„Chef der Preußen-Stiftung wehrt sich gegen Dauerkritik am Humboldt-Forum“

17.09.2017  B.Z. Berlin

Hermann Parzinger im Interview

Von Martina Hafner

Zu wenig Stadtschloss, zu wenig Provenienzforschung – so lauten die Vorwürfe an das noch nicht eröffnete Humboldt-Forum. Parzinger findet: „Museumsbashing geht am Kern des Problems vorbei!“

Seit Wochen tobt ein Sturm der Kritik um das Humboldt-Forum: Zu wenig Stadtschloss, zu wenig Provenienz-Forschung bei den Objekten, die es bestücken sollen, zu unklar das Konzept. Dafür wirkt Hermann Parzinger (58), einer der drei Gründungs-Intendanten, bemerkenswert gelassen. Er sieht die Zukunft von Berlins größtem Kultur-Zankapfel klar vor sich.

Herr Parzinger, Monika Grütters nannte das Humboldt-Forum einen Katalysator, was heißt das genau?

Im Prinzip ist klar, dass mit dem Humboldt-Forum etwas Neues im Institutionen-Geflecht von Berlin entsteht. Und wir als Stiftung Preußischer Kulturbesitz sind Teil dieses Geflechtes. Das Humboldt-Forum ist ja nicht Teil der SPK, aber unsere Sammlungen gehen dort hinein. Die Museen müssen sich dort in einen neuen Kontext einfinden.

Die Kunsthistorikerin Bénédicte Savoy kritisierte, beim Humboldt-Forum käme die Provenienz-Forschung zu kurz, wie stehen Sie dazu?

Das weise ich zurück. Ein Beispiel: Wir haben im April drei Tage lang getagt, Afrika-Historiker dazu geladen und uns allein einen ganzen Nachmittag damit befasst, wie wir mit den Afrika-Sammlungen umgehen. Wir haben zudem einige Forschungsprojekte in dieser Hinsicht.

Wie läuft so etwas ab?

Die Provenienz-Forschung macht jeder Kurator an seinen Objekten, das geht bis zu einer gewissen Tiefe. Wenn man aber herausfinden will, wie Kolonialbeamte, Missionare und Wissenschaftler gesammelt haben, dann braucht es dafür einen längeren Atem. Man muss auch die Archive in diesen Ländern und die Wissenschaftler dort einbeziehen. Das ist aber auch viel aufwendiger.

Heißt, das kostet mehr Geld?

Es ist gut zu hören, dass auch die Politik den Handlungsbedarf erkannt hat und Mittel dafür bereitstellen will, dafür sind wir dankbar. Für ein anderes Projekt habe ich Mittel von der Wirtschaft besorgt. Es läuft also schon so einiges. Insofern geht dieses Museums-Bashing am Kern des Problems vorbei. Die Museen werden heute vor vielerlei Herausforderungen gestellt, das Personal reicht dafür oft nicht aus.

Wie läuft die Zusammenarbeit mit den Herkunftsländern?

Wir haben inzwischen einige Kooperationen, dabei erforschen wir nicht nur, wie die Objekte hierhergekommen sind. Entscheidend ist, welche Funktion sie im ursprünglichen Kontext gehabt haben und wie man sie gemeinsam präsentieren soll. Es ist für die Herkunftskulturen wichtig, dass ihre Sicht auf die Objekte einbezogen wird. Sie sagen natürlich auch, dass vieles heute gar nicht mehr erhalten wäre, wenn es Europäer nicht gesammelt hätten. Aber um es noch einmal ganz klar sagen: Wenn Dinge unrechtmäßig in unsere Sammlung gekommen sind, werden wir sie zurückgeben.

Wollen Sie die Kolonial-Geschichte neu beleuchten?

Das Humboldt-Forum wird kein Museum des deutschen Kolonialismus sein, aber es ist seine Aufgabe, die kolonialen Relikte in den Köpfen der Menschen zu beseitigen, auch Vorurteile abzubauen über andere Regionen, über Menschen mit anderer Hautfarbe. Das ist wichtig in unserem Land, in dem immer mehr Menschen aus aller Welt leben und Integration ein zentrales Politikfeld ist. Wenn das funktionieren soll, müssen wir Wissen über andere Kulturen den Besuchern nahebringen, denn nur durch Wissen wächst Toleranz und Respekt. Da sehe ich eine völlig neue Rolle für die Museen in Deutschland.

Viele Besucher würden sich einen wiederhergestellten Raum des Schlosses wünschen, aber den gibt es nicht, oder?

Die Geschichte des Ortes wird umfangreicher erzählt als bisher geplant. Wir haben das archäologische Fenster, wo die Schlosskeller begehbar sind. Zunächst war nur ein kleiner Raum zur Geschichte des Ortes mit einem Schloss-Modell vorgesehen, das war uns Gründungsintendanten zu wenig. Jetzt haben wir an einer anderen Stelle einen größeren Raum dafür. Und darüber hinaus, auf nahezu allen Etagen und Umgängen, werden wir immer wieder Objekte zeigen, die die Geschichte des Ortes widerspiegeln, auch die politische.

 

Quelle: B.Z. Berlin, 17.09.2017