„Alte Pracht für neue Kuppel“

20.05.2017  Berliner Abendblatt

Von Jürgen Zweigert

Weit geht der Blick über die Stadt. Der Dom ist zum Greifen nahe, auch die Friedrichswerdersche Kirche ist zwischen den Neubauten noch zu sehen. Baustellen und Kräne, wohin man blickt. Wir stehen zwischen Pfützen und Baustoffen auf dem Dach des Berliner Schlosses. Ganz oben, wo zur Eröffnung 2019 ein Restaurant sein wird, mit herrlicher Aussicht unter gläserner Überdachung. Vor uns ragt die rohbaufertige Kuppel in die Höhe, fasst 70 Meter über dem Schlossplatz. Ein mächtiges Pendant zur Domkuppel; ein imposanter Blickfang aus Richtung Unter den Linden und Brandenburger Tor.

Die Krönung des Baus, um deren historisch-gerechter Ausgestaltung lange gerungen wurde. Denn aus Kostengründen sollte die Kuppel-Fassade in vereinfachter Form gestaltet werden – ohne Laterne und Kreuz. Eine Mütze ohne Bommel sozusagen.

Engagierte Unterstützer

Doch nun ist die Kuh vom Eis – die Kuppel entsteht in alter Pracht; Laterne und goldenes Kreuz inklusive. Johannes Wien, Vorstandssprecher der Stiftung Humboldtforum, und Wilhelm von Boddien, Geschäftsführer des Fördervereins Berliner Schloss, strahlen mit der Sonne um die Wette. „Geschafft! Das Schloss bekommt dank der großen und kleinen Spenden sein Glanzstück zurück. Wir freuen uns und sind dankbar, dass uns so viele so engagiert unterstützen“, sagen sie.

Das sah anfangs ganz anders aus, als lediglich zehn Prozent der Spenden aus Berlin kamen. Im Vorjahr sammelte der Förderverein 14 Millionen Euro; davon rund sechs Millionen aus Berlin. „Ein deutliches Zeichen, dass die Berliner sich zunehmend mit ihrem Schloss angefreundet haben“, freut sich von Boddien.

Originalgetreu gebaut

Diese Akzeptanz für die Renaissance des Barockbaus ist ihm wichtig. Er will es historisch so perfekt wie möglich und ärgert sich, wenn von „Tapeten auf Spritzbeton“ die Rede ist. „Falsch, völlig falsch. Dies ist praktisch ein Déjà-vu mit Andreas Schlüter.

Hier wird originalgetreu gebaut, wie vor 300 Jahren, nur mit moderneren Mitteln“, sagt er. Mit 3,5 Millionen verbauten Ziegeln sei das Schloss Deutschlands größter Ziegelbau; Terrakotta-Elemente und Fassaden-Fragmente atmen die barocke Kunst.

Zusätzliche Millionen

Ein wichtiges Etappenziel ist erreicht – gut 35.000 Spender brachten bisher mehr als 62 Millionen Euro zusammen; viele sicherten sich mit kleinen und größeren Stuck-Elementen ein immaterielles „Stück vom Schloss“. Doch das Klassenziel von 105 Millionen Euro steht noch aus. Sie müssen kommen, denn für die vollständige historische Rekonstruktion der Kuppel-Fassade und der Innenportale 2, 3 und 4 werden nochmals zusätzlich 25 Millionen Euro benötigt.

„Wenn der Spendenfluss so anhält, sehe ich da keine Probleme“, meint von Boddien optimistisch. Ein Ärgernis nicht nur für ihn: Jeder will doch sehen, wofür er spendet – aber ausgerechnet das ist derzeit nur eingeschränkt möglich: Die Westfassade verschwindet fast völlig unter einer riesigen schwarzen Samsung-Werbung. Ein Deal mit dem Elektronik-Konzern, aus dessen Erlös die Betreiber des Humboldtforums einen Teil ihrer Baukosten refinanzieren. Erst im nächsten Jahr wird sie wohl weichen.

 

Quelle: Berliner Abendblatt, 20.05.2017