Deutschlandradio Kultur zur Moderne

Den folgenden Beitrag zur modernen Architektur entnahm ich der Website von Deutschlandradio-Kultur.
Was meinen Sie dazu?

Verwüstete Geschichte
Über politisch korrekte Architektur
Von Reinhard Knodt

Nein! Wir streiten nicht darüber, ob Chipperfields Versuch, aus dem Neuen Museum ein Museum seiner selbst zu machen, verfehlt ist. Wir konstatieren nur, dass in Deutschland architektonisch offenbar alles geht, wenn es nur von den rund 20 üblichen Verdächtigen gebaut wird und sich an einem Programm orientiert, dass man PC-Bauen nennen könnte.

PC-Architektur ist heute jedem Stildiktat und jeder ästhetischen Reflexion überlegen. Man darf symbolistisch bauen, wenn ein jüdisches Museum nur an einen zerdrückten Davidstern erinnert, man darf antisymbolistisch, expressionistisch oder streng rational bauen, wenn dabei nur die Raumsprache der alten Preußenherrlichkeit unter die Räder kommt. Ja man darf sogar in Rekonstruktionsfragen verbreiten, die Architektur des 19. Jahrhunderts würde durch abstrakt glatte Edelbetonquader viel besser gezeigt, als durch schlichte Ergänzung eines fehlenden Treppenhauses.

PC-Architektur ist auch ein Vorgang, bei dem man wenig Gespür für Atmosphäre und Raum braucht, weil man sich an diesen selbst nach Aussagen seiner Schöpfer erst "gewöhnen" muss; es ist außerdem ein Bauen, das heute weder Erhabenes, noch Schönes und schon gar nichts atmosphärisch Eindeutiges schafft, sondern gerade dessen Auslöschung. Es ist etwas, dessen atmosphärische Botschaft nicht ahnbares Glück, Zukunft oder utopische Transzendenz repräsentiert, sondern eine ganz andere Atmosphäre – die didaktische Atmosphäre des Gefühles: wir machen alles richtig, die andern werden sich daran gewöhnen!

Die Preußen sind bekanntlich nicht gar so empfindlich mit dem Gewöhnen und auch schon gewöhnt ans Betrachten didaktischer Architektur. Die Gedächtniskirche und ihr Glasbausteinanbau, der Rest der Stadtschlossfassade im Staatsratsgebäude, das Neue Museum als didaktischer Ausgrabungs-Laufsteg aus Edelbeton mit Blick auf nackte Ziegelwände. "Lieber ein echter Chipperfield als ein falscher Stüler", schrieb die Westfälische Allgemeine. – Und wenn man nun dagegensetzte: lieber ein reparierter Stüler statt ein Konservierungs-Umbau, mit dessen Hilfe sich Chipperfield zum Unesco-geschützten Denkmal erhebt?

Man sollte überhaupt mal prinzipiell fragen, ob man Stararchitekten für hunderte Millionen Euro an altes Kulturgut lassen sollte. Wäre es nicht besser, gute Ingenieure und, sagen wir, Steinmetze aus Tschechien zu bestellen, die das Ganze nach den alten Plänen reparieren, während sich Chipperfield woanders ein Denkmal setzt? Man würde dadurch Geld sparen, man würde ein Stück Vergangenheit zurückerhalten und mit diesem die politisch wichtige Fähigkeit der Reflexion von Zeit. Und man würde vielleicht einen hervorragenden Chipperfield-Bau irgendwo anders bekommen.

Es ist zugegeben schwer, und von der alten Pinakothek Hans Dölgers in München bis zur Paulskirchenrekonstruktion von Rudolf Schwarz gibt es Geld fürs Neue fast immer nur in Verbindung mit berühmten ehemaligen Leistungen. Doch die Frage bleibt: Warum hat sich der Didaktik- und Kommentierungswahn, den man vielleicht noch bei alten Nazipropagandafilmen nachvollziehen könnte, heute schlichtweg auf alles und jedes von historischem Belang ausgebreitet? Warum darf der Betrachter nicht mehr denken, weil ihm die echten Möglichkeiten des Vergleichs ständig entzogen werden? Die meisten Menschen möchten wissen, wie das Neue Museum wirklich aussah und kein schickes Gemisch bekommen. Die meisten möchten auch selber darüber befinden, was zwischen 1855 und 2007 atmosphärisch und architektonisch geschehen ist, sie wollen kein Lehrbuch durchwandern.

Chipperfields Museumspläne seien keine einsame Entscheidung nachts um drei gewesen, heißt es, sondern eine lang und intensiv verhandelte, also demokratische Lösung. Das glauben wir gleich! Wenn er alles berücksichtigt hat, was verhandelt wurde, wird er wahrscheinlich auch keine Lust mehr haben, nach eigenen Ideen zu bauen. Doch seien wir bescheiden: "Nicht jeder Bau muss dem Anspruch standhalten, Abbild einer Idee zu sein", sagte einmal ein bekannter Architekt. Wir ergänzen: Eine einfache Reparatur im Dienst der ehemaligen Idee hätte genügt. Aber vielleicht wäre die sogar schwerer gewesen.

Reinhard Knodt, geboren 1951 in Dinkelsbühl, Musikausbildung, Studium der Philosophie (Gadamer, Kaulbach, Riedel) in Heidelberg, Erlangen und Trinity College Dublin; viele Universitätsengagements in Europa und den USA (Collège International Paris, New School New York, Penn-State-University, KH Kassel, HDK Berlin u.a.). Herausgeber der Nürnberger Blätter, Rundfunkautor, freischaffend seit 1992. Begründung der Nürnberger Autorengespräche zusammen mit Peter Horst Neumann. Reinhard Knodt, der mehrere Preise erhielt, verfasste Essays, Kritiken (Architektur, bildende Kunst) und Vorträge sowie über 50 Hörspiele, Hörbilder und Stundensendungen und Aufsätze, Kurzgeschichten, Essays und Kritiken. Reinhard Knodt lehrt seit 2005 an der UDK Berlin Kunstphilosophie. 2007 erhielt er von der bayerischen Akademie der Künste den Friedrich Baur Preis für Literatur zugesprochen.

  • S.Hartmann

    Im ersten Absatz muss ich ihm eindeutig recht geben. Auch dem Fakt das heutige Architekten weniger auf Atmosphäre setzen, bzw. diese weniger beherrschen. Es liegt warscheinlich am Einsatz und die ständige Arbeit am PC, dieses "unnatürliche" hinein und hinauszoomen das einen den Maßstab verlieren lässt. Dazu werden immer weniger Modelle gebaut, meist schlicht aus Zeitgründen, da sich am Rechner schnell ein paar nette Persektiven zaubern lassen, die am Ende schöner und realer als das real Gebaute sind.

    Was aber das Neue Museum und den Satz:
    "Warum darf der Betrachter nicht mehr denken, weil ihm die echten Möglichkeiten des Vergleichs ständig entzogen werden?" anbelangt: Ich bin ganz klar gegen das Entziehen(was ja so viel bedeuten würde das vorher etwas da war), doch beim Neuen Museum war nichts da was durch den Umbau zerstört wurde. Die Möglichkeit des Vergleichs eröffnet sich dort.
    Auch die angesprochene "Reflexion von Zeit" halte ich für sehr klar. Denn eine 1:1 Rekonstruktion würde die letzten 60 Jahre optisch ungeschehen machen.

    "politisch korrekte Architektur" gibt es vielleicht deswegen so häufig, weil sie sich verkauft. Politiker(Auftraggeber) und Architekten gleichermaßen sind zu vorsichtig. Mal einen ganz neuen Weg einzugehen oder eine ganz andere Meinung zu vertreten könnte den Ruin bedeuten.

  • Claus B.

    "Denn eine 1:1 Rekonstruktion würde die letzten 60 Jahre optisch ungeschehen machen."

    Oh mein Gott, das wäre ja entsetzlich..:-))))

    Und die Deutschen – und mehr noch die Polen – haben auch noch die Frechheit besessen, den Zweiten Weltkrieg optisch beinahe ungeschehen zu machen, da sie aus Ruinen wieder Häuser errichteten. Ganz Verwegene wie die Warschauer haben sogar ihre Altstadt wieder aufgebaut.
    Also, eine Ruinenlandschaft von Köln bis Warschau wäre wirklich eine ehrliche Darstellung der Geschehnisse vor 1945, wie ich meine.

  • Knut

    Genau!
    Wenn die damaligen Politiker klug gewesen wären, hätten sie nach dem 2. WK ganz Deutschland als größtes Ruinendenkmal der Welt konserviert und daneben ein neues Deutschland aufgebaut;-)

  • Guntram Gehrske

    Zitat: "[…] Man sollte überhaupt mal prinzipiell fragen, ob man Stararchitekten für hunderte Millionen Euro an altes Kulturgut lassen sollte. Wäre es nicht besser, gute Ingenieure und, sagen wir, Steinmetze aus Tschechien zu bestellen, die das Ganze nach den alten Plänen reparieren, während sich Chipperfield woanders ein Denkmal setzt? Man würde dadurch Geld sparen, man würde ein Stück Vergangenheit zurückerhalten und mit diesem die politisch wichtige Fähigkeit der Reflexion von Zeit. Und man würde vielleicht einen hervorragenden Chipperfield-Bau irgendwo anders bekommen. […]"

    Ja, das frage ich mich auch immer, speziell beim Berliner Stadtschloss. Ganz klare Antwort: Es sind keine Architekten notwendig, schon gar keine vermeintlich Renommierten, und auch keine Wettbewerbe.

    In der Tat würden engagierte Baumeister und Steinmetze ausreichen um dafür zu sorgen, dass der mehrheitliche Wunsch deutscher Bürger, die sich seit Jahren mit dem Thema befassen, nach einer vollständigen Wiederherstellung der letzt intakten, historischen Gestalt des Hohenzollernschlosses, ohne jegliche didaktische Ansprüche ganz pragmatisch in die Tat umgesetzt würde.

    Und Mister Chipperfield könnte seinen Müll "auf die grüne Wiese" neben Aldi stellen.

  • S.Hartmann

    ich bezog mich mit meinem Satz auf die geforderte "Reflexion von Zeit"!

    Ich habe prinzipiell nichts gegen Vollrekonstruktionen, je nach Projektumständen.

    Ich finde auch die Aussage, dass die Menschen kein Lehrbuch durchwandern wollen völlig falsch. Denn nichts anderes ist ein Museum. Man geht hinein um etwas zu lernen. Damals waren die Gebäude fast noch mehr Lehrbuch als heutzutage(wo durch den Abstraktionsgrad oft eine Erklärung notwendig geworden ist).
    Früher wollte Stüler durch seine Innenraumgestaltung und Wandmalereien die Grabungsorte besser erlebbar machen. Dies war für eine Zeit ohne Film und Fotografie natürlich passend.

    Heute wo jeder aus Film und Fernsehen die ganze Welt zu kennen glaubt ist dies nicht mehr notwendig.
    Dafür kommt das Erleben des Verfalls und der Zerstörung hinzu. Das was auch den meisten der zukünftigen Ausstellungsstücke wiederfahren ist.

  • Bob

    Now that’s what I call a fine job.

  • Danke für das Interesse und die vielen Kommentare, die ich gerade entdecke! Reinhard Knodt