„`Schlossherr` fordert freien Eintritt für das Humboldt Forum

02.11.2016  –  Berliner Morgenpost

Das Humboldt Forum soll Ende 2019 eröffnen. Jetzt stellte Gründungsintendant Neil MacGregor das Konzept vor – mit einem Paukenschlag.

Von Gabriela Walde

Das Humboldt Forum im wiederaufgebauten Berliner Schloss soll nach dem Willen der Gründungsintendanten ein Ort des Lernens und Weltverstehens werden. Der britische Museumsexperte Neil MacGregor stellte am Mittwoch zusammen mit seinen Kollegen Hermann Parzinger und Horst Bredekamp das mit Spannung erwartete Konzept für das ambitionierte Kulturzentrum vor.

So locker und strahlend hat man MacGregor noch nicht in Berlin gesehen. Es ist seine Woche, die Humboldt-Woche. Der Erwartungsdruck ist groß, alle warten auf das Konzept für die Bespielung des Humboldt Forum. Bislang hat der Gründungsintendant und Ex-Chef des British Museum geschwiegen. Nun eröffnet MacGregor seine erste Ausstellung als Testballon für künftige Präsentationen. Wir treffen den Briten in der Humboldtbox. „Sie fragen, und ich spiele Mutti“, sagt er und schenkt uns Kaffee ein.

Berliner Morgenpost: Sie überraschen mit ihrem Vorstoß für freien Eintritt ins Gebäude. Gibt es die Angst, dass keiner kommt? Das wird eine Debatte auslösen, es geht um sehr viel Geld.

Neil MacGregor: Wenn man möchte, dass das Haus eine gesellschaftliche Rolle im Leben der Stadt spielt, muss man dieses Thema diskutieren. Das würde sehr viel ändern, nämlich, dass die Bevölkerung ihre Sammlungen nutzt. Genau wie in London, in Washington oder Peking, wo die Museen kostenfrei zugänglich sind. Im Louvre in Paris sind mehr als 80 Prozent der Besucher aus dem Ausland. Die Pariser gehen selten in ihr Museum. Wenn aber der Eintritt frei ist, kommen die Menschen wieder, das ist meine Erfahrung. Dann wird das Humboldt Forum zur Privatsammlung aller Bürger. Das ist ein Ziel.

Berliner Morgenpost: Als Sie zum Gründungsintendanten ernannt wurden empfing man Sie in Berlin als „Messias“, der alles segnen soll. Gleichzeitig hat man das Gefühl, vor lauter zu hochgestapelten Ideen fehlte ein schlüssiges Konzept für das Humboldt Forum. Hat Sie das verwundert?

MacGregor (lacht): Ja, natürlich. Aber ich glaube, dass zeigt nur, wie wichtig das Projekt im Herzen der Stadt allen ist. Das Museum soll eine neue Haltung angesichts der Welt symbolisieren. Ich weiß nicht, wie Sie das einschätzen, aber für mich ist die größte Gefahr unserer Zeit der Nationalismus, der immer stärker wird. Diese politische Entwicklung, die nach Innen geht. Hier im Humboldt Forum geht es um ein Zeichen, um eine ganz andere Haltung, wo man die Welt als ein Ganzes betrachtet und versteht.

Berliner Morgenpost: Es geht um ein sogenanntes Weltmuseum, wo sich Deutschland mit seiner Geschichte, sich selbst und der Welt versöhnen möchte. Aber ist dieser Anspruch zu hoch?

MacGregor: Als Nicht-Deutscher kann ich nicht von Versöhnung sprechen. Aber in unseren Ausstellungen wollen wir zeigen, dass es vor allem um eine Herangehensweise geht. Wie kann man durch die Sammlungen in Berlin, die grenzenlos reich sind, die Welt von heute verstehen? Das war auch immer die Idee von Alexander von Humboldt, dass man die Gegenwart als eine Welt verstehen kann.

Berliner Morgenpost: Aber es gibt die eine Welt doch gar nicht: Brexit, Flüchtlingskrise…

MacGregor: Gerade deshalb ist der Versuch so wichtig. Ob das möglich ist, weiß keiner. Wir fangen hier in der Humboldtbox als Probebühne mit einer Reihe von Ausstellungen an. Mit dem Klimawandel zum Beispiel, ein globales Thema, das mit Alexander von Humboldt zusammenhängt, dem Humboldtstrom, einem weltweiten Phänomen. Eine zweite Ausstellung wird sich mit dem Schutz der Kinder beschäftigen. Dessen extremste Form ist die Flucht. Das bringt uns sofort zum heutigen, brennenden Thema.

Berliner Morgenpost: Sie haben sich mit dem Konzept viele Monate Zeit gelassen, sogar der Preußenchef Parzinger hat Tempo gemacht. War das von Ihrer Seite eine Form des Widerstandes gegen den herrschenden Druck?

MacGregor: Überhaupt nicht. Es ist einfach eine riesige Aufgabe. Wie lange würden Sie brauchen, um alle Sammlungen und Kollegen kennenzulernen, um das Potenzial auszuloten? Das braucht Zeit. Ich hielt es für sinnlos, mich zu früh zu äußern, wenn ich die Umstände noch nicht kenne. Ich wollte nicht reden, sondern die Objekte zeigen. Jetzt fängt das Humboldt Forum an.

Berliner Morgenpost: Sie kennen Berlin schon lange, jetzt wohnen Sie mehrere Tage im Monat hier. Hat sich Ihr Verhältnis zur Stadt verändert?

MacGregor (lacht laut): Ja, natürlich. Wenn man in einer Stadt lebt, ist das anders. 50 Jahre habe ich Berlin besucht. Wenn man das mit London vergleicht, lebt es sich hier so viel entspannter. Es gibt mehr Platz, die Straßen sind breiter. Die Menschen sind so freundlich, ich weiß, dass ist nicht ihr Ruf. Interessant ist auch für mich, wie sich Berlin neu entdeckt. Und es wird so viel gebaut, das ist einzigartig in Europa. Eine Stadt, die immer an die Zukunft denkt.

Berliner Morgenpost: Hier können Sie sich ein wenig vom Brexit distanzieren, oder?

MacGregor: Natürlich war das für mich persönlich sehr traurig. Aber man weiß noch nicht, was das politisch bedeuten wird. Aber kulturell werden die Verbindungen genauso eng bleiben, wie sie waren. Wir arbeiten alle seit Jahrzehnten zusammen.

Berliner Morgenpost: Die Crux des Humboldt Forum ist doch, dass es alle bedienen soll: Touristen, Wissenschaftsfans und Schüler. Wie soll das funktionieren?

MacGregor: Die Veranstaltungen sind da ganz wichtig, damit die Berliner regelmäßig ins Haus kommen. Ein breites Publikum soll angezogen werden, das Humboldt Forum muss in der Stadt, im Alltag eine gesellschaftliche Rolle spielen. Musik ist ein gutes Beispiel, weil alle Kulturen Musik brauchen.

Berliner Morgenpost: Ihre erste Ausstellung „Extreme! Natur und Kultur am Humboldtstrom“ in der Humboldbox ist ein Testballon für künftige Ausstellungen. Nicht gerade ein populäres Thema?

MacGregor: Nein, aber es ist wichtig, solche Themen populär zu machen. Der Schlüterhof ist ein Platz in der Stadt, nicht nur ein Teil des Gebäudes. Dort wollen wir Veranstaltungen planen, die für alle offen sind. Alle Berliner sollen sich hier irgendwie zu Hause fühlen.

Berliner Morgenpost: Noch unklar ist, wie die Verbindung vom Erdgeschoss zu den Sammlungen des Ethnologischen Museums und des Museums für Asiatische Kunst funktioniert. Unten brauchen Sie einen populären „Verteiler“, der die Besucher in die oberen Etagen lockt.

MacGregor: Die Ausstellungen müssen als Ganzes erfahren werden. Die Umnutzung der Berliner Fläche hat für uns Gründungsintendanten alles verändert. Ursprünglich war die erste Etage mit der Bibliothek und der Universität gar nicht für ein breites Publikum gedacht. Jetzt wird mit der Berliner Schau die ganze Etage neu gedacht. Anstelle der Kunstbibliothek würden wir auf der Fläche die Brüder Humboldt vorstellen. Die Humboldts dienen als Basislager für eine Weltreise. Dann geht man hoch, wählt sich Ozeanien oder Mexiko aus. Wenn der Eintritt kostenlos ist, kommt man wieder, Ozeanien anschauen. Innerhalb dieser geografischen Flächen sollen kulturübergreifende Themen stattfinden.

Berliner Morgenpost: Zum Beispiel?

MacGregor: Alle Kulturen haben Götter, die meisten haben Bilder von ihren Göttern. Aber es gibt Kulturen,wo man Götter nicht anschauen darf. Oder wie geht man mit Tieren um, alle Kulturen hängen von Tieren ab. Und wir wollen mehr über die Geschichte des Ortes erzählen. Überall im Haus soll man Aspekte der Geschichte(n) des Ortes, nicht nur des Schlosses, sondern auch des des Palastes der Republik zeigen. Das können wir durch Objekte zeigen. Und dann wird der Besucher hoffentlich wissen, dass er an einem Ort steht, der eine lange Geschichte hat.

 

Quelle: Berliner Morgenpost, 02.11.2016