Ein Puzzle aus 3000 Teilen

Von Susanne Lenz

Berlin –
In der Schlossbauhütte in Spandau entstehen die Steinmetzstücke, die aus dem Betonbau das Stadtschloss machen. Man spürt die Begeisterung, die sie bei ihrer Arbeit haben. Und mit ihren Werken wollen sie alle Kritiker des Stadtschloss-Baus verstummen lassen.

Alles hier ist von einer Staubschicht überzogen, auch die Menschen. Peik Wünsche etwa, draußen in seinem Schauer, wie die Werkstatt des Bildhauers heißt. Wünsche, orangefarbene Wollmütze, Arbeitskittel, arbeitet heute an der Königskrone. Alle paar Minuten pustet er mit der Pressluftpumpe den Steinstaub weg. Die Frauenfigur mit der Krone im Arm ist die Borussia.

Das Berliner Schloss, seit einiger Zeit auch Berliner Stadtschloss genannt, war die Hauptresidenz (Winterresidenz) der Markgrafen und Kurfürsten von Brandenburg. Später residierten hier die preußischen Könige und die deutschen Kaiser. Es stand auf der Spreeinsel in Berlin-Mitte. Begründet wurde der Bau des Schlosses 1443 vom Kurfürsten Friedrich II.

Einst zierte sie die Fassade des Berliner Stadtschlosses, im Krieg wurde sie zerstört. Fast drei Meter hoch ist sie, die größte Skulptur, die Wünsche je geschaffen hat. Seit neun Monaten arbeitet er an dem Block aus sächsischem Sandstein. Der Cotta-Sandstein, den Andreas Schlüter, der Architekt des barocken Baus, gern benutzte, darf nicht verwendet werden. Er ist nicht so belastbar, wie es die europäische Baunorm vorschreibt. Ende des Jahres wird Wünsche die Borussia vollendet haben. „Es gibt Berufe, die Geduld erfordern, auch heute in dieser schnelllebigen Zeit“, sagt er. Er erlebt öfter, dass Leute das kaum fassen können. „Viele Besucher fragen, ob man das nicht fräsen kann.“ Kann man nicht.

Von einer anderen Auffassung von Zeit reden in der Spandauer Schlossbauhütte alle zehn bis 15 Bildhauer und Restaurateure, die hier arbeiten. Sie kennen sich, die meisten sind um die 50, alle aus der DDR, viele aus der Klimes-Schule. Sie haben in Rheinsberg gearbeitet, in Sanssouci, die Linden rauf und runter. Sich monatelang mit einem Säulenprofil, einem Adler, zu beschäftigen, gehört zu ihrem Tun. Das hat wenig mit dem Neubau aus Stahlbeton in Mitte zu tun, der wie ein Parkhaus aussieht und in vergleichsweise rasender Geschwindigkeit emporwächst.

Das Schloss wird viermal gebaut
In Spandau versteht der Besucher, dass es nicht stimmt, dass das Schloss wieder aufgebaut wird, wie es manchmal heißt. Dem Stahlbetonkörper wird nur eine Maske übergezogen, die ihn von außen so aussehen lässt. Und an der Maske arbeiten sie in dieser Halle am Stadtrand, in der einst die britischen Streitkräfte ihre Fahrzeuge warteten.
Bertold Just, weißer Kittel, bemehlte Turnschuhe, ist der Chef hier. Dafür hat er sich von seiner Arbeit als Leiter der Kunstformerei der Staatlichen Museen in Charlottenburg beurlauben lassen. Er hat so schöne Sätze parat wie den, dass das Schloss eigentlich viermal gebaut wird. Erst werden die Fassadenelemente aus Ton geformt. Weil dieser schrumpft, wenn er trocknet, formen sie die Tonmodelle mit Silikon ab. Diese Hohlformen gießen sie mit Gips aus, die Gipsmodelle schließlich dienen den Bildhauern als Grundlage.

3000 Steinmetzstücke werden insgesamt gebraucht. Es ist ein riesiges Puzzle, nur dass die Teile mit Nummern versehen sind, aus denen hervorgeht, wo sie an der Fassade angebracht werden müssen. Nicht alle werden in Spandau gehauen, die Schlossbauhütte vergibt Aufträge an eine weitere Werkstatt in Berlin, nach Bamberg und München.

„Wir sind komplett im Plan“, sagt Just. 80 Prozent der Modelle seien fertig. Einige liegen auf Paletten in riesigen Regalen in der Halle. Um originalgetreu zu rekonstruieren, nutzen sie alles, dessen sie habhaft werden konnten. Historische Fotos, Zeichnungen, Gemälde. Manche Fotos sind so stark vergrößert, dass die Pixel hervortreten. Sie wollen den Faltenwurf eines Gewandes sehen können.

Trotzdem, ein Bild ist zweidimensional. „Jeder sieht etwas anderes“, sagt der Bildhauer Jens Cacha. „Es ist immer eine Annäherung.“ Manchmal gibt es Streitigkeiten. Besonders wertvoll sind Originalfragmente, die in Museen überdauert haben oder im Baugrund gefunden wurden. Die meisten können nicht wieder eingebaut werden, sie sind zu empfindlich, aber sie bieten wertvolle Anhaltspunkte. Die Originalteile von Portal IV, die in das einstige Staatsratsgebäude integriert wurden, haben sie gescannt und mit einem 3D-Drucker ausgedruckt.

„Wir sind in der Geschichte, in der Kunst“

Doch an Geld fehlt es noch. Von den 80 Millionen, die der Förderverein unter Führung von Wilhelm von Boddien für die Gestaltung der Fassade einsammeln will, sind erst 27 Millionen zusammengekommen. Gegen das „erst“ protestiert Johannes Wien, der kaufmännische Vorstand der Stiftung Berliner Schloss-Humboldtforum. Er zitiert Studien, nach denen die meisten Spenden im letzten Drittel der Bauphase eingehen, wenn die Leute etwas sehen. Im nächsten Jahr sollen die ersten Fassadenteile auf den Beton kommen.

In der Hütte gibt man sich in Hinblick auf die Finanzen ebenfalls gelassen. Sie wollen nicht zweifeln, das liegt auch an dieser Arbeit, diesem Traum für Bildhauer. „Wir sind in der Geschichte, in der Kunst“, sagt Just. Man spürt die Begeisterung. Sie können sich nicht vorstellen, dass es noch Kritiker gibt, wenn man sehen kann, dass es gelingt.

Frank Kösler hat sich gerade ein Butterbrot geschmiert, eine Packung Räucherlachs aufgerissen. Er arbeitet am Modell der Bekrönung von Portal II, der feuchte Ton liegt in Plastikbottichen. Ein Bozzetto, ein kleiner Entwurf der Bekrönung in Ton, steht auf einer Staffelei. Die Bozzetti müssen von einer Expertenkommission aus Kunsthistorikern und Architekten abgesegnet werden, bevor die Bildhauer an das große Tonmodell gehen.

Die Figuren Fama und Pax von Portal II sind erhalten geblieben. Kösler hat sie abgeformt, sie geben die Proportionen für die Komposition vor. Der steile Anlauf der Figuren ist für Kösler ein Hinweis darauf, dass hier nicht mehr so fein gearbeitet wurde, wie bei Portal I, das er zuvor modelliert hat. „Man wollte fertig werden.“ So sehr hineingedacht hat er sich in die Arbeit, dass er spüren kann, was seine Kollegen damals bewegte, vor mehr als 300 Jahren.

Quelle: Berliner Zeitung 21.10.2014

  • Cornel

    Guten Abend,

    seit 3 Jahren spende ich regelmäßig anonym Kleinmünzen und gebe die in einer Plastiktüte bei der Deutschen Bank am Alexanderplatz ab (die in die Plexiglasspardose in Form des Schlossbaus einzuwerfen ist dann doch etwas viel verlangt!) und wird, wie man mir versicherte, dem Spendenkonto gutgeschrieben.

    Mich würde mal interessieren, warum seit mehr als einem Jahr diese Glassparbüchse sich nicht mehr auf dem Kundentresen befindet. Die Aufmerksamkeit von potenziellen Spendern auf sich ziehen, zieht eigentlich anders aus..oder zählen solche Kleinspenden nicht?

    Beste Grüße
    Cornel