„Drängeln, staunen, diskutieren im Humboldt Forum“

25.06.2017  Berliner Morgenpost

40.000 Menschen besuchten die offene Baustelle des künftigen Humboldt Forums im Berliner Schloss.

„Richtung Spree, da muss es sein“, vier junge Leute laufen in großen Schritten über den Alexanderplatz und unterhalten sich aufgeregt mit sächsischem Akzent. „Da wollte ich schon immer mal hin“, sagt ein junger Mann und fragt seine Begleiterin: „Ist die Sache mit dem Kreuz mittlerweile entschieden?“ – „Ja, es kommt auf die Kuppel“, sagt sie – und auch, was sie vom Ausgang des jüngsten Berliner Schloss-Streites hält: „Wenn es historisch so war, finde ich es okay, aber von mir aus hätte auf dem Schloss auch ein Halbmond sein können. Oder eine Sonne. Es soll doch ein Ort für alle Menschen sein.“ Sie lacht, als sich Passanten umdrehen.

An diesem Wochenende hatten viele Menschen zwischen Fernsehturm und Berliner Dom dasselbe Ziel. Das Berliner Stadtschloss hatte zur „Offenen Baustelle“ eingeladen, und auch wenn es bereits das fünfte Event dieser Art seit der Grundsteinlegung 2013 war – das Interesse war riesig. Mit bis zu 20.000 Gästen rechne man, hatte der Förderverein Berliner Schloss im Vorfeld angekündigt. Ab Sonnabendfrüh bildeten die Schlossgäste einen konstanten, diskussionsfreudigen Strom.

„Wegen Grundwasser!“ – „Denkmal!“ – „Großer Kurfürst! – „Und 500 Millionen Euro von unseren Steuern!“ Wer glaubt, dass die Hauptstadtbewohner das ewige Umgraben ihrer Stadt irgendwann satt haben müssten, irrt. Seit der Potsdamer Platz Anfang der 90er-Jahre erstmals als „Schaustelle“ die Berliner einlud, dem Wiederentstehen ihrer Stadt persönlich beizuwohnen, gehört die Visite von Sandwüsten, Matschlöchern und zugigen Rohbauten zum Kulturprogramm. Nichts zieht Berliner so magisch an wie Baustellen. Zumal solche, über die sich streiten lässt.

Braucht Berlin dieses Schloss? Wer bezahlt es?

Braucht Berlin heute noch ein preußisches Schloss? Ist der Nachbau nach den Entwürfen des Italieners Franco Stella überhaupt eins? War es richtig, dafür den Palast der Republik zu schleifen, Erinnerungsort für viele Bürger der DDR? Wer bezahlt das alles? Und: Was sieht man mittlerweile vom Schloss? Zu den ersten Besuchern gehören zwei Väter mit vier Kindern, teils aus Berlin, teils aus Kiel: Eigentlich hätten sie die benachbarte Baustelle der U5 besichtigen wollen, aber die riesige Schlossbaustelle wirkte dann noch spannender, sagt Theo (9). Charlotte (14) interessiert sich für die historische Fassade, von der ein Teil Richtung Lustgarten schon frei liegt. Vater Thomas Klapper sagt: „Mich interessiert vor allem, wie dieser Bau später einmal genutzt wird, wenn die Museen aus Dahlem hier einziehen.“ Auch den Streit ums Kreuz haben sie interessiert verfolgt. Als Christen gehört das Symbol für sie historisch dazu.

Dann wendet sich die Familie einer Figur zu, die sie über eine Absperrung nachdenklich zu betrachten scheint: Antinous, der schönste Jüngling der Antike, steht noch ein wenig einsam zwischen den Baugerüsten, hinter denen sich die Barockfassaden mit ihren Säulen und Kapitellen verstecken. Nur die vierte Seite ist bereits „abgerüstet“ – die strenge Betonfassade des modernen Teils, die im Kon­trast steht zum historisierenden Teil.

70 Meter ist die Kuppel hoch, das eigentliche Gebäude 184 Meter lang und 117 Meter breit: 590 Millionen Euro gibt der Bund aus Steuergeldern dazu. „Eine Summe, die wir einhalten werden – genauso wie den gesetzten Zeitrahmen“, versichert Johannes Wien, Vorstand und Sprecher der Stiftung Humboldt Forum im Berliner Schloss, wenig später und bekommt tosenden Beifall. Mehrere Hundert Zuschauer stehen und sitzen vor der Bühne, auf der es diesmal nicht allein um den Bau ging, sondern darum, was im Schloss, respektive dem Humboldt Forum, ab 2019 stattfinden soll. 25.000 Objekte werden dafür allein aus den Museum in Dahlem ins Schloss umziehen. Neben dem Ethnologischen Museum wird es eine Literatursammlung und eine Wissenschaftsausstellung rund um den Medizinwissenschaftler Rudolf Virchow geben. Viele Besucher interessiert besonders das kulturelle Angebot. „Die Nähe zur Museumsinsel ist ideal“, sagen zwei Rentnerinnen, die aus Charlottenburg mit dem Bus gekommen sind. Ruth Loewenstein dagegen kommt aus Italien und erzählt: Ihre Großeltern wanderten in den 20er-Jahren nach Brasilien aus. Sie waren Naturwissenschaftler wie auch sie. „Das Museum ist deswegen für sie wie eine Rückkehr nach Hause.“

Beliebtestes Thema: Das Kreuz auf der Kuppel

Nicht zufällig steht die Baustellen-Bühne unter dem monumentalen Eosander-Triumphbogen, dessen Vorbild im Forum Romanum in Rom steht, wo dereinst harte Urteile gefällt wurden. Im Berliner Schloss bleibt es bei der Debatte. Elisabeth Schweeger, österreichische Literaturwissenschaftlerin, nennt das Schloss ein „Fake“. Autor Florian Illies („Generation Golf“) hält dagegen: Vor 20 Jahren habe er vergeblich versucht, „den Berlinern einzuhämmern, dass wir ein Stadtschloss brauchen. Jetzt kann ich es gar nicht glauben, dass wir hier sitzen“. Tosender Beifall.

Die Berliner und „ihr“ Schloss: Allein 2,4 der insgesamt 5,63 Millionen Euro „Klein“-Spenden für die Fassade kamen bisher aus der Hauptstadt, so der Förderverein Berliner Schloss, und es werden täglich mehr. Für zehn Euro gab es anfangs zum Beispiel am Baustelleneingang eine Rose „Berliner Schloss“ im Topf – nach nur zwei Stunden waren sie ausverkauft. Am Sonntagnachmittag kam die Berliner Rennfahrerin Heidi Hetzer vorbei, die 2500 Euro für einen Löwenkopf in der Schloss-Fassade spendete.

Rund 40.o000 Menschen drängelten sich insgesamt durch den Schloss-Rohbau, so die Veranstalter. Viele blieben auch, als ein Sturzregen die Höfe in Seen verwandelte. Egal. Und im Gedrängel, wissen gelernte Berliner, lässt es sich besonders schön diskutieren. Beliebtestes Thema, sagt ein Architekt, der als „Live-Speaker“ Führungen anbot: „Das Kreuz. Das bewegt die Menschen ganz besonders.“

 

Quelle: Berliner morgenpost, 25.06.2017