Das Humboldt Forum und sein Umfeld – eine Vision?

So soll das Schlossumfeld einmal aussehen! Diese beiden Entwürfe wurden 2014 beim offiziellen Umfeldwettbewerb zum Sieger gekürt. Das Schloss soll, dem bisherigen politischen Willen entsprechend, auf ein steinernes Tablett gestellt werden, abgekoppelt von seiner Geschichte und den anderen Bauten seines historischen Umfeldes. Was sagen Sie dazu?

Der Bau des Humboldt Forums im Berliner Schloss schreitet zügig voran. Allen Unkenrufen zum Trotz bleibt das hohe bürgerschaftliche Engagement zur Finanzierung der Fassadenrekonstruktion Dank des unermüdlichen Schaffens des Fördervereins Berliner Schloss weiter erfolgreich.

Parallel zum Baufortschritt entwickelt das vom Bund getragene Intendantentrio Neil MacGregor, Hermann Parzinger und Horst Bredekamp in Verbindung mit dem vom Land beauftragten Chefkurator Paul Spies die inhaltliche Konzeption für den Eröffnungszeitraum. Erste Vorstellungen kann man dazu in der Humboldt-Box an  der Baustelle sehen. Was aber passiert im Umfeld des Humboldt Forums? Die Frage stellt sich auf mehreren Ebenen:

Das städtebauliche Umfeld

Das Berliner Schloss wird neue Stadträume und innerstädtische Verbindungen schaffen. Sowohl von Ost nach West, wie auch mit der wunderbaren Passage von Nord nach Süd und dem künftigen Schlüterhof hat der Schlossarchitekt Franco Stella neue Stadträume erschlossen. Leider fehlt noch bei einigen Politikern der Wille, zu erkennen, wie wichtig eine Akzentuierung des künftigen Schlossplatzes durch zum Beispiel den von den Bürgern für diesen Ort gespendeten Schlossbrunnen (Neptunbrunnen) ist. Es wäre eine vertane Chance, wenn die Passage durch das Berliner Schloss nur Aufenthaltsanreize auf der Lustgartenseite hätte. Dies ginge voll zu Lasten der Bürgerstadt. Der Schlossplatz muss als Übergangsort von der Museumsinsel zur Bürgerstadt verstanden werden. Von hier öffnet sich der Blick zum Roten Rathaus, zur Breite Straße mit den Hochschuleinrichtungen, der Zentral- und Landesbibliothek, dem Haus der Wirtschaft und künftig dem House of ONE sowie dem archäologischen Zentrum in der Scharrenstraße. Außerdem ist die Breite Straße eine schnelle Verbindung zum Märkischen Museum, das künftig mit ca. 4000 m2 zusätzlich im Humboldt Forum zu einem besonderen Berliner Stadtmuseum wird.
Der Schlossplatz darf daher keine steinerne Verkehrswüste werden. Darum ist die Brunnenanlage vor Portal II des Berliner Schlosses so wichtig!

Die Frage nach dem Einheits- und Freiheitsdenkmal im Westen auf dem Sockel des ehemaligen Nationaldenkmals ist nun wahrscheinlich geklärt. Das Kuppelportal III wird durch den Bau des Denkmals eine größere Bedeutung als Haupteingang zum Humboldt Forum erlangen.

Mit dem nunmehr vom Bund beschlossenen Wiederaufbau der Bauakademie verschwindet im Umfeld des Humboldt Forums eines der letzten ungelösten städtebaulichen Probleme. Die sukzessive Fertigstellung der Museumsinsel im Norden des Humboldt Forums ist das größte Geschenk für uns Bürger.

Details der Umfeldgestaltung wie zum Beispiel die Rückführung der Rossebändiger sollten lösbar sein.

Interessanter ist die Frage des Umgangs mit einem der letzten unrestaurierten Gebäude im Umfeld des Humboldt Forums, dem Palais am Festungsgraben. Dieses wunderbare Gebäude ist einem zunehmenden Verfall ausgesetzt und steht in Teilen leer.

Nach dem Bürgerbeteiligungsverfahren für den Bereich östlich des Humboldt Forums zeichnet sich ab, dass zumindest ein Großteil der Fläche des ursprünglich Alten Berlin eine Grünfläche bleiben soll. Diese Grünfläche als Weltgarten zu gestalten und damit einen Bezug zum Humboldt Forum herzustellen, könnte ergänzt werden durch Kunst im Außenraum, gestaltet von Künstlerinnen und Künstlern aus verschiedenen Kulturen. Diese Kunstinszenierung muss nicht sofort und vollständig erfolgen. Vielmehr bietet sich hier die Möglichkeit für immer wieder neue auch temporäre Inszenierungen.

Dem Willen der neuen Senatorin für Stadtentwicklung nach soll der Neptunbrunnen auf der leeren Fläche vor dem Fernsehturm und der Marienkirche verbleiben und nicht auf den Schossplatz zurückkehren. Dort hätte er längst einen eigenen Denkmalwert bekommen. Was sagen Sie dazu?

Ebenso verhält es sich mit den beiden Rossebändigern, die im Kleistpark in Schöneberg weit auseinander abgestellt wurden. Sie waren einer Aufmarschtribüne der SED im Weg, die vor der Lustgartenfassade aufgestellt werden sollte. Eigener Denkmalwert auch hier? Was sagen Sie dazu?

Einrichtungen und Partner im Umfeld

Inhaltlich darf sich das Humboldt Forum nicht nur auf die Museen und Universitäten beziehen. Es muss mehr werden als ein schönes Museum. Dazu sind besonders die Einrichtungen im Erdgeschoss und 1. Obergeschoss geeignet. Hier haben die Gründungsintendanten und ihre Berliner Partner eine besondere Verantwortung. Natürlich wird bei allen weiteren Kultureinrichtungen zurzeit besonders darauf geachtet, ob das Humboldt Forum Fördermittel abzieht und ob hier eine Konkurrenz entsteht, die zu einer Gefahr für die Existenz der etablierten Einrichtungen wird. Deshalb kommt es sehr darauf an, wie das Humboldt Forum die Zusammenarbeit mit anderen Kultureinrichtungen im Umfeld gestaltet.

In den 1970er Jahren gab es in Westberlin ein unvergessliches Festival mit dem Thema “Tendenzen der 20er Jahre“. An diesem Hauptthema konnten alle kulturellen
Einrichtungen der Stadt mitwirken. Ausgehend vom Bauhausgedanken waren Themenkreise wie z.B. Architektur, Malerei, Design, Mode, Musik, Theater angesprochen. Für alle Einrichtungen war dieses Festival ein Erfolg. Die Stadt erlebte damals erstmals, was Kulturtourismus bedeutet. Das Schloss – Humboldt Forum als Dialogort der Kulturen hat die Chance, künftig Jahresthemen zu benennen wie z.B. ein Afrikajahr, an dem sich interessierte Kultureinrichtungen unabhängig beteiligen können. Die so entstehende Vielfalt wäre aufregend.

Das Humboldt Forum ist in erster Linie eine Kultureinrichtung. Politik, Wirtschaft, Religion sind Bestandteil der Kultur, haben aber ihre eigenen Begegnungsräume. Einrichtungen der Europäischen Gemeinschaft, der Verfassungsorgane des Bundes, des Landes und der Bezirke liegen in fußläufiger Entfernung zum Forum. Ausgerechnet eine Einrichtung der Vereinten Nationen fehlt. Die Idee, die leerstehenden repräsentativen Teile des Palais am Festungsgraben als Haus der Vereinten Nationen zu nutzen wäre ein sichtbares Zeichen der Stadt Berlin, den kulturellen Dialogort im Humboldt Forum um einen politischen Dialogort der Nationen zu erweitern.

Mit seinem Veranstaltungs­ und Verwaltungshaus in der Breite Straße hat die Wirtschaft bereits eine räumliche Anbindung an das Humboldt Forum.

Auf dem nahe gelegenen Petriplatz entsteht etwas weltweit Einmaliges: Juden, Christen und Muslime bauen ein gemeinsames Haus, das “House of ONE “, ein Bet­, Lehr­ und Begegnungshaus für ein Kennenlernen und den Austausch von Menschen unterschiedlicher Religionen, ein Haus auch für die, die den Religionen fernstehen.

Berlin hat die Chance, der zentrale Begegnungs­ und Dialogort der Kulturen zu werden. Die ehemals geteilte Stadt würde damit zu einem Symbol für ein friedliches Miteinander der Kulturen. Dieses große Ziel vor Augen, dürfen Politiker und Kulturschaffende sich nicht in kleinteilige Ränkespiele verstricken.

Freunde und Förderer

Die Vielzahl der Freundes­ und Förderkreise rund um das Humboldt Forum im Berliner Schloss sind ein Spiegelbild von Bürgerwillen. Schon heute hat diese Bürgerschaft viele Millionen Euro für das Humboldt Forum im Berliner Schloss gespendet. Unterschiedlich sind die Zielsetzungen der Vereine nur auf den ersten Blick. Schaut man sich die Mitgliederstrukturen genauer an, ergeben sich jedoch viele gemeinsame Interessen. Die Vielfalt dieser Vereinsstrukturen gilt es, in ihrer Lebendigkeit zu erhalten. Es ist eine kurzsichtige Überheblichkeit vereinzelter Politikerinnen und Politiker, dieses bürgerschaftliche Engagement zu ignorieren.

Nach Aufnahme des Betriebs wird es für die Intendanz des Humboldt Forums erleichternd sein, die unterschiedlichen Unterstützungswünsche der Vereine nicht koordinieren zu müssen. Dazu wäre eine Art Dachverband der Freunde und Förderer des Humboldt Forums im Berliner Schloss sehr hilfreich.

Alle Beteiligten müssen die kurze Zeit bis zur Eröffnung des Humboldt Forums im Berliner Schloss zur intensiven Vorbereitung darauf nutzen. Weltweit kann kaum eine Stadt eine so hervorragende Basis für den Dialog der Kulturen bieten wie Berlin. Mit dem Humboldt Forum im Zentrum und seiner dramatischen Stadtgeschichte kann Berlin zur symbolischen Hauptstadt für das friedliche Zusammenleben der Kulturen werden.

Lassen wir uns diese Chance nicht durch kleinkariertes Denken und Handeln nehmen.

Manfred Rettig war von 2009 bis zum Frühjahr 2016 Vorstandsvorsitzender der Stiftung Berliner Schloss – Humboldt Forum. 2016 wurde er zum Ehrenmitglied des Fördervereins Berliner Schloss ernannt.

Lustgartenterrasse und Schloss: Warum darf das Schlossumfeld nicht wieder so schön werden wie früher? Ideologie? Angst vor dem Schönen? Was sagen Sie dazu?

  • Paul Horst Tribbels

    Weg mit der Ideologie,rekonstruieren und fertig.Alles Andere ist ein Schlag ins Gesicht der Schlossfreunde.

  • Horst_Koe

    Manfred Rettig hat in allen Punkten Recht. Weshalb kommen Besucher überhaupt in eine Stadt: um sich an historisch einmaligen Gebäuden (und seien es Rekonstruktionen) und ihren direkten Umgebungen zu erfreuen. Das geplante pure Kopfsteinpflaster an 3 Seiten rund um das Humboldtforum ist wahrlich kein Touristenanziehungsmagnet. Ziehen wir bitte im Interesse Berlins an einem Strang und lassen wir die überflüssigen Kompetenzeifersüchteleien zwischen den Beteiligten, Millionen von Menschen werden die Lösung mit Schlossbrunnen und Rossebändigern als angemessen empfinden, „moderne“ gepflasterte Steinwüsten sind nichtssagend.