„Wie der Schlossbrunnen zum Nabel der Stadt wurde“

31.10.2016   Berliner Zeitung

Von Maritta Tkalec

Da bekam der Berliner, was er schon immer am meisten mochte: kostenlos was zu sehen. Ein Spektakel mit Promis und Musike. Der Schlossplatz war voller Menschen, als am Sonntag, dem 1. November 1891, vor genau 125 Jahren, um 15 Uhr das opulente Wasserspiel feierlichst enthüllt wurde. Der Kaiser war da samt Hofstaat, Oberbürgermeister Max von Forckenbeck und natürlich der Schöpfer des Werkes, der Bildhauer Reinhold Begas.

Wilhelm II. verlieh der neuen Attraktion den Namen „Schlossbrunnen“. Anders als die sechs Jahre später gleich um die Ecke, vor dem Hauptportal der Residenz errichtete monumentale Kaiser-Wilhelm-Reiterstatue samt üppigem Bodenvolk gehörte der Schlossbrunnen nicht in die Kategorie der Nationaldenkmale – Monumente zur Verherrlichung der Erhebung und Einigung Deutschlands sowie zur Anbetung der Hauptakteure: Wilhelm I. & II., mit einigem Abstand Reichskanzler Fürst Otto von Bismarck.

Der Schlossbrunnen folgte einer anderen Intention jener Zeit: Kunstwerke für die Verschönerung des jeweiligen Ortes, städtebauliche Höhepunkte zu schaffen, Fremdenverkehr und Kunst zu fördern. Auch das Repräsentative diente dem Ruhme der Nation. Unser Brunnen zeigt aber auch die dem Zeitgeist gemäße national-pädagogische Geste.

Der Betrachter erkannte das politische Programm: Neptun, der mit erhobenem Dreizack den Meereswogen Einhalt gebietet, tritt auf als der allmächtige Herrscher, der die Geschicke mit Ruhe und Gelassenheit, mit Kraft und Entschlossenheit lenkt – die üblichen Attribute des Kaisers.

Herrscher Neptun und seine Flüsse

Die mächtige Gestalt des Neptun (oder Poseidon) beherrscht den Brunnen, thronend auf einem gewaltigen Felsblock. Zugleich erinnert die riesige, von vier Seekentauren getragene Muschel, in welcher der Gott ruht, an den vom römischen Historiker Tacitus überlieferten altgermanisch-keltischen Brauch, einen frisch gewählten Fürsten auf den Schild zu heben und dreimal um das versammelte Volk zu tragen, damit er von jedermann zu sehen war.

Salbung und Thronsetzung ersetzten bald das kippelige Ritual. Die Redewendung ist geblieben. Der Bildhauer Begas folgte in Idee und Ausführung den Vorbildern des Bernini-Vierströmebrunnens, der seit 1651 die Mitte der Piazza Navona in Rom beherrscht, und der an der nördlichen Platzseite gelegenen Fontana del Nettuno, die ihre heutige Gestalt 1878 erhielt.

Während der Berliner Meeresgott seinen Dreizack stolz in die Höhe reckt (er hat seine Schlacht schon geschlagen), steckt der römische immerfort im Kampf; er bohrt seine Waffe in einen feindlichen Oktopus. Hier wird die von den vier Strömen des Brunnens allegorisch markierte Welt verteidigt, in welcher der Papst seine globalen Herrschaftsansprüche erhebt: die Donau für Europa, den Ganges für Asien, den Nil für Afrika, den Rio de la Plata für Amerika.

Im Einweihungsjahr hagelte es Kritik

Die Berliner Ansprüche stecken ebenfalls vier allegorische Figuren ab, symbolisiert als Rhein mit Fischernetz und Weintrauben, als Weichsel mit Holzkloben, Oder mit Ziege und Fell sowie Elbe mit Ähren und Früchten. Dass es sich allesamt um weibliche Allegorien handelt, statt Vater Rhein eine männliche Gestalt zu gönnen, benörgelte der Kritiker der Zeitschrift „Die Kunst für Alle“ im Einweihungsjahr.

Zudem fand er das Werk unoriginell und trotz seiner beachtlichen Ausmaße als einem der größten Brunnen der Welt – zehn Meter Höhe bis zur Zackenspitze, maximaler Abstand zwischen zwei Ausbuchtungen des kleeblattförmigen Beckens 18 Meter – immer noch zu klein. So sei der „Gegensatz zwischen dem massigen Schlossbau der einen Seite und den übrigens durchweg schönen Kaufhäusern auf der anderen Seite (Breite Straße, d. R.) nicht auszugleichen“.

Bindeglied zwischen südlicher Bürgerstadt und Schlossquartier

Tatsächlich stand der Brunnen als Bindeglied zwischen südlicher Bürgerstadt und Schlossquartier. Aber die neobarocke Üppigkeit, die zelebrierte Fülle und Leidenschaft der Figuren sprachen das Lebensgefühl der Gründerjahre an. Das Sprudelbecken wurde populär.

So lud der Schriftsteller Victor Laverrenz 1892 seine Leser in dem Büchlein „Die Denkmäler Berlins und der Volkswitz“ ein, mit ihm „loszuzittern“: „Beginnen wir die Wanderung beim Schlossbrunnen, der nach den mannigfaltigen Richtungen hin Anlass zu Witzeleien gegeben hat.“ Die bekannteste Benennung für dieses Kunstwerk sei ‚Forckenbecken‘. Neptuns Forke und Oberbürgermeister Max von Forckenbeck liefern das Material für das Wortspiel, das Nichtkennern der Brunnengeschichte albern vorkommen mag.

Konflikt mit den Mächtigen

Es ging um hohe Politik. Forckenbeck, ein Liberaler, lange als Reichstagspräsident in hohem Ansehen bei Kaiser und Kanzler, war angesichts der nationalistisch-konservativen Wende im Reich seit 1878/79 in Konflikt mit den Mächtigen geraten. Den gegen Freihandel gerichteten Protektionismus sah er als dem städtischen Leben schädlich an, zum Beispiel fürchtete er steigende Lebensmittelpreise für die Berliner.

Um Spannungen abzubauen, bot der Forckenbeck-Magistrat dem soeben gekrönten Kaiser Wilhelm II. 1888 als Geschenk einen Monumentalbrunnen für den Schlossplatz an – doch der lehnte ab. Für die Bestätigung der Wiederwahl Forckenbecks 1890 nahm sich der Monarch acht Monate Zeit.

Erst als der Bürgermeister die Ausführung des Brunnens dem absoluten Lieblingsskulpteur Wilhelms II., Reinhold Begas, übertrug und zusagte, das Werk solle „Schlossbrunnen“ heißen, nahm der Herrscher 1891 das Bürgergeschenk huldvoll an. Mit Künstlerhonorar und Modellen kostete es die Stadt 500 000 Goldmark.

Nullpunkt der Preußenmeile

Reinhold Begas schuf den Brunnen, sein volkstümlichstes Werk, genau abgestimmt auf die Proportionen des Schlossportals II. Doch der Clou für die Platzierung an diesem Ort ist ein anderer. Der Architekt Andreas Schlüter ließ während des barocken Schlossumbaus zu Beginn des 18. Jahrhunderts unter den Fenstern des Mezzaningeschosses einen sogenannten Omphalos, eine runde Scheibe mit Nabelpunkt, anbringen, als Botschaft an alle: Das Schloss war der Mittelpunkt Berlins, der Nabel der Welt, zumindest aber der Stadt.

Den genauen Punkt markierte ein Schinkel-Kandelaber seit der 1. Hälfte des 19. Jahrhunderts: vor Portal II an der Südseite des Schlosses. Genau dorthin wünschten Kaiser und Künstler den Brunnen, und so geschah es 1891. Von dort geht das gesamte preußische Meilensystem aus. Noch existierende Meilensteine messen die jeweilige Entfernung stets vom Messpunkt Null Schlossplatz aus. So erlangte der Brunnen den Status des Nabels von Berlin.

Dieser Bezug zwischen Schloss und Brunnen ist offenkundig, anders als der von machen ausgemachte Kontext zwischen Neptun und Fernsehturmkugel. Da fährt der Meeresgott wundersam gen Himmel.

Neu-Einweihung in der DDR

Mit seiner Neuplatzierung 1969 – mit neuem Becken aus Jomeljansker Granit – auf das Gebiet des ehemaligen Marienviertels und dem Bruch jeglicher räumlicher Zusammenhänge setzte sich der auch früher schon benutzte Name Neptunbrunnen fest. Mit seiner Neu-Einweihung feierte die SED-Führung den 20. Jahrestag der DDR.

Das Publikum nimmt ihn heute als Einzelstück wahr, als beliebten Treffpunkt, als Kontrastpunkt zu den Neubauten des namenlosen Platzes. Es macht mit Denkmalen ja generell, was es will.

 

 

Quelle: Berliner Zeitung, 31.10.2016

 

 

 

  • Nico Kollan

    Der muss da definitiv wieder hin!

  • Rodrigo Horn da Silva

    Diese Diskussion um die Gestaltung des Umfeldes vom Schloss ist einfach erbärmlich und dem Wiederaufbau des Schloss unwürdig! Wann spricht ein Politiker sich endlich klar für die Rückkehr aus ?!

  • Paul Horst Tribbels

    Jawohl,wieder auf seinen angestammten Platz zurück.

  • Jürgen Aha

    Bei diesem Foto geht einem das Herz auf!

  • nipper

    Der Brunnen gehört wieder vor das Portal II, wo er früher stand. Genauso wie die Rossbändiger wieder auf ihrem alten Platz postiert werden sollten. Nur so kann auch das Umfeld des Humboldforums / Schloss in eine harmonische und historisch korrekte ,Ansicht gebracht werden. – Kein Stückwerk errichten sondern einen architekturgeschichtlichen korrekten (äußerlichen) Wiederaufbau!
    Dr. W. R.