„Einheits-Wippe kippen“

18.10.2017  Deutschlandfunk

 

Humboldtforum, Museum der Moderne des 20. Jahrhunderts: Kulturbauten in Berlin, über die lange debattiert wurde, die aber keine einhellige Zustimmung in der Gesellschaft haben. Ein Appell an den Bundestag, das längst beschlossene Einheitsdenkmal doch noch zu kippen, sorgt nun für eine neue Debatte.

Von Claudia van Laak

Der 3. Oktober, der Tag der Deutschen Einheit, wäre ein schöner Termin für den Baustart des Freiheits- und Einheitsdenkmals in der historischen Mitte Berlins gewesen. Der 9. November wäre die nächste Gelegenheit dazu. Doch momentan ist fraglich, ob es dazu kommen wird und wann es überhaupt losgeht mit dem Bau dieser riesigen begehbaren und beweglichen Schale, die sich – je nach Zahl der Besucher – auf die eine oder andere Seite neigen kann. Der Architekt Wilfried Wang – Mitglied der Akademie der Künste – hält nichts von dem preisgekrönten Entwurf des Architekturbüros Miller und Partner. Der Ort – direkt vor dem Humboldt-Forum – sei falsch gewählt.

„Das Objekt ist 50 Meter lang, 14 Meter breit, ich glaube, die meisten Leute machen sich keine Vorstellung, wie riesig dieses Objekt ist.“

Zweifel an der Funktionalität, Aufsichtspersonal nötig

Wang – stellvertretender Direktor der Sektion Baukunst an der Akademie der Künste – zweifelt auch an der Funktionalität des beweglichen Denkmals. Zu komplex das Ganze, es müsse immer Aufsichtspersonal vor Ort sein, um Unfälle zu verhindern. Außerdem sei die Symbolik nicht zu Ende gedacht.

„Bei dem kleinsten Wartungsproblem, wenn das Ding eingestellt wird aufgrund irgendwelcher Unfälle, dann ist das ein Symbol für das Nicht-Funktionieren der politischen Bewegung.“

Falscher Ort, a-historische Inschrift

Auch Berlins Kultursenator Klaus Lederer machte keinen Hehl aus seiner Ablehnung des Einheitsdenkmals. Auch er hält den Ort für falsch, zweitens werde ein existierendes Denkmal dadurch zerstört – der Sockel des Reiterstandbildes von Kaiser Wilhelm I. – und drittens reibt sich der Politiker der Linken an der Inschrift. Sie lautet: Wir sind das Volk. Wir sind ein Volk.

„Da bin ich ja in der Tat auch Ossi und habe das live miterlebt, wenn ich da auch sehr klein war – dass die friedliche Revolution in der DDR und der Einheitswille des deutschen Volkes weder zeitlich zusammenfielen noch durch dieselben Treibkräfte befördert worden sind. Sodass ich schon finde, „Wir sind das Volk“ und „Wir sind ein Volk“ auf eine Schale, die sich dann hin und her bewegt, je nachdem, ob die Leute sich nach rechts oder links bewegen, das finde ich a-historisch.“

„Vielleicht doch nicht so eine gute Idee“

Auch die dritte Person auf dem Podium, Akademiepräsidentin Janine Meerapfel, gibt sich als klare Gegnerin des vom Bundestag beschlossenen Einheitsdenkmals zu erkennen. Das Publikum applaudiert – wie also kann der Bau in letzter Minute noch verhindert werden? Kultursenator Klaus Lederer appelliert an die Vernunft des neu zusammengesetzten Bundestages – die Abgeordneten sollten sich einen Fehler eingestehen und sagen:

„Wir haben das damals gemacht, wir fanden das eine dufte Idee, wir fanden auch dieses Bild total überzeugend, dass es nach oben und nach unten wippt – wem das als Metapher für eine funktionierende Demokratie genügt, ist ja okay. Aber wir stellen ein paar Jahre später fest, war vielleicht doch nicht so eine gute Idee. Das wäre aus meiner Sicht der notwendige Weg, der gegangen werden müsste. Und es wäre im Übrigen kein Zeichen der Schwäche, sondern es wäre ein Zeichen der Stärke der Demokratie.“

„Nicht mit Bauerntricks und Verwaltungskompetenz“

Nun wurde es subversiv – aus dem Publikum kam der Vorschlag, mithilfe des Denkmalamtes den Bau der Einheitswippe noch zu verhindern. Das bestehende Denkmal werde doch durch die Wippe zerstört – da könne der zuständige Kultursenator noch etwas drehen. Nein, für solche Spielchen sei er nicht zu haben, lehnte Klaus Lederer ab.

„Der Denkmalschutz entscheidet nicht über die Aufstellung von neuen Mahnmalen und Denkmälern in der Mitte der Stadt. Und ich wehre mich gegen den Gedanken, es dazu einzusetzen. Entweder es kommt an, weil es in der Sache überzeugt, oder es kommt nicht an und das Ding wird gebaut. Mir ist es unter dem Strich lieber, wenn es in der Sache ankommt und diese Auseinandersetzung zu anderen Ergebnissen führt. Aber nicht mit Bauerntricks und nicht mit Verwaltungskompetenz, sondern mit politischem Geschick und besseren Argumenten.“

Und so wird im Bundestag hinter den Kulissen heftig gerungen. Die stellvertretende SPD-Fraktionschefin Eva Högl – keine unwichtige Stimme im Parlament – lässt sich mit den Worten zitieren: „Für einen Neuanfang ist es noch nicht zu spät.“

 

Quelle: Deutschlandfunk, 18.10.2017

 

 

  • Praetorius, Arn

    Das Ringen hinter und vor den Kulissen sollte sich lohnen. Vielleicht gibt uns der neue Bundestag eine neue Chance? Ein Freiheits- und Einheitsdenkmal ist notwendig.
    Es gehört aber vor den Reichstag.

    Die riesige Schaukel vor dem Portal des Berliner Schlosses ist am falschen Platz geplant. Die Schaukel wäre städtebaulich und architektonisch an dieser Stelle ein riesiger Fehler, ästhetisch und stilistisch ein rücksichtslos überdimensionierter
    Fremdkörper, mit einer umstrittenen Symbolik. Zudem überdeckelt die Schaukel das
    immer noch bestehende, denkmalgeschützte Fundament des Nationaldenkmals, das genau für diesen Standort vor dem Eosanderportal von Begas entworfen und gebaut war. Es war viel mehr als nur ein zeitgemäßes Denkmal für den siegreichen deutsch-französischen Krieg. Trotz protziger Details und heroischer Attitüden war ein hoch
    emotionales Symbol der nach fast einem Jahrhundert wiedererlangten Einheit der Deutschen, z.T. vor den Bürgern gespendet. Seine Zerstörung nach 1945 war ideologisch begründeter Talibanismus. Für das Nationaldenkmal, zumindest für die Kolonnaden, gibt es also eine historisch und städtebaulich gute Begründung zur Wiederherstellung, in schlichter Form.

  • Michael Vogel

    Es wird Zeit, dass dieses Projekt vom neuen Bundestag auf Eis gelegt wird und keine Einheitsdenkmal an dieser historischen Stelle entsteht. Der neue Bundestag hat die Möglichkeit den Willen einer große Zahl von Berliner Bürgern diese „Wippe“ nicht zu bauen, in die Tat umzusetzen.