„Dreck und Kriminalität – Hilferuf von der Museumsinsel“

31.05.2017 – Berliner Morgenpost

 

Verkehrschaos, zu wenige Toiletten und Kriminelle: Museumsinsel, Schloss und Dom fordern die Unterstützung vom Senat.

Ausgerechnet dort, wo sich Berlin seinen Besuchern aus dem In- und Ausland von seiner besten Seite präsentieren sollte, im Herzen der historischen Mitte mit der Museumsinsel, dem Lustgarten, dem Prachtboulevard Unter den Linden und dem Schloßplatz, wirkt Berlin alles andere als einladend. Touristen werden von Antänzern und Hütchenspielern massiv bedrängt, der Berliner Dom verschwindet hinter einer Mauer aus Reisebussen, die mit laufendem Motor auf ihre Gruppen warten. Zudem gibt es weder öffentliche Toiletten noch ein Leitsystem, das die Besucher durch das Baustellenchaos auf der Straße Unter den Linden zu den Attraktionen auf der Schloßplatz-Seite führt.

„Es besteht dringender Handlungsbedarf“, sagt Johannes Wien, Vorstand und Sprecher der Stiftung Humboldt Forum im Berliner Schloss. Und weil das so ist, haben die Kultur- und Bildungseinrichtungen im Umfeld nun die „Interessensgemeinschaft Kultur & Bildung Spreeinsel“ gegründet. Vertreten in der IG sind alle fünf Museen der Museumsinsel, das im Bau befindliche Humboldt Forum im Berliner Schloss, der Berliner Dom, die Zen­tral- und Landesbibliothek ZLB, die Hochschule für Musik Hanns Eisler sowie die European School of Management and Technology (ESMT). Das Ziel: Dem Senat gegenüber mit einer starken Stimme zu sprechen. Und ihm ein „tragfähiges und zukunftsweisendes, mit allen Beteiligten abgestimmtes Konzept für den fließenden und ruhenden Verkehr“ sowie ein „umfassendes Sicherheitskonzept einschließlich wirksamer präventiver Maßnahmen gegen Kleinkriminalität“ abzuringen.

Touristenbusse verstopfen die Bodestraße

Die IG wolle zu den Fragen der touristischen und verkehrlichen In­frastruktur Lösungsansätze erarbeiten und mit dem Land Berlin dazu das Gespräch suchen, bekräftigt Wien. Das städtebauliche Ensemble der Museumsinsel besitzt Unesco-Welterbe-Status, ergänzt Friederike Seyfried, Standortsprecherin der Museen. Die Museumsinsel Berlin besuchten 2016 rund 2,3 Millionen Menschen. Mit dem Humboldt Forum komme in zwei Jahren eine weitere große Attraktion hinzu, hier werden pro Jahr etwa drei Millionen Gäste erwartet. Dies entspreche mehr als 8200 Menschen zusätzlich pro Tag auf der Spreeinsel.

„Bereits heute haben wir Probleme, weil es immer noch kein Busleitsystem gibt und die Reisebusse die Bodestraße verstopfen“, so die Museumssprecherin. Das gleiche Pro­blem habe auch der Berliner Dom, ergänzt Lammert R. Wijma, Vorsitzender des Domkirchenkollegiums. Und genau wie die Museen habe man bereits heute ein ernstes Problem mit Kleinkriminellen. „Wir sammeln jeden Tag die Geldbörsen in der Umgebung auf, die Taschendiebe gestohlen, entleert und weggeschmissen haben“, so Wijma. Mit eigens entwickelten Aufklebern mit dem Aufdruck „Achtung, Taschendiebe und Trickbetrüger! – Beware of pickpockets and tricksters!“ versuche man die Besucher zu warnen.

Museumsdirektorin Friederike Seyfried berichtet von Jugendbanden, die mit der Antanzmasche Touristen vor allem im Bereich des Bodemuseums bedrängen. „Die Polizei ist ja bemüht, uns zu helfen“, sagt sie. Doch werde vor dem Bodemuseum Präsenz gezeigt, ziehen die Gruppen eben weiter – etwa zum Dom. „Deshalb brauchen wir ein Gesamtkonzept“, bekräftigt auch ESMT-Geschäftsführer Georg Garlichs. Die im ehemaligen Staatsratsgebäude untergebrachte Schule, die oftmals Kongresse und Seminare veranstaltet, bemängelt insbesondere die Verkehrssituation am Schloßplatz, die fehlenden An- und Abfahrtmöglichkeiten, die Besucher dazu zwingen, einfach auf der Straße vor dem Gebäude zu halten. „Das ist nicht nur illegal, das ist auch gefährlich“, sagt er.

Zudem würden sich immer wieder Besucher im Gebäude verirren, die aufgrund der historischen Anmutung des Gebäudes ein Museum im Inneren vermuteten. „Es wäre wirklich hilfreich, wenn die Touristen mit einem vernünftigen Leitsystem an die Hand genommen werden“, so Garlichs. Insgesamt habe man den Eindruck, dass der Senat einfach zu spät komme mit seiner Planung. Zudem halte man die 2008 erstellte Verkehrsprognose für nicht mehr aussagekräftig. Damals rechnete der Senat mit 105 Reisebussen täglich. „Das dürfte angesichts des Tourismusbooms längst überholt sein“, so der Chef des Humboldt Forums, Johannes Wien. „2019 eröffnet das Humboldt Forum, 2020 ist auch die U-Bahn fertig, und noch immer wurden wir weder darüber informiert, ob die Straße Unter den Linden nun tatsächlich autofrei wird oder nicht.“ Viele Hausaufgaben habe der Senat noch nicht erledigt.

 

Quelle: Berliner Morgenpost, 31.05.2017