„Das Kreuz gehört auf die Kuppel des Stadtschlosses“

23.05.2017  BILD

Buschkowsky redet Klartext

Von Heinz Buschkowsky

Es ist schon ein Kreuz mit dem Kreuz.

Große Konjunktur scheint es bei uns im Moment nicht zu haben. Selbst ganz klein darf es den Hals der Lehrerin nicht schmücken, weil es indoktriniert. In stattlicher Größe von 4,50 Metern auf der Kuppel des Berliner Stadtschlosses zerstört es angeblich sogar die Aura des humboldtschen Humanismus.

Ich stehe zwar mit dem lieben Gott nicht so auf Du und Du. Aber was für ein Schauspiel bieten wir gerade wieder der Welt? Kleingeisterei und Schmierentheater!

Um den Wiederaufbau des Stadtschlosses gab es von Anfang an Streit. Von den einen als historisierender Firlefanz verteufelt, von den anderen als das Schließen einer schmerzlichen Wunde unserer Stadtgeschichte mit Leidenschaft verfolgt.

Ich stehe zum Wiederaufbau, weil es zum Spiegel unserer Geschichte gehört.

Inzwischen sind die Fakten geschaffen und 2019 soll das Stadtschloss mit neuer Bestimmung als Humboldt-Forum seinen Betrieb aufnehmen. Ein Haus für alle soll es sein. Eine Lern- und Dialogstätte aller Kulturen und Religionen dieser Welt.

Die Außenfassade soll originalgetreu wiederhergestellt werden. Da liegt der Hase im Pfeffer. Originalgetreu heißt dann wohl mit dem Kreuz auf der Kuppel, das sich dort über 100 Jahre befand. Logisch, was denn sonst? So dachte auch Inga Maren Otto und spendete das Geld für das Kreuz. Doch statt Dank erntet sie Ablehnung.
Die Stiftung Zukunft Berlin, die sich um die Geschicke dieser Stadt Gedanken macht, kritisiert: Das Kreuz stehe für eine christliche Leitkultur und damit für eine Hierarchisierung der Kulturen.

Der wilhelminische Geist ziehe damit wieder in das Haus, deshalb: weg damit! Aber muss nach dieser Argumentation dann nicht auch die originalgetreue Barockfassade wieder weg?

Darum geht es
➜ Das Kreuz kam 1854 mit der Kuppel aufs Schloss.
➜ Im 36 Meter hohen Innenraum darunter war eine Kapelle.
➜ Das neue Kreuz wird in 70 Meter Höhe enden.
➜ Es wird vergoldet, ist 4,50 Meter hoch.
➜ Wie der übrige Fassaden-Schmuck wird das Kreuz aus Spenden finanziert.
➜ Maren Otto (Witwe des Versandhaus-Königs) gab dafür eine Million Euro.

Die humane, aufgeklärte Sicht auf die Welt von Alexander und Wilhelm von Humboldt war in weiten Teilen nicht identisch mit der verworrenen und fanatischen intellektuellen Schmalkost, die uns hier von Werte-Vagabunden serviert werden soll. Menschenbild und Kreuz sind untrennbar. Das sehen wir dort, wo es keine Strahlkraft besitzt.

Egal, ob aus denkmalpflegerischer Sicht oder als religiöses Symbol: Das Kreuz ist keine Barriere gegen Freiheit und Toleranz, soll andere Kulturen nicht ausgrenzen. Wir alle wollen eine friedliche Welt ohne Leid, Gewalt und Terror.

Unter dieser Kuppel mit Kreuz bleiben die Gedanken frei. An ihr eine solche unwürdige Debatte hochzuziehen, ist für die deutsche Hauptstadt peinlich.

 

Quelle: BILD, 23.05.2017