„Mit Leidenschaft für das Mittelalter“

08.02.2017 Berliner Zeitung

Von Julia Daum

Michael Malliaris sitzt in einem großen, zugigen Raum unter der Erde. Die Umgebung vermittelt einen kalten Eindruck, die Wände sind bis unter die Decke weiß gefliest. Aus unzähligen Kartons ragen einzelne Stücke Keramik, zerbrochene Gefäße und Mauersteine heraus. Im Hintergrund stehen Schrankreihen mit Aktenordnern, es riecht erdig und nach altem Papier.

Malliaris spricht besonnen und langsam über seine Fundstücke in den Kartons und darüber, was sie für seine Forschung bedeuten. Oft wandert sein Blick überlegend nach oben, er wählt seine Worte mit Bedacht. Das Thema ist ihm augenscheinlich eine Herzensangelegenheit, denn er spricht über seinen Beruf. Michael Malliaris ist Archäologe im Auftrag des Landesdenkmalamts und ist in Berlin unter anderem Leiter der Ausgrabungen rund um den Schlossplatz am Humboldtforum.

Momentan aber sieht die Arbeit wenig archäologisch aus, denn sie findet nicht im Freien statt. Nicht draußen vor dem Bagger im Schnitt stehend. Nicht mit dem Spaten in der Hand, der Neues, Unentdecktes, Aufregendes zutage fördern soll. Die Ausgrabungen am Schloss sind zu Ende. Außerdem: Winterzeit ist keine Ausgrabungszeit – es ist zu kalt, der Boden gefroren.

Aber abgeschlossen ist das Projekt nicht. Was jetzt geschieht bleibt für die Öffentlichkeit unsichtbar, ist aber für die archäologische Fachwelt ebenso wichtig wie die eigentlichen Ausgrabungen. Denn alle Funde helfen nichts, wenn sie nicht katalogisiert, kategorisiert, ausgewertet und schließlich interpretiert werden. Jetzt ist es Zeit für die eigentliche Forschung. Pläne und Karten des Schlossprojekts werden erstellt. Die Stratigraphie, also die richtige Abfolge der verschiedenen Kulturschichten muss geklärt werden, um die verschiedenen Gebäude und menschlichen Aktivitäten im Areal in eine historisch sinnvolle Reihenfolge zu bringen.

Beginn bei den Tempeln

Malliaris hält das, was über die eigentlichen Ausgrabungen hinausgeht, für das eigentlich Spannende. Hier liege die eigentliche Erkenntnis. „Das ist eine der schönen Seiten des Berufes, man hat beides: Ich stehe sehr gerne im Feld. Es ist der Reiz, etwas Neues zu entdecken. Aber die Auswertung der Funde ist für mich gleichberechtigt.“ Der Eindruck entsteht, der Archäologe habe die Ausgrabungen bildlich vor Augen, wenn er über seine Projekte spricht. Hier wurde sicherlich eine Leidenschaft zum Beruf. Sie wurde früh durch Eltern und Lehrer entfacht: In Bonn aufgewachsen, verbrachte Malliaris als Sohn einer deutschen Mutter und eines griechischen Vaters viele Sommer in Griechenland und kam so mit den Kulturschätzen, den Tempeln, Theatern und Nekropolen des antiken Griechenland in Berührung. „In der Schule hatte ich eine Geschichtslehrerin, die uns mit antiken Kunstwerken konfrontiert hat. Das löste in mir ein Interesse an Griechenland aus, an griechischer Kultur. Ich konnte dann mit Hilfe der Archäologie auch meine eigene Herkunft erkunden“, sagt Malliaris.

Studiert hat er in Bonn und Berlin – Altgriechisch, alte Geschichte und klassische Archäologie, die sich vornehmlich mit der Zeit und Kultur des antiken Griechenlands und Roms beschäftigt. Beruflich schien sich also zunächst alles auf den Mittelmeerraum hin zu entwickeln. Es folgte die Mitarbeit an Ausgrabungen im griechischen Dion und in Olympia, das seit über 100 Jahren von Archäologen erforscht wird. „1994 bin ich dann aber doch dem Ruf der Landesarchäologie gefolgt und habe in Neubrandenburg ein Jahr lang in einem Stadtkern ausgegraben. Das war mein Einstieg in die Landesarchäologie.“

Die Tatsache, dass Michael Malliaris heute vor allem Stätten des mitteleuropäischen Mittelalters erkundet, scheint zunächst verwunderlich – doch nur auf den ersten Blick. Denn zum einen unterscheiden sich die Ausgrabungsmethoden der verschiedenen archäologischen Disziplinen nicht sonderlich. Zudem sind klassische Archäologen im Gegensatz zu Prähistorikern, die die Mittelalterarchäologie sonst meist mit übernehmen, aufgrund ihrer Beschäftigung mit dem griechisch-römischen Raum bessere geschult im Umgang mit architektonischen Resten, wie zum Beispiel Kirchen oder Klöstern. Daher ist es auch logisch, dass ein Mann wie Michael Malliaris die Verantwortung über ein archäologisches Großprojekt wie dem Berliner Schlossplatz erhält. Denn dort befanden sich nicht nur die Überreste des Berliner Schlosses mit seinen Kellergewölben. Malliaris konnte mit seinem Team weit in das mittelalterliche Berlin vorstoßen – bis in eine Tiefe von teilweise dreieinhalb Metern. So stießen die Archäologen auch noch auf die Überreste eines Dominikanerklosters aus dem 14. Jahrhundert und legten Teile der alten Cöllner Stadtmauer frei.

Anfang der 90er-Jahre war es für klassische Archäologen ohnehin schwer, beruflich Fuß auf ihrem Fachgebiet zu fassen. Glücklicherweise gab es – auch ausgelöst durch die Wende – einen Boom der Mittelalterarchäologie: Es wurde viel gebaut in den neuen Bundesländern, und das förderte eben auch viel Mittelalterliches zutage. „Ich bin dann dorthin und habe mich auf die mittelalterlichen Stadtkerne, von denen es ja im Nordosten haufenweise gibt, spezialisiert“, sagt Malliaris.

Wissen weitergeben

Dass er sich aber aus einer Notwendigkeit heraus von der klassischen Archäologie weg entwickelt hat, möchte der Forscher so nicht stehen lassen: Die Mittelalterarchäologie sei ein Bereich, der wenig im Fokus stand, aber Bedarf an guten Leuten hatte. „Als klassischer Archäologe habe ich mich ohnehin immer mit Mauern beschäftigt und mich dann mit dem Bereich mehr und mehr angefreundet. Diese Leidenschaft für das Mittelalter habe ich also zweifellos entwickelt.“

Außerdem könne man spielend leicht verschiedenste historische Verbindungen zwischen dem Mittelmeerraum und Mitteleuropa herstellen. Denn das europäische Mittelalter war auf vielfache Art von der römischen Kultur und Geschichte beeinflusst. Das Reich des römisch-deutschen Kaisers im Mittelalter verstand sich gar als Nachfolger des Römischen Reiches.

Michael Malliaris erscheint als ein Archäologe, der seinen Beruf mit dem nötigen Ernst und auch mit Begeisterung betreibt. Genauso wichtig wie seine Arbeit als Ausgräber ist ihm aber auch, das dadurch gewonnene Wissen weiterzugeben und öffentlich zu machen. Gemeinsam mit dem Landesarchäologen hat er soeben der interessierten Öffentlichkeit ein hochinformatives Buch über erste Ergebnisse der Schlossausgrabungen vorgelegt.

Wenn alles genau untersucht ist, soll eine große Buchpublikation folgen, die alle Aspekte der Geschichte dieses Ortes, vom Mittelalter bis heute beleuchtet. Sollte Malliaris so schreiben, wie er von seinem Beruf spricht, nämlich mit Bedacht und Begeisterung, dann darf man Spannendes erwarten.

 

Quelle: Berliner Zeitung, 08.02.2017