„Weltmuseum Wien: Zum zweiten Blick gezwungen“

26.10.2017  Berliner Zeitung

Von Nikolaus Bernau

 

Wer glaubt, dass das architektonische Ambiente des Berliner Schlosses zu prachtvoll sei für das Humboldt-Forum, der war noch nicht in Wien. Dort befindet sich seit 1928 das Ethnologische Museum – seit 2013 firmiert es als „Weltmuseum“, obwohl die Vereinigung mit dem Europa gewidmeten Volkskundemuseum verhindert wurde – in der Neuen Burg, einer um 1900 entstandenen Erweiterung der alten Hofburg. Hier soll irgendwo das einfache Leben der Bauern in einem Himalaya-Dorf gezeigt werden?

Am Mittwoch wurden nach mehr als 15 Jahren Planung die neuen Dauerausstellungen des Weltmuseums eröffnet. Sehr dunkel erscheint der erste Raum nach all dem Marmorglanz des Lichthofs in der Neuen Burg. Kaum erkennt man zunächst, bis sich die Pupillen geweitet haben, die herrlichen Steinskulpturen aus Mittelamerika in den Wandvitrinen.

Indianische Tradition nach der spanischen Eroberung

Doch in der Mitte strahlt und funkelt es. Der einst als Krone des aztekischen Kaisers Montezuma II. gerühmte, inzwischen als Ritualhut eines Priesters betrachtete Federschmuck. Ausgebreitet ist er wie ein Fächer, weil er im 19. Jahrhundert nun einmal so montiert wurde und heute nur noch in dieser falschen, doch längst zur Ikone gewordenen Form präsentiert werden kann.

Man steht also da und staunt, nimmt im Seitenblick auch mexikanische Stoffe wahr, die die Farbenlust in heutiger Form aufnehmen, hat die flache Vitrine noch in Erinnerung, in der aus Federn hergestellte Kleidungsstücke für katholische Priester das Fortleben der indianischen Traditionen auch nach der spanischen Eroberung Mexikos zeigen.

Das Reisen und Sammeln der kaiserlichen Prinzen

Und dann sieht man eher handwerkliche Gemälde, Paare aus Mexiko und ihre Kinder: Meist sind die Männer Weiße, die Frauen Indianerinnen. Auf die brutale Herrschaft der Azteken folgte die Unterdrückung durch die straff nach Hautfarben und ihren feinsten Abstufungen geordnete Klassengesellschaft des spanisch-habsburgischen Kolonialreichs. Eines ihrer Mittel war die Religion, so wie auch die Azteken ihre Macht religiös legitimierten.

Dies Museum will überraschen und irritieren. Im großen Saal, der dem Reisen und Sammeln der kaiserlichen Prinzen im 19. Jahrhundert gewidmet ist, scheint das Abbild eines Massakers aufgebaut. Lauter abgetrennte Hindu-Köpfe liegen zu einer Pyramide gestapelt, über der ein Foto mit Weißen darauf schillert.

Zum zweiten Blick gezwungen

Klar, auch ein Bild der Unterdrückung Indiens. Aber auch eines seiner Vielfalt, die Europäer faszinierte: Die Köpfe nämlich sind eine systematische Sammlung der angenommenen Menschentypen des Subkontinents. Wissenschaftlich begründeter Systematisierungswahn, Rassismus steht hinter solchen Sammlungen, aber eben auch Neugier auf das Fremde.

Die gerne bedient wurde: So manches, wie etwa die Püppchengruppen indischer Handwerker, Fakire und Priester oder die prachtvollen Wedel aus Ägypten sind eigentlich nichts anders als heutige Flughafenkunst, geadelt durch das Alter. Immer wieder wird man so zum zweiten Blick gezwungen: Dem prachtvollen Federschmuck eines Indianerchiefs sind Baseball-Kappen indianischer Veteranenverbände gegenübergestellt.

Sortierung nach Sammlern nicht nach Kontinenten

Warum ist nur der Oberteil eines seltenen Anoraks einer Inuit-Frau ausgestellt und nicht wie üblich das ganze Gewand mit den festen Beinstiefeln? Etwa, weil hier auch eine Öffnung für das Geschlecht der Frau zu sehen ist? Wurde er vielleicht nur deswegen erworben? Vom angeblich libertären Sexualleben der „Eskimo“ gingen durch die männlich dominierte Forscher- und Sammlerwelt schließlich die wildesten Legenden.

In einem Saal hängen Boote aus der Südsee unter der Decke – eine unsinnige, rein dekorative Idee, die im Humboldt-Forum hoffentlich vom Tisch ist. Gezeigt werden die Kulturen der Welt in diesem Weltmuseum nicht, wie in Berlin geplant, nach Kontinenten, sondern nach Sammlern. Was in dieser Dichte wohl nur in so alt fundierten Museen wie dem Wiener interessant zu machen ist.

Kein Haus zum touristischen Schnelldurchlauf

Wie in jedem Völkerkundemuseum präsentiert auch dieses nicht die Kulturen Afrikas, Asiens, Amerikas oder des Pazifik, sondern den Blick meist männlicher, weißer Forscher und Sammler aus Europa auf diese Regionen der Welt. Das Museum ist eins ihrer Machtinstrumente gewesen, bis hin in den vorzüglich dargestellten Streit von Wiener Missionaren, ob nicht der Glaube an den einen Gott die eigentliche Urreligion sei.

Leider reichte das mit 21,5 Millionen Euro lächerlich knapp bemessene Geld nicht auch für anständige neue Gläser an den teilweise von 1913 stammenden Wandvitrinen. Es spiegelt also enervierend. Was besonders ärgerlich ist angesichts des zweiten, noch größeren Wagnisses dieser Ausstellung: Es herrscht dichte Fülle.

Und genau die bewirkt, dass man wieder lernt, genau hinzusehen. Irgendwann kommt man dann auch zum Himalaya-Dorf. Und entdeckt so dort ein modernes Kunstwerk aus lauter Passfotos, das zeigt: Diese idyllische Welt der alten Bauern, die geht gerade zu Ende. Die Jungen, die fliehen in die großen Städte. Ein Haus zum touristischen Schnelldurchlauf ist das Weltmuseum nicht geworden. Gut so.

 

Quelle: Berliner Zeitung, 26.10.2017