„Eine Mehrheit ist gegen die Einheitswaage“

29.05.2017 – Berliner Morgenpost

Der Förderverein Berliner Schloss legt eine Umfrage vor: 58 Prozent der Berliner sind für die Rekonstruktion der Kolonnaden.

Von Andreas Abel

Der Bundestag will am Donnerstag erneut über das geplante Freiheits- und Einheitsdenkmal in Berlin entscheiden. Das Parlament hatte zwar schon 2007 und 2008 beschlossen, vor dem wiederaufgebauten Berliner Schloss ein solches Denkmal zu errichten, doch im vergangenen Jahr stoppte der Haushaltsausschuss des Parlaments den Bau des Siegerentwurfs, eine große begehbare Waage. Nun soll der Bundestag mit einem formellen Antrag seinen Beschluss für das Denkmal bekräftigen.

Das Denkmal „Bürger in Bewegung“ am künftigen Humboldt Forum ist jedoch umstritten – wie sehr, zeigt eine Umfrage von Infratest dimap im Auftrag des Fördervereins Berliner Schloss. Demnach gefällt 29 Prozent der in Berlin Befragten der Entwurf gut oder sehr gut, 49 Prozent mögen ihn nicht. Die restlichen 22 Prozent sind gegen den Wiederaufbau des Schlosses, nicht interessiert an der Frage oder haben sich noch keine Meinung gebildet. Anders sieht es im Bund aus. Dort bilden Befürworter und Gegner des geplanten Denkmals mit jeweils 33 Prozent gleichgroße Lager.

Fast jeder zweite Berliner für Versetzung des Neptunbrunnens

Infratest wollte auch wissen, ob das Umfeld des künftigen Humboldt Forums im Berliner Stadtschloss modern oder historisch gestaltet werden soll. 65 Prozent der Befragten in Berlin und 52 Prozent im Bund sprachen sich für eine historische Gestaltung aus, für eine moderne Gestaltung votierten nur 20 Prozent der Berliner, bundesweit waren es 17 Prozent.

Konkret ging es dabei insbesondere um den Standort des Neptunbrunnens. Der Brunnen stand früher auf dem Schlossplatz, wurde 1969 umgesetzt und in Nähe des Fernsehturms und des Roten Rathauses aufgestellt. 47 Prozent der Berliner Befragten würden ihn lieber wieder am historischen Standort sehen, 37 Prozent am Fernsehturm lassen. Bundesweit erklärten 49 Prozent, sie bevorzugen den Standort am Schloss, nur 14 Prozent finden die heutige Situation besser. Der Bund würde den Rückumzug und eine damit verbundene Sanierung des Neptunbrunnens bezahlen, der Senat ist allerdings der Ansicht, dass die Entscheidung darüber demokratisch in Berlin gefällt werden müsse.

Infratest dimap hat für den Schloss-Förderverein zwei repräsentative Umfragen mit identischem Inhalt durchgeführt. Bundesweit wurden zwischen dem 23. März und dem 26. April 1037 mindestens 14 Jahre alte Personen befragt, in Berlin waren es zwischen dem 31. März und dem 10. Mai 843 Personen. Die Interviews wurden nicht am Telefon, sondern persönlich von Angesicht zu Angesicht geführt. Dabei wurden den Befragten auch Bilder gezeigt.

„Das deutliche Ergebnis hat uns überrascht“

Das Einheits- und Freiheitsdenkmal soll auf dem Sockel des ehemaligen Kaiser-Wilhelm-Denkmals aufgestellt werden. Infratest fragte auch, ob dort die „Bürger in Bewegung“ errichtet oder die Kolonnaden des alten Denkmals rekonstruiert werden sollen. 58 Prozent in Berlin und 43 Prozent bundesweit sprachen sich für die Kolonnaden aus, nur 18 beziehungsweise 16 Prozent gefällt das geplante Denkmal besser. 41 Prozent der Bundesbürger äußerten keine Meinung.

„Das deutliche Ergebnis hat uns überrascht“, sagte Wilhelm von Boddien, Geschäftsführer des Fördervereins Berliner Schloss, der Berliner Morgenpost. Der Verein habe die rund 30.000 Euro teure Umfrage in Auftrag gegeben, um die Debatte zu versachlichen und zu hören, was die Bevölkerung zu dem geplanten Denkmal sagt. Von Boddien forderte den Bundestag auf, am Donnerstag keine übereilte Entscheidung zu treffen, sondern „innezuhalten“. Der Schlossförderer gilt als Befürworter der Kolonnaden. Er wolle diese aber nicht „auf Teufel komm raus“ durchsetzen, erklärte er. Von Boddien forderte den Ältestenrat des Bundestages auf, den Fraktionszwang aufzuheben und eine namentliche Abstimmung anzuordnen. Dann werde öffentlich, wie der einzelne Abgeordnete sich entschieden hat, „und er kann sich gegenüber seinen Wählern dafür persönlich rechtfertigen“.

Bundestag will seinen Beschluss bekräftigen

Im April 2011 hatte sich das Stuttgarter Planungsbüro Milla & Partner mit seinem Entwurf der Waage in einem Wettbewerb durchgesetzt. Doch der Haushaltsausschuss des Bundestages stoppte im Frühjahr 2016 deren Bau wegen eines angeblichen Kostenanstiegs. Im November 2016 stellten die Haushälter dann allerdings 18,5 Millionen Euro für die Rekonstruktion der Kolonnaden des Kaiser-Wilhelm-Denkmals bereit. Nach Kritik am Vorgehen des Ausschusses erklärten die Fraktionschefs von CDU und SPD, das Denkmal solle gebaut werden.

 

Quelle: Berliner Morgenpost, 29.05.2017