„Humboldt-Intendant Bredekamp: „Geschichte ist keine planierte Straße“ „

03.06.2017  Der Tagesspiegel

 

Der Kunsthistoriker Horst Bredekamp, einer der Gründungsintendanten des Humboldt Forums, spricht im Tagesspiegel-Interview über die Kreuz-Debatte und die Widersprüchlichkeit der Geschichte.

Im Streit um das Kuppel-Kreuz auf dem Humboldt Forum im Schloss hat sich nun auch der Kunsthistoriker Horst Bredekamp zu Wort gemeldet. „Rekonstruktionen, wenn sie denn beschlossen werden, müssen sich vom Zeitgeist und von Stimmungen frei machen,“ sagte er im Gespräch mit dem Tagesspiegel (Ausgabe vom Sonntag). „Es wäre eine eigene Form von Ikonoklasmus, das Kreuz wegzulassen“, so Bredekamp, der einer der Gründungsintendanten des Humboldt Forums ist, neben Neil MacGregor und Hermann Parzinger.

Das Kreuz bezeuge das Fehlen dessen, wofür es steht, denn „selbstverständlich haben sich alle ursprünglichen religiösen und politischen Aspekte des Schlosser im Humboldt Forum erledigt“. Geschichte sei keine planierte Straße, „auf die wir die Gegenwart zurückprojizieren“, es gehe darum, die Widersprüchlichkeit der historischen Entwicklung zu zeigen. Etwa die von Friedrich Wilhelm IV., der ein „König der Gegenrevolution“ war, aber auch ganzheitlich dachte. Seine „Freistätte der Kunst und Wissenschaft“ stehe in der Tradition der Humboldts.

Die Debatte um das Kreuz sei kompliziert, denn die kontroversen Positionen besäßen aus sich heraus ihr eigenes Recht. Der 71-Jährige Kunst- und Bildgeschichts-Experte, der an der Humboldt Universität lehrt, betont im Interview mit dem Tagesspiegel außerdem, das Humboldt-Forum wolle „die Eindimensionalität unseres Denkens durchbrechen. Es wird keine Softeis-Fabrik sein.“ Ohne Stacheln werde das Humboldt Forum seinen Auftrag nicht erfüllen.

Am Wochenende meldete sich auch der Architekt der Schloss-Rekonstruktion und des Humboldt Forums, Franco Stella, in Sachen Kuppel-Kreuz zu Wort. Er plädiert in einem Beitrag für die „Welt“ vehement dafür, dass das Kreuz wie geplant die Kuppel über dem Westportal krönt und verwahrt sich dagegen, dass es ein „reaktionäres Signal“ sei. Architektur dürfe nicht der „Sündenbock“ der vermeintlichen „Sünden“ ihrer Erbauer oder Nutzer sein. (Tsp)

 

Quelle: Der Tagesspiegel, 03.06.2017

 

 

  • Marco P.

    Ein staatliches Museum als Teil der Museumsinsel, mit drei Seiten historisierter Fassade, ist kein klerikales Gebäude. Sowohl der Zweck, der Name (Humboldt!), der Innenausbau als auch die Trennung von Staat und Kirche sind fundamentale Unterschiede zum damaligen Schloss.
    Deshalb innen alle Kulturen und Religionen – außen Neutralität.