Die Hermenpilaster des Portal V

Herbst 1950. Portal V am Lustgarten mit den Hermenpilastern Frühling und Sommer kurz vor der Sprengung. Bauarbeiter lassen sich auf dem Balkon noch einmal fotografieren. Wenige Tage später ist das Portal zerstört. Im Hintergrund sehen wir, wieviel von den Stuckaturen des Rittersaals noch über fünf Jahre nach dem Feuersturm erhalten war, immer gänzlich dem Wetter ausgesetzt. Ein Trauerspiel, denn die wesentliche Substanz war erhalten, das Schloss wäre zu retten gewesen!!

Jener Donnerstag, der 7. Dezember des Jahres 1950, war ein kalter und bedeckter Wintertag. Drei Monate bereits liefen die Sprengungen des Berliner Schlosses. An diesem Tag sollte das Portal V an der Lustgartenseite des Baus gesprengt werden. Auf Anweisung der DDR-Führung unter Walter Ulbricht wurde zuvor eine Schuttrampe hinter das Portal gebaut, damit es sozusagen auf den Rücken fallen kann. Wichtige skulpturale Teile wurden in Torf- und Strohmatten gepackt, um sie vor den Beschädigungen der Sprengung zu schützen. Es war beabsichtigt, das Tor zu retten, damit es später an anderer Stelle wieder aufgebaut werden konnte.

Am 9. November 1918 hatte Karl Liebknecht vor oder von dem Portal, wer kann das heute schon mit Sicherheit sagen, die sozialistische Republik ausgerufen. Ein wenige Jahre später entstandenes Gemälde zeigt, dass Liebknecht die Rede vom Portal V und eben nicht vom späteren s.g. Liebknechtportal, dem Portal IV hält. Die Wahl des Portals V war für den Sozialistenführer nicht von ungefähr, denn von diesem Balkon hatte Kaiser Wilhelm 1914 die Mobilmachung verkündet. Mit Liebknechts Ausrufung war es sozialistisch geweiht und dadurch dessen Erhaltung im Interesse der politischen Machthaber der DDR.

Um 12.35 Uhr wurde gesprengt. Doch der Stein folgte den Gesetzen der Schwerkraft und das gewaltige Tor sackte in sich zusammen. Wichtige Stücke, wie die Hermenpilaster Frühling und Sommer, wurden beschädigt, aus dem Trümmerberg gezogen und verschwanden in einem Lager des VEB Tiefbau in Heinersdorf.

Aus dieser Erfahrung belehrt, baute man vor der Zerstörung des Portal IV die wichtigsten skulpturalen Stücke aus. Im Jahre 1963 wurde dann das Portal IV vor das Staatsratsgebäude gebaut und eben nicht das Portal V. Bemerkenswert ist, dass lediglich neun Stücke, darunter die Hermen Herbst und Winter, vom Berliner Schloss stammen.

Bei den Hermenpilastern handelt es sich um männliche, mit nacktem Oberkörper dargestellte vollplastische Gebälkträger des zweiten Obergeschosses. Beim Portal V sind es Frühling und Sommer, beim Portal IV Herbst und Winter. Die plastischen Oberkörper scheinen aus den Pilasterschäften geradezu herausgewachsen zu sein. Wie Stefan Görlich, Förderverein Berliner Schloss, treffend erkannte, entspricht ihre Aufführung der Darstellung der vier Jahreszeiten in den Metamorphosen des Ovid. Thematisiert ist ein Moment in der Geschichte des Phaeton: Phaeton, Sohn des Helios (Apoll) und der Klymene, steht vor Helios, um Zeugnis von dessen Vaterschaft einzufordern. Helios ist in der Szene, so Ovid, umgeben von den vier Jahreszeiten:

  • Frühling: Jugendlich stand auch der Frühling, den blumigen Kranz um die Scheitel
  • Sommer: Auch der nackende
  • Sommer im Schmuck umwindender Ähren
  • Herbst: Auch der Herbst mit der Kufen getretenen Moste besudelt
  • Winter: Und der beeiste Winter umstarrt von grauendem Haupthaar (1)

Helios erkennt seinen Sohn an und nimmt ihn in seinem Palast auf. Das Königtum wurde somit gerechtfertigt. In ihrer Aufführung am Schloss symbolisieren die Hermenpilaster die Zeit und sind damit Verweis auf den Tempel des Apollon. Grundsätzlich stehen Atlanten auch für die gebändigte Macht und verweisen darauf, dass die vorherigen Heere besiegt sind. Diese spiegeln sich fortan in der Gestalt der das Himmelsgewölbe tragenden Hermenpilaster. Ferner sind die Jahreszeiten natürlich für einen Lustgarten von elementarer Bedeutung. „Viel spricht dafür“, so Cornelius Gurlitt, der Begründer der kunstgeschichtlichen Barockschreibung, „dass das ikonografische Programm der Hermenpilaster erst im Jahre 1707 aufkam und ihre Planung folglich gar nicht von Andreas Schlüter selbst stammt.“(2) Gurlitt schrieb sie Balthasar Permoser zu und Goerd Peschken hält sie für das „Beste, was der deutsche Barock hervorgebracht hat.“

Nun, siebenundsechzig Jahre nach der Zerstörung des Schlosses, wurden die Stücke wieder an ihren angestammten Platz versetzt. Behutsam hat man sie restauriert und, wo nötig, ergänzt.

Am 21. November 2016 war es soweit: Mitarbeiter der Firma Bamberger Naturstein Hermann Graser bauten die Stücke, archäologisch genau ergänzt, in das Portal ein. Fortan wachen sie in ihrer verletzten Schönheit wieder erhaben und voller Anmut über den Lustgarten.


(1) Metamorphosen Ovid, Ditzingen 1986, Vers 25 ff.

(2) „Die Ausführung entsprach nicht überall dem Entwurfe. So brachte Schlüter anstelle der Schwebefiguren Karyatiden unter dem Balkon an. Diese, absichtlich in komischen Formen, als untergeordnete, dienende Gestalten gebildet, zeigen eine so unverkennbare Ähnlichkeit mit ähnlichen Arbeiten am Dresdener Zwinger, dass ich sie für das Werk desselbigen Meisters, und zwar des Balthasar Permoser halte, der erst 1704 nach Berlin kam.“ Zitat Cornelius Gurlitt: Ausst.-Kat. München 2014 (Guido Hinterkeuser), S. 292.

Portal V. Was für bewegende Bilder: Die originalen Allegorien auf den Frühling und den Sommer nach ihrem Wiedereinbau in Portal V. Die Körper wurden behutsam ergänzt, ohne die schweren Beschädigungen unsichtbar machen zu wollen. Sie dokumentieren die unglaubliche Barbarei der Sprengung des Schlosses. Und nun schauen sie wieder wie zuvor zwischen 1706 und 1950 am alten Platz lächelnd auf die Besucher des Schlosses herab.

Die Adler- oder Insignienkartusche zwischen den Herme

Die Hermenpilaster und die Adlerkartusche vor Aufsetzen der Balkonplatte in Portal V

von Marc Schnurbus

  • Hans Appelt

    Es ist unglaublich schön, wie die alten Teile wiederverwendet werden und sich absetzen von den neuen Teilen, sich jedoch trotzdem wundervoll ergänzen.