„Berliner Stadtschloss erhält nahe Pirna seinen letzten Schliff“

24.11.2017  Sächsische Zeitung

Ein Bildhauer-Paar im Lohmgrund hat aparte Aufträge – und ein Geschenk für die Kirche in Cotta.

Von Mareike Huisinga

Dohma. Vorsichtig setzt Marie-Josefin Flechsig den Meißel an und schlägt sacht mit dem Knüpfel dagegen. Mit viel Gefühl arbeitet die Künstlerin die Augenpartie der Figur noch genauer heraus. Der Ausdruck der Skulptur aus Sandstein wirkt nachdenklich. Marie-Josefin Flechsig geht einen Schritt zurück und ist zufrieden mit ihrem Werk. Das sieht ihr Lebenspartner Stefan Zimmermann ebenso, der in diesem Moment an die große Figur herantritt und sacht mit der Hand über Stirn und Nase streicht. Eine Linie, das klassische antike Profil. Perfekt gearbeitet. Sie wird im Frühjahr nach Berlin transportiert, um sie am Berliner Stadtschloss anzubringen, das seit 2013 wieder aufgebaut wird. Flechsig und Zimmermann haben den Auftrag bekommen, für das Giebelrelief des Schlosses nach alten Vorlagen unter anderem sogenannte Genien neu zu fertigen – das sind Schutzgeister, die in der römischen Kunst als geflügelte Wesen mit kindlicher Gestalt dargestellt wurden.

Seit einem Jahr hat das Bildhauerpaar aus Dresden seine Werkstatt im Lohmgrund bei Cotta. Auf dem etwas versteckten Gelände, das dem Schmied Hans-Jürgen Töplick gehört, haben sie Zuflucht gefunden. Davor befand sich ihre Werkstatt in Dresden-Pillnitz. Der Mietvertrag wurde gekündigt, da auf dem Areal ein neuer Großraumparkplatz gebaut wird. „Herr Töplick hat uns angeboten, unsere Werkstatt hier einzurichten“, berichtet Marie-Josefin Flechsig, die das Arrangement eine glückliche Fügung nennt, denn Töplick stellt gleichzeitig das Spezial-Werkzeug für das Bildhauer-Paar her.

Flechsig und Zimmermann sind begehrt. Sie arbeiten nicht nur für das Berliner Stadtschloss, sondern restaurierten unter anderem Partien des Residenzschlosses in Dresden, kopierten den Bacchus am Kronentor des Zwingers, fertigten Heiligen-Figuren der Dresdner Hofkirche und verschönerten das Schloss von Sanssouci in Potsdam. Trotz gut gefüllter Auftragsbücher bleibt aber auch noch Zeit für den Blick in die unmittelbare Umgebung.

Bei einer Besichtigung der Kirche in Cotta, unweit des Lohmgrundes, entdeckte Marie-Josefin Flechsig einen Barock-Sandsteinengel aus dem 18. Jahrhundert. Beide Flügel waren abgebrochen. Die Figur mit den zarten Gesichtszügen rührte sie. Kurzerhand bot sie der zuständigen Kirchgemeinde Gottleubatal an, den Engel zu restaurieren. Geld verlangt die Dresdnerin nicht. „Es ist eine sehr wertvolle Figur, und die gesamte Kirche ist schön erhalten. Der Engel mit den gebrochenen Flügeln fiel da heraus, ich möchte mich gerne in der Region einbringen“, erklärt die 36-Jährige ihr Engagement. Sie ist zuversichtlich, dass der Engel noch im Dezember fertig wird. „Das ist doch ein schönes Geschenk zu Weihnachten für die Cottaer“, sagt die Bildhauerin und lächelt. Vermutlich werden die Dorfbewohner es ähnlich sehen.

Marie-Josefin Flechsig und Stefan Zimmermann haben sich bei der Arbeit vor 14 Jahren kennengelernt. Flechsig stammt aus Leipzig und machte nach ihrem Abitur eine Grafik-Ausbildung. Ihr damaliger Zeichenlehrer, der gleichzeitig Bildhauer war, inspirierte sie, sich der Bildhauerei zuzuwenden. In Dresden absolvierte sie eine entsprechende Ausbildung. „Es ist schön, Altes zu erhalten“, stellt sie fest und schaut dabei nochmals auf den Sandsteinengel der Cottaer Kirche. Ihr Mann nickt und schwärmt von den drei Dimensionen bei seiner Arbeit. Der Bildhauermeister liebt die Restauration, schafft aber auch gerne Neues. Aktuell arbeitet er an einem Hirsch für einen privaten Auftraggeber.

Den Großauftrag für das Berliner Schloss schließt das Bildhauerpaar im nächsten Frühjahr ab. Was kommt danach? Erst mal eine Pause. „Nach drei Jahren intensiver Denkmalpflege braucht man eine Auszeit, um neue kreative Ideen zu bekommen“, erklärt Flechsig.

Sie könnte sich auch gut vorstellen, sich neu in der Mosaik-Gestaltung zu finden. Anregung dazu hat sie jetzt auf der Marmormesse in Verona im Herbst bekommen, wo zahlreiche Mosaikarbeiten ausgestellt waren. „Faszinierend “, sagt die junge Künstlerin mit Blick in die Zukunft.

 

Quelle: Sächsische Zeitung, 24.11.2017