1000 Fenster fürs Schloss

 

Von Hans-Dieter Hegner

Mit den großen Bogenfenstern in den Portalen sind nun alle Fenster im Humboldt Forum im Berliner Schloss eingebaut. So kann der weitere Innenausbau in allen Geschossen und eben auch in den prominenten Portalräumen über den kommenden Herbst und Winter vorangetrieben werden. Insgesamt haben wir im Humboldt Forum über 1.000 Fenster, an den historisch rekonstruierten Fassaden 513 aus Holz und weitere 500 aus Stahl und Aluminium an den modernen Fassaden. Aber was ist neben dieser beeindruckenden Zahl das Besondere an diesen vielen Fenstern?

Die Fenster müssen ganz unterschiedlichen Anforderungen genügen. Bei den Fenstern in den historisch rekonstruierten Fassaden außen, im Schlüterhof sowie in den Innenportalen II und IV im Schlossforum sind natürlich zuallererst die architektonischen Vorgaben der Größe, der Sprossenteilung, der Profilbreiten usw. genau zu beachten. Es sollte weiß beschichtetes Holz verwendet werden und die äußere Verglasung sollte aus nach historischen Verfahren hergestelltem Glas bestehen.

 

Aber nach innen müssen diese Fenster natürlich ebenso genau die konservatorischen Anforderungen der modernen Museumsnutzung erfüllen, d.h. für Sonnenschutz und Lichtsteuerung waren zwei integrierte Stoffbehänge in den Kastenfensterzwischenräumen vorzusehen. Einige Innenräume benötigen sogar variable Verdunkelungsmöglichkeiten.

 

Nun handelt es sich beim Humboldt Forum im Berliner Schloss um einen „ganz normalen“ Neubau der öffentlichen Hand, der selbstverständlich wie alle anderen öffentlichen Bauvorhaben auch die strengen Normen der deutschen Energieeinsparverordnung einhalten muss. Fenster und Außenfassadenkonstruktionen unterschreiten diese Normen sogar um 30%!

 

Aber die Fenster sollten dennoch keine Hochleistungsmaschinen werden, sondern eine hohe Dauergebrauchstauglichkeit und Wartungsfreundlichkeit im Alltag aufweisen. Und last but not least: ein erhöhter Einbruchschutz stand auch noch im Pflichtenheft für die Fensterkonstruktion.

Aber das ist noch nicht alles. Wegen ihrer schieren Größe von bis zu 3,50m auf 6,50m bei den Portalfenstern mussten die Fensterrahmen zur Verbesserung der Stabilität und Steifigkeit aus fünffach lamellierten Eiche-Kanteln (bezogen auf die Innenfenster) sowie dreifach lamellierten Kanteln (bezogen auf die Außenfenster) hergestellt werden. Die Zargen waren als Stahlzargen luftdicht in die Primärkonstruktion einzubauen, sommerlicher und winterlicher Wärmeschutz, die Schlagregen-Dichtigkeit, hohe Schallschutzanforderungen sind weitere Stichworte für die Fensteringenieure.

Die Beschläge, also die Fenstergriffe und die Öffnungs- bzw. Schließmechanismen, waren so auszuwählen, dass bei bis zu 20.000 Betätigungs-Zyklen von ordnungsgemäßer Nutzung, Wartung und Unterhalt eine Lebensdauer von mindestens 70 Jahren erwartet werden kann. Wahrscheinlich werden sie aber viel länger halten. Die schweren Innenflügel wiegen immerhin je nach Größe der Fenster von 90 kg bis zu einer ¼ Tonne.

 

Fenster an der Lustgartenfassade – kurz nach ihrem Einbau im April 2017

 

Das Fenster, das dabei herausgekommen ist, kennen viele aus der typischen Berliner Altbauwohnung: Es ist ein Holzkastenfenster. Allerdings wurde hier ein wertvolles Material verwendet: europäische Weißeiche. Dieses Holz garantiert die höchste Dauerbeständigkeit. Der 7% höhere Preis wurde mit Blick auf die lange Lebensdauer des Gebäudes in Kauf genommen. Das zertifizierte Holz von deutschen Händlern stammt zu großen Teilen aus Rumänien.

Es gibt wie zuhause auch ein Außenfenster und ein Innenfenster und dazwischen einen Luftraum, der mit einem Lüftungsschlitz mit der Außenluft verbunden ist. Das Außenfenster besteht aus 4 mm Restaurierungsglas (Weißglas, Verglasung Ug = 5,8 W/m²K, Rahmen ca. Uf = 1,5 W/m²K). Dann kommt ein insgesamt 39,5 cm breiter, hinterlüfteter Zwischenraum, in dem die Sonnenschutz- und Verdunkelungsbehänge angeordnet sind, und der vom Innenfenster abgeschlossen wird. Dieses wiederum besteht aus einer 24 mm Mehrscheibenisolierverglasung für eine hohe Energieeffizienz (Verglasung Ug = 1,0 W/m²K, Rahmen Uf = 1,4 W/m²K). Die Innenfensterkonstruktion besteht aus einer 6 mm Weißglasfensterscheibe mit Sonnenschutzbeschichtung, und zwei aufeinander geklebten 4mm starken Verbundsicherheitsgläsern, dazwischen wiederum 10 mm Scheibenzwischenraum mit Kryptonfüllung).

So bekommt die Schlossfassade nicht nur das historische Bild der Fenster wieder zurück sondern nachhaltige, hocheffiziente Fenster, die höchsten musealen Ansprüchen genügen. Das ist eine Meisterleistung für sich und zeugt auch von der hohen Innovationskraft der deutschen Fensterindustrie.

Hans-Dieter Hegner ist Vorstand Bau der Stiftung Humboldt Forum im Berliner Schloss

 

Textquelle: Hans-Dieter Heger, Stiftung Humboldt Forum im Berliner Schloss

Fotos: Gritt Ockert, Förderverein Berliner Schloss e.V.

 

 

  • Joerg Klaube

    Bitte noch mehr solcher Artikel, die in die Einzelheiten des Baues und der Konstruktion gehen.