„Alexander und Wilhelm von Humboldt verabscheuten Berlin“

18.09.2017  Berliner Zeitung

Von Maritta Adam-Tkalec

Zwei Jahre noch, dann wird zum 250. Geburtstag Alexander von Humboldts das nach ihm und seinem Bruder Wilhelm benannte Forum im neu erstandenen Berliner Schloss eröffnet. Die Debatten über die inhaltliche Ausgestaltung werden immer intensiver geführt. Dabei geht es um Fragen, mit denen sich schon die beiden Brüder – jeder auf seine Weise als Wissenschaftler und Politiker – auseinandersetzten: Wie fasst man die Welt, das Große-Ganze, die Zusammenhänge? Wie hält man es mit kolonialen Attitüden? Beiden Humboldts war die Sklaverei ein Graus. Heute geht es um den Umgang mit jenen Ausstellungsstücken, die nach Berlin kamen, weil Forschungsreisende in aller Welt interessante Objekte erwarben – aber den Umständen der Zeit entsprechend durchaus nicht so fair und respektvoll wie das unsere heutigen Kriterien gebieten. Hinzu kommt die Frage: In welches Licht rückt man die Stadt Berlin mit ihrer zwischen Weltoffenheit und einer engen, aggressiven Nationalismus oszillierenden Geschichte?

Humboldt’scher Geist soll wehen. Doch was heißt das? Die richtige Zeit also, sich mit den beiden großen Berlinern zu befassen. Zwei sehr unterschiedliche Bücher bieten sich dafür an. Das eine, soeben im Elsengold Verlag erschienen, „Die Humboldts in Berlin. Zwei Brüder erfinden die Gelehrtenrepublik“ von Peter Korneffel. Zudem das universal angelegte große Werk Andrea Wulfs „Alexander von Humboldt und die Erfindung der Natur“ (C. Bertelsmann).

Vom blühenden Kartoffelacker

Die britisch-deutsche Historikerin hat Humboldts Welt mit allen verfügbaren Mitteln vermessen. Offenbar hat sie schier jede Zeile vom gigantischen Werk Alexanders gelesen; doch auch Wilhelm bekommt seinen gebührenden Platz. Auf Alex-anders Spuren bestieg die Autorin den Chimborazo, jenen Vulkan in Ecuador, der seinerzeit als der höchste Berg der Welt galt, und wagte sich in den Orinoco-Dschungel. Ihr Buch führt in die Pariser, Londoner, St. Petersburger Salons, in denen Alexander als bewunderter Star verkehrte. Andrea Wulf verführt mit ihren wunderbar erzählten Geschichten und lässt die großen gesellschaftlichen Zusammenhänge samt der handelnden Figuren lebendig werden. Man möchte sich Alexander gleich selber zu Füßen legen, dem charmanten, gut aussehenden Mann, dem Erkenntnis jede Plage wert war.

Er experimentierte mit seinem eigenen Körper. Er verausgabte sein Vermögen, um Reisen und wissenschaftliche Geräte zu finanzieren. Er unterstützte junge Forscher. Er ruinierte sich vollends mit der Herausgabe seiner Schriften, die er mit allem ausstattete, was Augen und Verstand begeisterte: Karten, kolorierte Stiche, Darstellungen von Landschaften, Gemälde… Er mischte sich hartnäckig in die Weltenläufe ein, geißelte den spanischen Kolonialismus und die Sklaverei in den USA.

Die Brüder Humboldt sind gebürtige Berliner. Kluge Männer begleiteten sie durch Kindheit und Jugend, schufen die Grundlagen für ihre Karrieren. Doch die Brüder mochten die Stadt nicht – die Kälte, die provinzielle Langeweile und Kleingeisterei. Alexander spottete über die „blühenden Kartoffeläcker“. Sie mieden den Aufenthalt, bis finanzielle Zwänge sie in die preußische Residenz, in die Dienste der Monarchie trieben.

Zeit der Reife in der Preußenstadt

Hier setzt das lokalgeschichtliche Interesse an. In Korneffels Buch erfahren wir viele Details, vor allem aus den langen Jahren, in denen sich Alexander mit der Auswertung seiner Reisen, der Herausgabe seiner Werke widmete. Wir lesen, wie er schon früh der Königlich Preußischen Porzellanmanufaktur durch bessere Brennkammern zum Erfolg verhalf. Wir verfolgen seine Wohnungswechsel bis in die Oranienburger Straße 67, seine Mühsal mit den wechselnden Wünschen der Könige, die ihm so viel Zeit stahlen. Wir lesen, wie Wilhelm von Humboldt innerhalb kurzer Zeit die Berliner Universität begründete – ohne große Widerstände. Die Zeit dafür war reif, manches vorbereitet. Was ihm mit der Hochschule gelang, nämlich sein humanistisches Bildungsideal durchzusetzen, blieb für die elementaren Bildungsstufen undurchsetzbar. Er zog sich schließlich in die Sprachforschung zurück.

Alexander kannte keinen Rückzug. Er flutete bis ins hohe Alter jeden, der vor ihn trat – und das waren viele – mit einem Strom von Wissen und Erkenntnis.

Soweit, so gut. Doch bereitet Korneffels Text wenig Vergnügen. So taucht ihn der Autor gänzlich in sprachliches Botox – das historische Präsens, mit dem Journalisten gern Frische und Dabeigewesensein vorgaukeln. (Andrea Wulf und ihr Übersetzer verzichten glücklicherweise darauf.) Zudem erfindet Korneffel eine französisch-„reformistische“ Kirche, wo er die reformierte meint; er unterstellt Friedrich Wilhelm III., er habe „eine Blaupause“ für die Gründung der Universität erarbeiten lassen – fast hundert Jahre vor Erfindung dieser Kopiermethode; er meint, Berlin würde ohne die Humboldts, das „Powerpaar“, nicht so „ticken“. Wie platt.

Wer solcherlei Rohheiten aushält, der soll zu diesem Buch greifen – dieses haben wir eben jetzt über jene wichtige Zeit, in der Berlin intellektuelle Gnade empfing. Für die tiefere Befassung mit den Humboldts empfiehlt sich Andrea Wulfs Werk.

 

Quelle: Berliner Zeitung, 18.09.2017