„Eine neue Symboldebatte um das Humboldtforum“

24.05.2017  Frankfurter Allgemeine

Kein ethnologisches Museum ist mit einem Kuppelkreuz geschmückt. Warum sollte das Humboldtforum eines tragen? Es wäre ein historisches Zeichen: Hier wird Politik gemacht.

Von Andreas Kilb

Wenn ein Kulturprojekt eine gewisse Größe erreicht hat, bewegt es sich von selbst weiter in die Richtung, in die es einmal geschoben wurde. So, könnte man meinen, läuft es beim Humboldtforum im Berliner Schloss, das inzwischen drei Intendanten und eine GmbH für die künftige Programmgestaltung, eine Probebühne für Ausstellungen in Gestalt der Humboldt-Box und das Versprechen der Kulturstaatsministerin in der Tasche hat, auf Jahre hinaus ein stattliches Budget zu erhalten.

Dann aber kommt der Augenblick, in dem der Koloss über einen Kiesel rollt. Er schwankt. Er neigt sich zur Seite. Seine inneren Gewichte geraten ins Rutschen. Dieser Augenblick ist jetzt beim Humboldtforum da. Der Kiesel, der ihn ausgelöst hat, ist ein Kreuz.

Vor zehn Tagen verkündete der Förderverein Berliner Schloss, dem die Bundesregierung die Finanzierung der rekonstruierten Barockfassaden übertragen hat, dank großzügiger Spender könne nun auch die ursprüngliche Kuppel des Gebäudes fast vollständig wiedererrichtet werden, „samt Laterne und vergoldetem Kreuz“. Die Witwe des 2011 verstorbenen Versandhausmagnaten Werner Otto habe das fünf Meter hohe Kreuz gespendet.

Es dauerte eine Weile, bis die Tragweite dieser Mitteilung ins Bewusstsein der interessierten Öffentlichkeit eingesickert war – so wie es beim Humboldtforum immer schon etwas länger gedauert hat, bis man seine äußere Monumentalität mit seiner molluskenhaft vagen und wechselhaften musealen und eventkulturellen Programmatik zur Deckung gebracht hatte. Dann aber gärte es in der Tiefe der politischen Meinungsbildung, und Wortblasen stiegen an die mediale Oberfläche. Eine Hierarchie der Kulturen und Religionen, wie sie das Kreuz vorgebe, sei „absurd“, erklärte die kulturpolitische Sprecherin der Linkspartei im Bundestag. Die Fraktionschefin der Grünen in Berlin fand, das religiöse Symbol widerspreche dem humanistischen Grundgedanken des Projekts. Und die Stiftung Zukunft Berlin, ein Verein betagter Berliner Kulturbürger und -bürgerinnen, gab kund, ein Kreuz auf dem Schloss erinnere an christliche Leitkultur und neunzehntes Jahrhundert.

Man hätte die Einwürfe auf sich beruhen lassen können. Aber Monika Grütters hat sich die Mühe gemacht, darauf zu antworten. Das Angebot eines offenen Hauses, wie es das Humboldtforum mache, sei nur glaubwürdig, wenn „wir“ uns unserer christlichen Wurzeln bewusst seien und sie auch zeigten, sagte sie der „Welt“. Im Gespräch mit dieser Zeitung ergänzte sie, die Einladung an andere Kulturen bedeute nicht, dass „der eigene Standpunkt verschleiert“ werden müsse. Sie begrüße es, wenn über das Kreuz debattiert werde.

Also mit Preußen jenseits der Brüder Humboldt – mit dem Preußen der Reaktion und der bürgerlichen Unfreiheiten.

Im Juli 1844 erteilte Friedrich Wilhelm IV. die Kabinettsorder zur Errichtung einer Kapelle mit Kuppel über dem Westportal des Hohenzollernschlosses. Zehn Jahre später, zum Krönungsgedenktag am 18. Januar 1854, wurde der Bau der Architekten Stüler und Schadow vom Hofprediger Hoffmann geweiht. Ursprünglich war geplant gewesen, die gesamte Kuppellaterne samt Kreuz zu vergolden, doch „infolge der gespannten innenpolitischen Lage“, wie der Schlosshistoriker Albert Geyer vielsagend schrieb, hatte man die Vergoldung auf das Kreuz beschränkt.

Diese „gespannte Lage“ war die in Blut erstickte bürgerliche Revolution von 1848. Das Kuppelkreuz war das Symbol ihrer Niederlage und der erzwungenen preußischen Kirchenunion. Genau genommen gehörte es nicht zur Fassade, sondern zur Funktion des Gebäudes: Es zeigte seine Nutzung als Gotteshaus an. Eine solche Nutzung ist im Humboldtforum nicht vorgesehen. Es wird keine Abendmähler und Predigten mehr unter der Schlosskuppel geben; statt dessen sollen dort buddhistische Wandmalereien aus Xinjiang an der nördlichen Seidenstraße gezeigt werden, einer der wertvollsten Bestände des Museums für Asiatische Kunst.

Es gibt nicht viele Profanbauten in Deutschland, die mit Kreuzen geschmückt sind. Ganz sicher sind unter ihnen keine ethnologischen Museen. Ein Kuppelkreuz auf dem Humboldtforum wäre deshalb nicht nur eine Irreführung der Besucher. Es wäre ein historisches Zeichen, das an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig ließe. Nicht „unser“ Christentum würde darin sichtbar, wie Monika Grütters meint, sondern der Anschluss an die Tradition der preußischen Staatskirche mit ihrer engen Verbindung von Kanzel und Bajonett. Jene gebildeten Betrachter aus aller Welt, an deren Erwartungen die Konzeption des Humboldtforums Maß nimmt, würden diese Symbolik zu lesen wissen.

Ein Wegfall des Kreuzes würde dieses „religiös politisieren“, teilen die drei Humboldt-Intendanten salomonisch mit. Nein, es ist umgekehrt: Wer das Kreuz errichtet, macht Politik. Geschichtspolitik, Symbolpolitik, Museumspolitik.

 

Quelle: Frankfurter Allgemeine, 24.05 2017