„Natürlich hat dieses Denkmal ein Geländer“

20.02.2017   rbb-online

 

Vor, zurück, zur Seite, ran: Nachdem der Bundestag die umstrittene „Einheitswippe“ vorm Berliner Stadtschloss gekippt hatte, nun die Rolle rückwärts. Allerdings warnen Kritiker: Sicherheitstechnisch sei das Denkmal ein Desaster. Stimmt nicht, sagt der Architekt.

Von Annette Miersch

Kanu, Floss, Wippe oder Flugzeug-Träger: Der Entwurf zum „Freiheits- und Einheitsdenkmal“ in Berlin legt je nach Blickwinkel viele bildliche Vergleiche nahe. „Schale“ nennt es das verantwortliche Stuttgarter Architekturbüro „Milla & Partner“. Diese Schale ist 50 Meter lang, 18 breit und zum Rand hin nach oben gebogen.

Sie kann sich in Längsrichtung neigen und heben: Soweit der zarte, goldschimmernde Entwurf auf dem Papier. Der fertige Bau wird halten, was der Entwurf verspricht, versichert Geschäftsführer Johannes Milla: „Das Denkmal ist eine Leichtbaukonstruktion ähnlich wie ein Flugzeugflügel. Es ist aus Stahl, aber leicht gebaut“. Auf den Stahl kommt eine Messingbeschichtung, dadurch entsteht am Ende der goldschimmernde Eindruck.

„Wippe ist physiklaisch falsch“

Johannes Milla ist froh, dass es nun doch wieder grünes Licht für die Bauausführung der Einheitsdenkmals gibt. Gegenwind für das Projekt pfeift ihm seit Jahren um die Ohren. Gerüchte, Irrtümer und Vorurteile bekomme er reichlich zu hören, sagt der Kommunikationsexperte. Das fange schon bei dem oft benutzten Begriff „Einheitswippe“ an: „Wippe ist physikalisch falsch. Eine Wippe auf dem Spielplatz bewegt sich ganz schnell und hat einen harten Anschlagspunkt.“ Tatsächlich soll sich das Denkmal aber ganz langsam bewegen, um 3,20 Meter nach unten und oben – und wird dann ganz sanft abgebremst.

Deshalb schlägt Milla den Begriff Waage vor. Die Schaukeltechnik der Waagschale sei sehr stabil, wartungsarm und basiere auf einfachster Mechanik: Über eine starke Achse hebt und senkt sich die Schale allein durch das Gewicht der Besucher, die über die Wiegerichtung entscheiden. Für die Sicherheit der Menschen sei umfänglich gesorgt, sagt der Projektchef: „Natürlich hat dieses Denkmal ein Geländer und zwar oben und unten, plus zusätzlichem Sicherheitsnetz“. Die Schalenkonstruktion stoppt 80 Zentimeter über dem Boden an der niedrigsten Stelle. „Hier kann nun wirklich niemand zu Schaden kommen“, sagt Milla.

In der Schale wird eine rutschfeste Beschichtung aus grauem, sehr feinem Edelsplitt für Trittsicherheit sorgen. Über eine Rampe gelangen auch gehbeeinträchtigte Besucher dorthin. Die sollen in der Mitte – auf circa zwölf Metern Länge – besonders gut aufgehoben sein. Hier, in Achsennähe, sei der Neigungswinkel des Schalenbodens klein und auch für Rollstuhlfahrer zu meistern, so Milla. Er hält das Denkmal für baureif, genauso wie man es von den Entwürfen kenne.

Rampe für Rollstuhlfahrer

Das ursprünglich für 10 Millionen Euro veranschlagte Freiheits- und Einheitsdenkmal soll auf dem Sockel des ehemaligen Nationaldenkmals für Kaiser Wilhelm I. auf dem Berliner Schlossplatz errichtet werden. Das neobarocke Reiterstandbild war 1950 von der DDR abgerissen worden.
Von der zuständigen Senatsverwaltung für Stadtentwicklung in Berlin ist nichts Gegenteiliges zu hören. Sie habe die Belange der Sicherheit und des barrierefreien Zugangs wie bei öffentlichen Bauten üblich geprüft, teilt sie auf rbb-Nachfrage schriftlich mit. Offenbar ist alles in Butter. Die Baugenehmigung jedenfalls hat sie schon vor anderthalb Jahre erteilt.

Das Denkmal-Projekt war im vergangenen April wegen einer drohenden Kostenexplosion von zehn auf 15 Millionen Euro vom Haushaltsausschuss des Bundestags gestoppt worden. Das Projekt sei zu teuer und zu reparaturanfällig, hatten die Kämmerer moniert. Dazu kamen alarmierte Umweltschützer, die sich um eine seltene Fledermausart am gewählten Standort sorgen. Außerdem wurde bemängelt, dass die Schale etztlich nicht rollstuhlgerecht sei.

 

Quelle: rbb-online, 20.02.2017