Mehr Ulbricht oder mehr Mussolini?

Hallo zusammen,

der Jubel um den Schloss-Entwurf war wohl zu früh: Da hat der Architekt den Schloss-Fans ein einziges kleines bröckchen hingeworfen, und schon jubelten ihm alle zu. Das Bröckchen war die Kuppel, an der sich die Erwartungen der Rekonstruktions-befürworter in mir unverständlicher Intensität entzündeten und festmachten.
Denn dieses Detail trägt zwar zum Äußeren des Schlosses erheblich bei, ist aber am ehesten verzichtbar, weil es jederzeit nachträglich hinzugefügt werden kann.

Davon abgesehen ist dieser Entwurf nichts weiter als das absolute Minimum dessen, was im Bundestagsbeschluss festgeschrieben war: Die barocken Fassaden auf drei Seiten. Das ist auch in den spärlichen bis jetzt an die Öffentlichkeit gegangenen Informationen betont worden.

Völlig übersehen wird dabei, dass alles andere unwiderruflich beseitigt wurde.
Mindestens die historisch wichtigen Räume sowie die Treppenhäuser sind unverzichtbar. Die Mussolini-Ostfassade ist verschmerzbar, weil sie irgendwann auch durch die richtige Ostfassade ersetzt werden kann.

Ebenso der Schlüterturm, und der Apothekerflügel.
Die Ignoranz gegenüber dem Schloss-Inneren macht die Zerstörung erst endgültig. Dagegen muss entschiedener Widerstand geleistet werden.
Dass der Schlüterhof jetzt zwei Querbauten hat statt bisher einen, noch dazu zwei von abschreckender Geschmacklosigkeit, wäre noch hinzunehmen. Das kann auch wieder entsorgt werden und wäre nicht so bemerkenswert, wenn nicht gerade darin sich die abgefeimte Bosheit des Architekten so eindrucksvoll zur Schau stellen würde: Wer diesen Schlüterhof betritt, findet sich in drei engen Innenhöfen wieder, die an Mietskasernen des Vorkriegsberlins oder an Gefängnishöfe erinnern. Die Gesamtheit des Schlüterhofs ist nicht mehr erfahrbar.

In der Summe ist der Entwurf ein Anschlag auf das Schloss in der Tradition Ulbrichts. Diesmal endgültig wenn die nicht mehr wieder gut zu machenden Eskapaden des Architekten verhindert werden!
Im ersten Schritt könnte das bedeuten, die Zerstörung der letzten originalen Bausubstanz, nämlich der erhaltenen und teilweise freigelegten Fundamente zu verhindern – durch Blockaden, Mahnwachen und eine offensive Info-Kampagne. Die defaitistische Behauptung, diese seien wegen angeblicher Haarrisse nicht mehr zu retten, ist vorsätzliche Irreführung: Im Fall der Dresdner Frauenkirche haben erhaltene Mauerreste den Feuersturm, den Einsturz und Jahrzehnte der Witterung überstanden un konnten integriert werden.

Also auch die Schlossfundamente!

Zerberus, der Schlosshund

  • rexmoto

    Wie auch immer: Wer am Wegrand baut, hat viele Meister. Das Ergebnis wird zeigen, ob Mussolini, Ulbricht oder Merkel.Zum Areal des historischen Berlin, also von der Universität aus gesehen oder sogar vom Marstall wird es ein Schloß sein.
    Nur eines irritiert mich gewaltig. Wieso kommen alle angerannt wollen eine "Ostfassade" erkennen, wo diese doch offensichtlich im Norden liegt. Oder? Notfalls kann man ja unter Google nachsehen. Norden oder Osten? Oder handelt es sich gar nicht um eine Himmelsrichting? Nach 20 Jahren…

  • rezmozo

    Doch Ostfassade! Tschuldigung, nicht richtig geguckt.

  • Dominik Dietz

    Ich befürchte, dass nicht nur die Raumfolge sondern ebenfalls die Kuppel gestrichen wird. Die aufkommenden Gerüchte, alle Entwürfe seien entschieden zu teuer, mach mir wahrlich Angst!

  • Richard

    Aha!
    Was habe ich gesagt?
    Alles wird gestrichen und der Rest völlig vereinfacht!
    Armes Berlin! Armes Deutschland!

  • Zerberus, der Schlosshund.

    Hallo zusammen,

    die einzigen gehaltvollen Darstellungen des Siegerentwurfes fan ich hier auf dieser webseite. Sonst hüllen sich alle mir bekannten online-Quellen in Schweigen, abgesehen von den dürftigen Bemerkungen, aus denen sich ergibt, wie weit das neue Schloss vom realen Hohenzollernschloss entfernt ist.
    Man spricht sogar vom Humboldt-Forum auf dem Schloss-Areal und ähnlichen Wortschraubereien, um anzudeuten, wie wenig der neubau mit dem sachloss gemeinsam haben soll.
    Um bei aller berechtigten Kritik dem architekten nicht noch Unrecht zu tun, sei bemerkt, dass anscheinend doch die Keller gerettet werden sollen, jedenfalls ist hier ein Entwurf mit der Beschriftung "Souterrain mit den geretteten Schlosskellern" abgebildet. Der Grundriss sieht plausibel aus, aber mit der Seitenansicht scheint das nicht zusammen zu passen, da fehlen die Keller zum großen Teil.
    Falls noch gespart werden muss, dann bitte (!) an der verschandelung des Schlüterhofes, denn die ist überflüssig.

    Zerberus, der Schlosshund

  • berlinfreund

    Es ist nicht auszuhalten diese Miesmacherei und diese Stänkerei. Jetzt scheint es endlich nach langem Kampf mit dem Schloß etwas zu werden, weningstens in der äüßeren Hülle, und dann dieses Gejammere und Gekeife.
    Ohne den Förderverein stünde noch heute der Palast der Republik, wäre gar saniert worden oder ein moderner Stahl-Glas-Klotz würde das Zentrum verschandeln. Nun werden wir von den Linden kommend diesen herrlichen Anblick haben, das Stadtbild hat sein Gesicht wieder erhalten. Ist das denn nichts?
    Ihr Stänkerer und Meckerer: Denkt doch einmal darüber nach, was erreicht wurde.

  • Richard

    Nun ja, du hast ja recht;-)
    also warten wir erstmal ab…
    Allerdings sollte man darauf achten, daß zumindest noch ein paar Innenräume "gerettet" werden.

  • S.Hartmann

    Bitte beschweren Sie sich nicht immer alle nur bei den "bösen" Architekten. Man muss bedenken das auch die Architekten Auftragnehmer sind, also Vorgaben bekommen auf die sie eingehen müssen. Die Bundesregierung hat nicht den Aufbau des berliner Stadtschlosses beauftragt, sondern die Errichtung der Humboldt-Forums. Vergessen Sie das nicht!

    P.S. bisher wurde leider mehr zerstört als geschaffen. Erst in 10 Jahren können wir beurteilen ob wirklich ein Gewinn erziehlt wurde oder ob wir doch zu viel unserer Geschichte und Kultur preisgegeben haben, um ein paar Fassaden zu errichten.

  • Johann

    "P.S. bisher wurde leider mehr zerstört als geschaffen. Erst in 10 Jahren können wir beurteilen ob wirklich ein Gewinn erziehlt wurde oder ob wir doch zu viel unserer Geschichte und Kultur preisgegeben haben, um ein paar Fassaden zu errichten."
    Zu komisch…
    Sie können es einfach nicht lassen.

  • DerAlteDessauer

    Ich kann dem Einwand des aufmerksamen Schloßhundes Zerberus nur zustimmen: Irgendwelche modernistischen Pseudo-Künstler haben kein Recht mit ihren Entwürfen ein derartig geschichtsträchtiges wie identitätsstiftendes Bauwerk verunstalten.
    Baut das Schloß wieder auf wie es war, von innen, wie von außen! Das allein ist Museum genug und würde definitiv DER Anziehungspunkt für Kultur- und Geschichtsinteressierte in ganz Deutschland sein.
    Und vielleicht halten wir uns so auch einige politische Möglichkeiten für die Zukunft offen… (parlamentarische Monarchie?)

  • Mike

    Ein instabiles Fundament und Kellerwände mit Haarrissen (ich glaube nicht, dass dem so ist) können heutzutage mittels Hochdruckspritzverfahren in Stand gesetzt werden. Diese Methode wird häufig angewandt und ist auch gar nicht so aufwändig. Man müsste nur frühzeitig mit der Sanierung beginnen, da die Erhaltung der Keller den straffen Zeitplan des Wiederaufbaus (2010-2015) sprengen würde.
    Schade, dass ausgerechnet die ältesten Keller im Ostteil des Schlosses für den Bau des Palasts der Republik vollständig beseitigt wurden.