„“Weltbürger bilden“ – Neil MacGregor, Gründungsintendant des Humboldt-Forums“

10.03.2017   ZITTY Berlin

 

Neil MacGregor ist Gründungsintendant des umstrittenen Humboldt-Forums. Und ein Schotte, der sich als Europäer fühlt. In Berlin soll er ein Haus für Weltausstellungen vorbereiten

Interview: Stefanie Dörre und Claudia Wahjudi

Herr MacGregor, die Ausstellung „Extreme!“ in der Humboldt-Box ist bis Mai verlängert worden. Warum?

Weil sie ein so großer Erfolg beim Publikum ist. Über 65.000 Besucher bis jetzt – das ist für eine so kleine Ausstellung überraschend. Und erfreulich, denn der Zweck dieser Ausstellung in der Humboldt-Box ist, sie als Probebühne fürs Humboldt-Forum zu benutzen.

Warum überraschend? Ist nicht die Verbindung von Natur und Mensch derzeit ein großes Thema, wenn Sie sich nur den Erfolg der Naturdokus auf BBC anschauen?

Ja, natürlich. David Attenborough, der diese Dokumentationen bei der BBC macht, ist eine Heldenfigur im ganzen Land. Es gibt dieses tiefgründige Interesse für die Natur. Aber es ist bislang nur wenig durch Ausstellungen erforscht worden. Das wird ein Hauptthema des Humboldt-Forums sein. Über Jahrhunderte glaubten alle, dass der Mensch die Herrschaft über die Natur hat. Die revolutionäre Einsicht Alexander von Humboldts war: Der Mensch kann nicht über die Natur so entscheiden. Er ist selbst nur ein Teil dieser Natur.

Sie haben einen prächtigen Ausblick auf den Schlossplatz und die Museumsinsel. Was sehen Sie dort?

Das Humboldt-Forum kann nur gedeihen, wenn man es im Rahmen der anderen Museen hier in der Nähe sieht. Wir wollten in der „Extreme!“-Ausstellung schon auch die Idee einer Partnerschaft zwischen Ethnologischem Museum, Naturkundemuseum, Botanischem Museum und Humboldt-Universität zeigen.

Es gibt Befürchtungen in Berliner Museen, dass das Humboldt-Forum Exponate abzieht, so dass andere Häuser zu kurz kommen.

Haben Sie eine Ahnung, wie riesig diese Sammlungen sind? Da sehe ich keine Gefahr. Wenn Sie die Frage den Kuratoren im Ethnologischen Museum oder im Museum für Asiatische Kunst stellen würden, würden die sagen, dass sie nicht Platz genug haben, um ihre eigene Sammlung auszustellen.

Und wie steht es bei der Aufmerksamkeit des Publikums? Dessen Blick wird auch auf das Humboldt-Forum gelenkt.

Das ist immer nur eine Zeit lang das Phänomen eines neuen Hauses. Im Humboldt-Forum geht es nicht nur um Sammlungen und Ausstellungen, sondern auch um Bildung in der Tradition von Humboldts „Kosmos-Vorlesungen“. Diese Vorlesungen versuchten, einem sehr breitem Publikum den neuesten Stand der Forschung zu vermitteln: Leuten aus allen Schichten der Gesellschaft. Deshalb ist die Humboldt-Universität im Haus nicht nur Partner, sondern Akteur.

Bildung für alle  –  daher auch Ihr Vorschlag, den Eintritt frei zu machen?

Das Ziel ist, dass diese Sammlungen allen Bürgern gehören sollten. Sie sollten mit diesen Sammlungen umgehen, als ginge es um ihre eigenen Bücher zuhause.

Auf welche Erfahrungen in Großbritannien können Sie dabei zurückgreifen?

In Großbritannien sind die Museen seit 250 Jahren kostenlos zugänglich, und seit mehr als 80 Jahren gibt es Programme für Vermittlung. Die Briten nutzen ihre Museen viel mehr als alle anderen Europäer. Und in Paris hat man vor acht bis zehn Jahren in den städtischen Museen den kostenlosen Eintritt eingeführt. In fünf Jahren haben sich die Besucherzahlen verdreifacht. Und es kommen neue Schichten der Gesellschaft.

Die Berliner Museen erreichen die internationalen Communitys der Stadt nur schwer. Wie wollen Sie das hier ändern?

Das haben wir schon lange mit den Kollegen auf der Museumsinsel besprochen, vor allem mit dem Direktor des Islamischen Museums, Stefan Weber. Der hat in den letzten Jahren sehr interessante Programme gemacht, um genau diese neuen Berliner anzuziehen. Mit ihm werden wir eng zusammen arbeiten.

Ihre Pläne stoßen nicht in allen Communitys auf Einverständnis. Stehen Sie mit den Initiativen in Kontakt, die vom Ethnologischen Museum Herkunftsforschung und Rückgabe fordern?

Solche Frage sind in erster Linie Fragen für die Direktoren und Generaldirektoren. Es sind aber sehr wichtige Fragen. Und was die geplanten Ausstellungen der afrikanischen Sammlungen im Humboldt Forum anbelangt, arbeiten wir mit Kollegen aus Tansania und Kamerun eng zusammen.

Wie kann man das intensivieren?

Was uns im British Museum sehr wichtig scheint, ist die Idee, eine große enzyklopädische Sammlung, eine Weltsammlung als eine Art Leihbibliothek zu betrachten. Da sind wir zurzeit zum Beispiel in einer engen Partnerschaft mit dem Museum in Mumbai. Mumbai möchte die Geschichte Indiens im Rahmen der Weltgeschichte ausstellen. Es ist sehr einfach, dort alle notwendigen Objekte zur indischen Geschichte zu bekommen. Was sie nicht ausstellen können, sind Objekte aus dem Rest der Welt. Und die kann das British Museum leihen. Das ist die große Herausforderung für uns alle: zu verstehen, dass unsere Nationalgeschichte nur ein Teil einer viel größeren Geschichte ist.

Der Brexit führt in die entgegengesetzte, nationale Richtung. Was denken Sie darüber als Museumsdirektor, der versucht, globale Perspektiven zu öffnen?

In Großbritannien war während der Kampagne auffallend, dass die Xenophobie keine führende Rolle spielte. Unsere früheren kolonialen Bevölkerungen sind sehr gut integriert worden. Und aufgrund der Idee des „Commonwealth“ hatten alle Immigranten aus den Commonwealth-Ländern vom ersten Tag an Wahlrecht. Die Debatte über Europa, über den Brexit, war in erster Linie eine nationalistische Idee, eher als xenophobisch, was wichtig ist.

War das tatsächlich so? Wir hatten von Deutschland aus einen anderen Eindruck, was die Ausländerfeindlichkeit betraf, zum Beispiel gegenüber Geflüchteten.

Bei der Kampagne ging es vor allem um die Kontrolle von Grenzen. Das bedeutet: nicht gegen die Ausländer, die bereits auf der Insel leben, sondern es ging um eine vermeintlich neue große Zuwanderungswelle. So habe ich in London die Entwicklung der Diskussion erlebt.

Wie haben Sie persönlich das britische „Nein“ zur EU erlebt?

Natürlich, persönlich war ich tief enttäuscht. Mein ganzes Leben habe ich mich als Europäer gefühlt. Meine Eltern sagten, dass wir uns zuerst als Europäer, dann als Briten, dann als Schotten sehen würden. Wie Sie wissen, war die Mehrheit für den Brexit sehr eng, und ich glaube: Worauf man bestehen muss, ist, dass die EU zu verlassen nicht heißt, Europa zu verlassen.

Was bedeutet der Brexit für das für das Humboldt-Forum?

Das Humboldt Forum ist wichtiger denn je. Was mich am meisten in diesem Projekt begeistert hat, ist, dass es ein Ziel des Hauses sein soll, Weltbürger zu bilden. Theresa May hat gesagt „To be a citizen of the world is to be a citizen of nowhere“. Das ist genau das Gegenteil von dem, woran ich glaube. Man muss immer Teil oder Bürger seiner eigenen Stadt, seines eigenen Staates sein. Und gleichzeitig auch Weltbürger. Daher das Glück der Berlin-Ausstellung von Paul Spies im Humboldt-Forum: Zeitgleich kann der Besucher hier die Verbindungen des Lokalen mit dem Globalen erleben.

Hier wird gerade eine Weltausstellung vorbereitet, allerdings von drei weißen Nordeuropäern. Das ist auch ein Signal in die Welt.

Nein, das ist kein Signal in die Welt. Das ist eine provisorische Struktur. Von Anfang an war sehr wichtig, mit einer internationalen Expertenkommission zu arbeiten. Die Kuratoren sind immer in enger Zusammenarbeit mit den Kollegen aus den Herkunftsländern der Exponate.

Wobei Mitglieder des internationalen Beirats es ja kritisieren, dass sie viel zu selten gefragt werden.

Ja das kann ich verstehen, denn im letzten Jahr hatten wir hier im Haus viel mit organisatorischen Strukturen zu tun. Das bedeutet überhaupt nicht, dass der internationale Beirat in der Zukunft nicht eine große Rolle spielen wird.

Und wenn Sie hier fertig sind, wollen Sie nach Großbritannien zurückgehen?

Ich pendele zwischen den beiden Städten. Mein Vertrag ist, dass ich zehn Tage pro Monat hier bin. Normalerweise ein bisschen mehr. Und die Gelegenheit zwischen den zwei Städten zu wohnen und zu leben, finde ich ideal. Weil diese für mich die lebendigsten Städte Europas sind. Hier wird Europa neu gedacht.

Mitarbeit: Marinka Schulz

 

Quelle: ZITTY Berlin, 10.03.2017