlich machen und abreißen?

  • Reiner A. Hampusch

    … und es geht doch gar nicht um elf, fünfzehn oder achtzehn Millionen Euro, werter Herr Thierse. Nur so nebenbei: Es wird sowieso teurer, weil es ein öffentlicher Auftrag ist. Es geht um einen würdigen Standort, einen, wo das Anliegen der, Entschuldigung, Wippe deutlich wird und nicht an einer Ecke versteckt, wo infantile Touris das Ding als großes Spielzeug annehmen und nicht in seiner eigentlichen Bedeutung. Was ist so schlimm daran, das „Denkmal“ direkt vor den Reichstag zu stellen. Als Mahnung auch